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Uns auf Google folgenMädchen in Namibia – dicke Freundinnen, die keiner schlechten Zukunft entgegenblicken. Mädchen in Namibia – dicke Freundinnen, die keiner schlechten Zukunft entgegenblicken. © Krilt/IStock

Die Deutschland-Chefin der Organisation UN Women warnt vor Rückschritten beim Schutz von Frauenrechten. Überraschend positive Entwicklungen gibt es in Namibia.

Wie geht es Frauen und Mädchen weltweit am Ende dieses Jahres? Die Lage ist widersprüchlich. Auf der einen Seite gibt es messbare Fortschritte: mehr Bildung, bessere Gesundheitsversorgung, neue Gesetze und internationale Aufmerksamkeit. Auf der anderen Seite erleben wir politische Rückschritte, autoritäre Gegenbewegungen und neue Formen von Gewalt und Ausgrenzung.

Frau Langenkamp, ein Mädchen, das heute geboren wird, hat statistisch bessere Chancen als früher – etwa auf Bildung oder Führungspositionen. Gleichzeitig sind die Risiken enorm: Kinderheirat, Aufwachsen in Kriegsgebieten oder ein Leben in Armut. Wie würden Sie die weltweite Lage von Frauen und Mädchen Ende 2025 beschreiben?

Anhand zweier Beispiele. Das positive: Im September dieses Jahres fand im Rahmen der UN-Generalversammlung in New York ein hochrangiges Treffen zum 30-jährigen Bestehen der Pekinger Aktionsplattform statt – dem umfassendsten Konzept zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter. Da berichteten Staaten aus aller Welt über ihre Fortschritte bei Frauenrechten und Geschlechtergerechtigkeit. Besonders beeindruckend war der Beitrag der namibischen Präsidentin Netumbo Nandi-Ndaitwah. Sie wies darauf hin, dass in Namibia die Präsidentin, die Vizepräsidentin, Sprecherin der Nationalversammlung und die Generalsekretärin der Regierungspartei Frauen sind. Zudem sind 57 Prozent der Kabinettsposten weiblich besetzt …

Vor einigen Jahren erstritt die trans Frau Mercedez von Cloete einen Erfolg vor Namibias Hohem Gericht in Windhoek.Vor einigen Jahren erstritt die trans Frau Mercedez von Cloete einen Erfolg vor Namibias Hohem Gericht in Windhoek. © HILDEGARD TITUS/afp

… davon können viele Länder, auch Deutschland, nur träumen.

Das andere Extrem ist Afghanistan. Dort werden Mädchen systematisch von der Sekundarschulbildung ausgeschlossen, Frauen vom öffentlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben. Das zeigt, wie fragil Frauenrechte sind. Sie sind immer politisch – und nie selbstverständlich.

Die UN-Agenda für nachhaltige Entwicklung sieht vor, Diskriminierung von Frauen und Mädchen bis 2030 zu beenden. Ist es bisher ein Fortschritt mit angezogener Handbremse?

Eigentlich nicht. Denn die Entwicklung ist nicht linear, sondern verläuft – wie die beiden Beispiele zeigen – je nach politischem Kontext extrem unterschiedlich. Und weil es keine lineare Entwicklung ist, gibt es nichts, worauf wir uns ausruhen können.

Also kein langsames, aber stetiges Vorankommen? Mal geht es vorwärts, mal rückwärts oder auch seitwärts?

Genau. Das sehen wir in den USA, in Russland, in Ungarn. Ein Beispiel aus Europa: 2020 verabschiedete die EU unter deutscher Ratspräsidentschaft eine ehrgeizige Agenda für die Gleichstellung der Geschlechter und die Stärkung der Rolle der Frau im auswärtigen Handeln der EU. Auch fürs Binnenverhältnis wurde eine EU-Gender-Equality-Strategie verabschiedet, Titel „A Union of Equality“. Heute, fünf Jahre später, unter veränderten politischen Mehrheiten und dem Einfluss starker Anti-Gender-Bewegungen, spricht die EU nur noch von einer „Roadmap for Women’s Rights“. Das klingt ähnlich, ist aber ein deutlicher Rückschritt.

Weil es nur noch um Frauenrechte und nicht mehr um Geschlechtergerechtigkeit für alle geht?

Exakt. Themen wie Geschlechtervielfalt, sexuelle Orientierung oder gendertransformative Ansätze tauchen nicht mehr auf. Statt strukturelle Ursachen von geschlechtsspezifischer Diskriminierung in all ihrer Vielfalt zu adressieren, rückt das „Empowerment von Frauen“ wieder ins Zentrum.

Dahinter steckt also wieder ein rückwärtsgewandtes, konservatives Geschlechterbild?

Das ist das Fatale da dran: Es geht nur um Männer und Frauen. Diese Entwicklung ist besorgniserregend und wird von rechten und rechtsextremen Ideologien massiv vorangetrieben. Ungarn zum Beispiel hat progressive Beschlüsse der EU und OECD zur Gleichstellung bereits 2020 nicht mitgetragen. Und 2022 hat die Regierung unter Viktor Orbán entschieden, dass verheiratete Frauen unter 40 mit mehr als vier Kindern lebenslang von Steuern befreit sind. Ein klares Signal für ein traditionelles, staatlich gelenktes Frauen- und Familienbild.

Um Fortschritte und Rückschritte bei Geschlechtergerechtigkeit festzustellen, braucht es Zahlen, Daten, Fakten. Was lässt sich denn überhaupt messen und was bleibt eher verborgen?

Die UN-Agenda 2030 zum Beispiel misst bei ihren Zielen und Unterzielen nur, was datenbasiert belegbar ist. Dazu gehören zum Beispiel Bildung, Gesundheit, politische Teilhabe und gesetzliche Gleichstellung. Denn was wäre der Wert dieser Agenda, wenn es keine Rechenschaftsmechanismen gäbe? Ergänzend gibt es etwa die „Women, Business and the Law“-Datenbank der Weltbank und den Gender Snapshot von UN Women. Sie zeigen, dass in den letzten fünf Jahren weltweit 99 Gesetze zur Beseitigung von Diskriminierung verabschiedet oder reformiert wurden – ein enormer Fortschritt.

Wie steht es um Mädchen und Frauen in der Bildung?

Mädchen schließen heute häufiger die Schule ab als je zuvor. In der Grundbildung gibt es fast keine Geschlechterunterschiede mehr. Auch an Universitäten und Fachbereichen, in denen Frauen früher nicht vertreten waren, steigt ihre Zahl an …

… Bildung scheint der Schlüssel für fast alles Weitere zu sein.

Bildung ermöglicht wirtschaftliche Teilhabe, Kenntnis der eigenen Rechte und Zugang zu digitalen Informationen. Länder wie Namibia zeigen, was möglich ist, wenn gezielt in Bildung und politische Teilhabe von Frauen investiert wird. Laut dem vom Weltwirtschaftsforum jährlich erstellten Gender Gap Report fiel Deutschland im Jahr 2024 auf den 9. Rang zurück – hinter Namibia, das auf Rang 8 steht.

Was wird im Gesundheitsbereich gemessen?

Der Zugang zu sexuellen und reproduktiven Gesundheitsdienstleistungen und ihre Folgen – vor allem Müttergesundheit. Die Müttersterblichkeit ist seit 2000 um fast 40 Prozent gesunken. Das sind große Erfolge – auch wenn noch immer täglich rund 800 Frauen an vermeidbaren Ursachen rund um Schwangerschaft und Geburt sterben. Und das im Jahr 2025.

Und welche Bereiche entziehen sich der Messbarkeit?

Vor allem Gewalt gegen Frauen und Mädchen …

… aber auch da werden doch die Zahlen in vielen Ländern erfasst …

Erfasst wird aber nur, was angezeigt wird. Die Dunkelziffer ist enorm – besonders in Ländern, wo es keine Gesetze, keine Anlaufstellen oder kein Vertrauen in die Justiz gibt. Ein Justizsystem muss so angelegt sein und die dahinterstehenden Organe so geschult, dass sich eine Frau traut, Gewalt zu melden, weil sie hofft, dass ihr Gerechtigkeit widerfährt. Dass die Täter identifiziert, verfolgt und bestraft werden.

In Deutschland haben wir gerade das Gewalthilfegesetz verabschiedet. Von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen haben jetzt ein Anrecht auf Schutz, die Täter werden verfolgt und können auch zum Tragen einer Fußfessel verurteilt werden.

Das ist eine absolute Errungenschaft, die nur gelang, weil gesellschaftliche Kräfte aller Couleur dafür gekämpft haben – von Nichtregierungsorganisationen über Politiker:innen und Prominente. Aber Sie dürfen nicht vergessen: Laut der Weltbank gibt es in 98 von 190 Ländern keine Gesetze gegen sexuelle Belästigung und in 137 keine gegen häusliche Gewalt.

Und in diesen Ländern sind Frauen völlig schutzlos?

Wo kein Gesetz besteht, besteht kein Schutz. Aber auch in Ländern, in denen es Gesetze gegen sexuelle Belästigung gibt, sind Menschen nicht davor beschützt. Ein Beispiel: Früher habe ich für die Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit gearbeitet und ein Vorhaben in Ägypten zum Thema sexuelle Belästigung von Frauen und Mädchen geprüft. Da hat nicht nur die absolute Mehrzahl von Frauen angegeben, dass das Teil ihrer Lebensrealität im öffentlichen Raum ist, sondern auch über 70 Prozent der Männer meinten, das sei normal. Das darf nicht normal sein: Im Rahmen der Orange-the-World-Kampagne haben wir, UN Women Deutschland, zusammen mit innn.it und prominenten Unterstützer:innen die Petition „Schluss mit Catcalling – sexuelle Belästigung strafbar machen! Kein Kompliment“ gestartet. Sie wurde bereits von über 57 000 Menschen unterschrieben.

Auf der einen Seite gibt es Staaten, die sich sehr gezielt für Geschlechtergerechtigkeit und die gleichen Rechte und Chancen für Mädchen und Frauen in all ihrer Diversität einsetzen. Auf der anderen Seite ist in UN-Berichten von einem globalen „Gender Backlash“ die Rede. Was bedeutet das konkret?

Zunächst die Rückkehr zu traditionellen Rollenbildern, zu einer Geschlechterordnung, in der die Frau ihren Platz in der Familie hat, dem dominanten Mann unterstellt ist und die sexuellen und reproduktiven Rechte von Frauen eingeschränkt werden. Wir sehen das zum Beispiel in Ungarn, Russland, den USA und im Iran. In diesem März hat Putin Schülerinnen und Studentinnen Geld geboten, wenn sie Kinder gebären für den Staat. Hinzu kommt: Konservative Anti-Gender-Netzwerke in Europa haben zwischen 2018 und 2022 über 1,18 Milliarden Dollar mobilisiert – für Lobbyarbeit, Medienkampagnen und Rechtsstreitigkeiten.

Angela Langenkamp ist seit Juni 2025 Vorsitzende von UN Women Deutschland. Als Keramikerin, Lehrerin und promovierte Geografin blickt sie auf eine bunte Vita mit 36 Jahren Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit zurück.Angela Langenkamp ist seit Juni 2025 Vorsitzende von UN Women Deutschland. Als Keramikerin, Lehrerin und promovierte Geografin blickt sie auf eine bunte Vita mit 36 Jahren Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit zurück. In unterschiedlichen Funktionen setzt sie sich seit über 40 Jahren aktiv für gleiche Rechte und Chancen für alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer sexuellen Orientierung und ihrer Geschlechteridentität ein. © privat

Eine organisierte Gegenbewegung?

Genau. Und die ist international vernetzt und wirkt über geopolitische und Ländergrenzen hinweg. Es geht um Propaganda, Kampagnen und gezielte Aktionen, um traditionelle Rollenbilder zu glorifizieren, um Geschlechtervielfalt und das Selbstbestimmungsrecht zu verpönen und Frauenhass zum Beispiel in sozialen Medien zu verbreiten. Diese Entwicklung nimmt enorm an Fahrt auf. Das Ergebnis: Sexistische Sprache, Hass in sozialen Medien und die Ausgrenzung queerer Menschen nehmen wieder zu – und werden gesellschaftsfähiger. In Ostdeutschland hat die AfD erfolgreich Wahlwerbung mit dem Spruch gemacht: Es gibt nur zwei Geschlechter.

Haben Sie dennoch eine positive Botschaft fürs neue Jahr?

Ja klar. Mich beeindruckt eine Entwicklung in Afrika. Dort haben Staats- und Regierungschefs erkannt, dass die patriarchalen Strukturen und die daraus resultierende Gewalt gegen Frauen und Mädchen eines der größten Hindernisse für die Entwicklung ihrer Länder sind. Daher hat die Afrikanische Union drei Jahre in Folge sogenannte Men’s Conferences unter der Schirmherrschaft männlicher Staats- und Regierungschefs organisiert und damit den Grundstein für die Verabschiedung der „African Union Convention on Ending Violence Against Women“ 2024 gelegt. Faszinierend. Dieses Beispiel zeigt: Gleichberechtigung gelingt nur gemeinsam. Genau da müssen wir ansetzen, um die Gleichberechtigung der Geschlechter gelebte Realität werden zu lassen.