
Der afrikanische Radsport ist von echten Errungenschaften und großen Hoffnungen, aber auch herben Rückschlägen und Ernüchterungen geprägt. Das offenbarten auch die ersten Welttitelkämpfe des Straßenradsports auf diesem Kontinent.
Der große historische Moment beinhaltete auch einen kleinen. Die ersten Radweltmeisterschaften auf afrikanischem Boden wurden von einer Athletin aus Afrika eröffnet. Xaverine Nirere aus dem Gastgeberland Ruanda schnellte am vergangenen Sonntag als erste von der Startrampe des Zeitfahrens der Frauen. Trommelwirbel begleiteten sie, ekstatische Anfeuerungsrufe der Fans. „Natürlich war ich aufgeregt. Aber ich hatte keine Angst und habe dann einfach versucht, mein Bestes zu geben, wie jede hier“, sagte sie später der Sportschau. In der Endabrechnung wurde sie 27., landete mit fast sieben Minuten Rückstand auf die Siegerin Marlen Reusser im Mittelfeld der insgesamt 44 Starterinnen. Immerhin war sie die beste afrikanische Athletin, was sie mit Stolz erfüllte.
Nirere jetzt zum Aushängeschild des ruandischen Radsports zu erklären, wäre aber verfehlt. Zwar ist sie in Ruanda aufgewachsen, begann in der sechsten Klasse mit Radsport. Ihr Bruder brachte sie dazu, Valens Ndayisenga, 2014 und 2016 jeweils Sieger der heimischen Tour du Rwanda. „Er gab mir mein erstes Rad. Ich verband dann Schule und Radsport. Der Durchbruch kam, als während der Pandemie die Schule geschlossen war und ich mich komplett auf den Radsport konzentrieren konnte“, meinte sie lächelnd. Ihren Feinschliff als Athletin erhält sie aber jenseits der Landesgrenzen, in Kenia, bei den Trainingssessions des dort lizensierten Teams Amani. Seit vergangenem Jahr ist sie dort, bestreitet mit dem Team vor allem Gravelrennen, gewinnt sie gelegentlich auch. Ab und an kehrt sie auf die Straße zurück. Wie jetzt eben bei der WM.
Dass sie ins Ausland gehen musste, um ihr Talent weiterzuentwickeln, macht eines der Probleme des Radsports in Ruanda deutlich. Eine ihrer Teamkolleginnen in der Mixed-Staffel ist auf Klub-Niveau in Kenia unterwegs, die andere, Diane Ingabire, schaffte vor zwei Jahren den Sprung nach Europa, ins Nachwuchsteam des deutschen Rennstalls Canyon SRAM zondacrypto. Aber die Basis im Lande ist fragil.
Fragile Infrastruktur
Das liegt auch am Weggang des Entwicklungsprojekts von Team Africa Rising und der Nachwuchsakademie von Adrien Niyonshuti, die sich daraus entwickelt hatte. Niyonshuti war der erste Radprofi aus Ruanda, damals beim südafrikanischen Rennstall MTN Qhubeka. Er nahm auch als Mountainbiker an den Olympischen Spielen 2012 teil. Auch das war eine Premiere für den ruandischen Sport. Nach der aktiven Karriere baute er eine Radsportschule auf. „Ich gab dann aber auf, weil ich kein Geld zusammenbekam, ein richtiges Team zu finanzieren mit gutem Material und kontinuierlichem Trainings- und Wettkampfprogramm“, erklärte er der Sportschau am Rande der WM.
Niyonshuti ging nach Benin und kehrte jetzt als Coach der Auswahl des westafrikanischen Landes in seine Heimat zurück. Natürlich betrachtet auch er die WM in Ruanda als Meilenstein: „Ich bin stolz darauf, dass mein Land beweist, dass es solch ein großes Event ausrichten kann.“ Er zweifelt aber an der nachhaltigen Wirkung. „Mit dem Weggang unserer Akademie ist das Niveau der ruandischen Fahrer gesunken“, klagt er. Man sehe das an den Resultaten, aber auch an geringeren Trainingsumfängen, schildert er seine Beobachtung. Und wenn die WM vorbei sei, würden Geld und Aufmerksamkeit nicht mehr in gleichem Maße in den Radsport gesteckt, befürchtet er.
Girmay: „Rückstand Afrikas ist größer geworden“
Im Verband sieht man das anders. Verbandspräsident Samson Ndayishimiye verwies gegenüber der Sportschau vor allem auf das Radsport-Flaggschiff des Landes, die Tour du Rwanda. Die ist tatsächlich erstklassig organisiert. An Rennen auf regionalem oder lokalen Niveau allerdings mangelt es. „Das ist ein Problem des gesamten afrikanischen Kontinents. Es gibt zu wenig Rennen, in denen sich die Talente messen können“, sagte auch UCI-Präsident David Lappartient bei einer Pressekonferenz am Freitag in Kigali. Der für vier Jahre wiedergewählte Chef des Weltradsportverbands bezog sich dabei auf alle Niveaus, das nationale, das regionale und das lokale. Und er versprach Initiativen der UCI und des afrikanischen Verbandes, daran etwas zu ändern.
Aber das wird dauern. Afrikas Superstar Biniam Girmay läutete sogar die Alarmglocken. „Der Rückstand Afrikas gegenüber Europa ist in den letzten 20 Jahren sogar größer geworden. Denn in Europa hat sich der Radsport enorm entwickelt, vom Material, von der Trainingsmethodik, von der Ernährung her. In Afrika fehlen aber Geld und Ressourcen, um da mitzuhalten“, meinte er auf seiner Pressekonferenz ebenfalls am Freitag in Kigali.
Der Klassikerspezialist aus Eritrea bedauerte auch, dass die WM-Organisatoren eine historische Chance verpasst hätten. „Der Parcours ist zu schwer, nicht nur für mich“, sagte der frühere Gewinner des Punktetrikots bei der Tour de France. „Er ist auch zu schwer für alle anderen afrikanischen Fahrer, welchen Namen Sie mir da immer auch nennen“, meinte er. Er verwies auch auf die vielen afrikanischen Nachwuchsfahrer, die bei den Straßenrennen des Nachwuchses nicht das Ziel erreichten.
Neues UCI-Center fördert Sportler aus Afrika
Verbandspräsident Ndayishimiye versuchte diese Kritik gegenüber der Sportschau zwar mit einem Bonmot zu entschärfen. „Nicht wir haben diesen Parcours gemacht. Gott ist daran schuld, dass wir das ‚Land der 1000 Hügel‘ sind“, meinte er. Aber der Reiz, den Superlativ des „härtesten WM-Rennens aller Zeiten“ zu kreieren, überwog offensichtlich alle Überlegungen, mit einem weniger anspruchsvollen Parcours auch afrikanischen Athletinnen und Athleten zu größeren Erfolgserlebnissen zu verhelfen.
Es gibt allerdings auch positive Akzente. Im Februar eröffnete die UCI einen Ableger ihres World Cycling Centers in Ruanda und bereitete dort 65 Nachwuchsathletinnen und -athleten aus 35 afrikanischen Ländern auf die WM vor. Weitere Trainingslager, aber auch Weiterbildungen für Trainer, Mechaniker und Kommissäre sind dort geplant, erläuterte Jacques Landry, Direktor des WCC-Programms, der Sportschau.
Mechanikerausbildung mit deutscher Hilfe
Und auch an der Basis wächst etwas. Der Berliner Unternehmensberater und Spezialist für Fahkräfteentwicklung, Burkhart Volbracht, hob mit dem Organisator des schon legendären 1.000 Kilometer langen Ultramarathons Race Around Rwanda, Simon Schutter, in Kigali eine Akademie zur Ausbildung von Fahrradmechanikern aus der Taufe. „Es gibt hier viele Leute, die Fahrrad fahren. Einmal die Fahrradtaxifahrer mit ihren schweren Eingangrädern. Aber auch immer mehr Radtouristen aus aller Welt kommen hierher. Woran es aber mangelt, sind gute Mechaniker. Es gibt keine Ausbildung dafür“, erzählte Volbracht der Sportschau.
Im Rahmen des Projekts „Gear Up“ will er nun eine komprimierte Version der zweijährigen deutschen Ausbildung in Ruanda etablieren. Fernziel ist es, Kompetenzen zu vermitteln, die nicht nur zum Schlauchwechsel bei den Eingangrädern reichen, sondern auch die Reparatur von komplexen Schaltungen beinhalten bis hin zur Wartung von E-Bikes, um der E-Mobilität im Lande einen Schub zu verleihen. Volbracht wollte mit dem Programm eigentlich schon im vergangenen Jahr starten, um pünktlich zur WM die ersten 20 Mechaniker ausgebildet zu haben, die einerseits manchen Nationalteams hätten zur Seite stehen und andererseits ihre ersten Schritte ins eigene Business machen können bei der Betreuung der vielen Radenthusiasten, die als WM-Besucher ins Land gekommen sind. „Leider hat es etwas länger gedauert“, meinte er.