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Uns auf Google folgenBäume im Südwesten Madagaskars, deren Wurzeln durch Erosion freigelegt wurden.Bäume im Südwesten Madagaskars, deren Wurzeln durch Erosion freigelegt wurden. © Karel Prinsloo/AFP

Im Süden der Rieseninsel zerbricht alle gesellschaftliche Ordnung.

Damisoa hat seine Heimat nicht verlassen, weil er wollte, sondern weil er musste.

Im Süden Madagaskars – in der Region Androy – bricht infolge von Dürre und Hunger die Lebensgrundlage vieler Familien weg. Mehrere aufeinanderfolgende Regenausfälle lassen Ernten verdorren, Vieh verenden und Brunnen versiegen. Damisoa und seine Angehörigen machen sich auf, vier Monate lang und über 1500 Kilometer, Richtung Nordwesten in die Region Boeny. Sie suchen Wasser, Arbeit und Ackerland – und landen stattdessen in einem Umsiedlungsort nahe dem Ankarafantsika-Nationalpark.

Sie leben dort in einer winzigen Hütte, auf unfruchtbarem Boden, ohne Zugang zu sauberem Wasser und ohne medizinische Versorgung. Lebensmittelhilfen erreichen die Siedlung nur unregelmäßig, Verdienstmöglichkeiten gibt es kaum. Anfang des Jahres stirbt Damisoas neugeborene Nichte, weil ihre Mutter nicht genug Muttermilch hat.

Die Lage der Siedlung verschärft die ohnehin prekären Lebensbedingungen noch. In der Regenzeit tritt der nahe Kamoro-Fluss über die Ufer und schneidet den Ort zeitweise von Märkten, Apotheken, Krankenhäusern und Schulen ab. 2023 kommt dabei ein Mann durch einen Krokodilangriff ums Leben, ein weiterer ertrinkt beim Versuch, den Fluss zu überqueren.

„Die madagassischen Behörden haben es versäumt, Tausende von Antandroy zu schützen und zu unterstützen“, kritisiert Amnesty International in einem Bericht. Zwischen 2018 und 2024 mussten rund 90 000 Menschen – überwiegend aus der Gemeinschaft der Antandroy, einer Bevölkerungsgruppe aus dem extrem trockenen Süden Madagaskars – fliehen. Die meisten von ihnen innerhalb des eigenen Landes, ohne rechtlichen Schutzstatus oder behördliche Unterstützung.

Die soziale Not verschärft sich radikal

„Viele verkaufen alles, was sie haben, verschulden sich oder suchen unterwegs Gelegenheitsarbeit und sind dabei hohen Risiken wie Ausbeutung und unsicheren Arbeitsbedingungen ausgesetzt“, erklärt Claudia Kolarski, Sprecherin der Amnesty-Koordinationsgruppe Südliches Afrika, der Frankfurter Rundschau.

Die Flucht ist für viele schon finanziell kaum zu bewältigen. Die Reisekosten von rund 30 bis 60 US-Dollar entsprechen für zahlreiche Antandroy, die überwiegend von kleinbäuerlicher Landwirtschaft und Viehhaltung leben, etwa einem Monatsverdienst. Wer so viel Geld nicht aufbringen kann, macht sich zu Fuß auf den Weg – über Hunderte Kilometer, mit Zwischenstopps entlang der Route, oft ohne feste Unterkunft oder Versorgung.

„Ich habe mit dem Fahrer verhandelt“, erzählt der 48-jährige Masoandro Amnesty. Um die Schulden begleichen zu können, habe sein Sohn ein Jahr lang als Hirte arbeiten müssen – denn falls das Geld nicht zurückgezahlt würde, drohte der Fahrer mit Gefängnis. Solche Erfahrungen sind keine Einzelfälle, betont Amnesty, sondern Ausdruck struktureller Schutzlosigkeit entlang der Fluchtrouten.

Die Ursachen der jetzigen Krise reichen weit zurück: Anfang des 20. Jahrhunderts ließen die französischen Kolonialbehörden gezielt Cochenille-Parasiten aussetzen, um großflächig die Opuntia-Kakteen zu vernichten – robuste Pflanzen, die im Süden Madagaskars als natürliche Nahrungs- und Wasserreserve dienen. Die Kakteen helfen Menschen und Vieh, längere Trockenperioden zu überstehen und auf ihrem Land zu bleiben.

Auch der Weltklimarat verweist darauf, dass historische Machtverhältnisse die Klimakrise in Madagaskar bis heute prägen. Kolonialistische Politik zerstört in vielen Regionen Land und Ökosysteme und macht sie dadurch anfälliger für Dürren und Extremwetter – eine Hypothek, die sich mit der Erderhitzung verschärft.

Staaten, die über Jahrzehnte von fossilem Wachstum profitierten, tragen daher besondere Verantwortung: Sie müssen ihre Emissionen deutlich senken, ärmere Länder bei der Anpassung an den Klimawandel finanziell unterstützen und für Schäden aufkommen, die durch Dürren, Überschwemmungen oder den Verlust von Lebensgrundlagen bereits entstanden sind. Andernfalls, warnt Amnesty International, droht die Klimakrise, bestehende globale Ungleichheiten weiter zu verfestigen.

Nicht nur Amnesty, sondern auch Hilfsorganisationen vor Ort wie Action Against Hunger und Caritas Madagascar sprechen von einer humanitären Katastrophe. Im Süden des Landes sind nach UN-Angaben zeitweise über eine Million Menschen von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen.

Das Problem ist, dass Menschen, die infolge von Dürre, Hunger oder Umweltzerstörung fliehen, nach geltendem Völkerrecht in der Regel nicht unter die Statuten der Genfer Flüchtlingskonvention fallen. Ohne einen derart geklärten Rechtsstatus fehlt ihnen dann häufig der Anspruch auf umfassenden Schutz, Unterstützung und langfristige Perspektiven.

Amnesty International fordert deshalb, klimabedingte Vertreibung ausdrücklich anzuerkennen und bestehende Schutzlücken zu schließen. Langfristig, so die Menschenrechtsorganisation, sei eine Weiterentwicklung des internationalen Flüchtlingsrechts unvermeidlich.

Was diese rechtliche Schutzlücke in der Praxis bedeutet, lässt sich in Ländern wie Madagaskar besonders deutlich beobachten. Nach Angaben von Unicef steigen die Temperaturen auf der Rieseninsel schneller als im globalen Durchschnitt – um rund 0,35 Grad pro Jahrzehnt. Trockenperioden werden häufiger und intensiver, besonders im Süden. Die Klimakrise verstärkt die dortige Armut. Besonders gravierend sind die Folgen für Kinder. Wenn Dürre den Alltag bestimmt und Wasserquellen versiegen, bleibt vielen Familien keine Wahl: Kinder werden aus der Schule genommen, um mitzuarbeiten, Mädchen legen weite und gefährliche Wege zurück, um Wasser zu holen. Unicef warnt, dass sich damit Bildungsabbrüche, Gesundheitsrisiken und Gewaltspiralen verfestigen.

Was in Androy passiert, ist Teil eines globalen Musters: Binnenvertreibung durch Katastrophen erreicht Rekordhöhen. Der Global Report on Internal Displacement (GRID) des Forschungsinstituts IDMC weist für 2024 weltweit 45,8 Millionen neue Vertriebene infolge von Naturkatastrophen aus – so viele wie nie zuvor. Ende 2024 leben demnach 83,4 Millionen Menschen als Binnenvertriebene; die meisten wegen Konflikt und Gewalt, aber auch Millionen infolge von Naturkatastrophen. Dürre gehört inzwischen zu den zentralen Treibern.

Gefahren rund um
den Indischen Ozean

Auch für Menschen, die bereits vor Krieg oder Verfolgung geflohen sind, verschärft die Klimakrise deren Lage. Der UNHCR warnt, dass fast alle großen Flüchtlingslager weltweit mit stark steigender, gefährlicher Hitzebelastung rechnen müssen – etwa in Bangladesch, Kenia und im Sudan.

In den Lagern von Cox’s Bazar, wo Hunderttausende burmesische Rohingya leben, oder in Dadaab und Kakuma im Norden Kenias steigen die Temperaturen schon heute regelmäßig auf über 40 Grad. Bis 2050 könnten die 15 am stärksten betroffenen Camps an nahezu 200 Tagen im Jahr gefährlichen Hitzestress erleben.

Ohne wirksame Klimaanpassung und verbindliche Schutzregelungen droht klimabedingte Vertreibung zur neuen Normalität zu werden.

Klimaflucht

Allein 2024 werden weltweit 45,8 Millionen Menschen infolge von Dürren, Überschwemmungen, Stürmen und anderen Extremereignissen innerhalb ihrer Länder vertrieben. Ende 2024 leben laut dem Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) 83,4 Millionen Menschen als Binnenvertriebene – so viele wie nie zuvor.

Zwar bleiben Konflikte und Gewalt die häufigste Ursache von Vertreibung, doch klimabedingte Katastrophen gewinnen deutlich an Bedeutung. Dürre zählt inzwischen zu den zentralen Treibern, insbesondere in Regionen mit hoher Armut und schwacher Infrastruktur.

Über die vergangenen zehn Jahre hinweg werden weltweit rund 250 Millionen Menschen zumindest zeitweise durch klimatische Extremereignisse aus ihrer Heimat verdrängt. sd