Die ehemalige Schwimmerin Kirsty Coventry

Stand: 30.01.2026 • 00:01 Uhr

Am 6. Februar wird sie ihre ersten Olympischen Spiele eröffnen: die neue IOC-Präsidentin Kirsty Coventry. Seit einem halben Jahr ist sie im Amt. Die Geschichte des IOC dazu klingt vielversprechend: Erstmals ist es eine Frau, noch dazu jung und aus Afrika – das bringt Aufbruch und Veränderung. Die Sportschau begab sich in ihrer Heimat Simbabwe auf Spurensuche – und stieß auf eine andere Erzählung.

„Ich werde diese Organisation mit so viel Stolz und mit unseren Werten führen und Euch alle stolz machen“, sagte Kirsty Coventry nach ihrer Wahl zur IOC-Präsidentin in Griechenland 2025. Coventry ist seitdem die mächtigste Frau im Weltsport – zuvor war sie als Sportministerin Teil der Regierung in ihrer Heimat Simbabwe, einem Land im Süden Afrikas. Dort sind Journalisten eher unerwünscht.

Ein halbes Jahr musste die Sportschau warten, bis sie zur Berichterstattung ins Land durfte. Die Situation dort ist beklemmend: Die Mehrheit der Bevölkerung kämpft ums tägliche Überleben. Menschen werden willkürlich verhaftet, jede Opposition unterdrückt.

Coventry an der Seite des Despoten Mugabe

Kirsty Coventry ist der sportliche Superstar dieses Landes. Bei den Sommerspielen 2008 in Peking feierte sie ihren größten Triumph: vier Medaillen, darunter Gold in ihrer Paradedisziplin: 200 Meter Rücken – in Weltrekordzeit. Mit sieben olympischen Medaillen insgesamt ist sie bis heute Afrikas erfolgreichste Athletin.

Nach den Erfolgen zeigte sich ein Mann oft an ihrer Seite: Robert Mugabe, der damalige Präsident Simbabwes. Mugabe war einst Hoffnungsträger für einen demokratischen Wandel im ehemals kolonial unterdrückten Rhodesien, das seit der Unabhängigkeit Simbabwe heißt. Stattdessen entwickelte er sich jedoch zu einem der schlimmsten Despoten des Kontinents, verantwortlich unter anderem für die Matabeleland-Massaker, bei denen rund 20.000 Menschen starben.

Drei Jahrzehnte lang war Mugabe unantastbar, er herrschte mit Gewalt und nannte sich der „Hitler unserer Zeit“. 2017 musste er nach einem Militärputsch zurücktreten. In Mugabes Amtszeit fallen die großen Erfolge Kirsty Coventrys als Schwimmerin. Er sucht die Nähe zu seinem Superstar, nennt Coventry sein „Golden Girl“. Für ihren Erfolg in Athen 2004 erhält sie 50.000 Dollar aus der leeren Staatskasse, 2008 noch einmal 100.000 Dollar.

Mugabes Nachfolger ernennt Coventry zur Sportministerin

Und das Regime bereitet Kirsty Coventry den Weg in die Regierung: 2017 übernimmt Mugabes einstiger Verbündeter Emmerson Mnangagwa nach einem Militärputsch die Macht. Er ist mitverantwortlich für die Menschenrechtsverletzungen des Regimes. Mnangagwa bildet sein erstes Kabinett und ernennt Coventry zur Ministerin für Sport, Bildung und Kultur. Erfahrung in der Führung einer Verwaltung hat sie nicht.

„Für mich persönlich ist das eine aufregende Zeit und eine große Chance, junge Menschen zu stärken – durch Sport, Kunst, und Freizeitangebote“, sagt Coventry damals. Wie sie zu dem Posten gelangen konnte, warum sie mit einer Regierung paktierte, der massive Menschenrechtsverletzungen zur Last gelegt werden? Coventry selbst wollte der ARD kein Interview für den Film geben.

Menschenrechtsanwältin: „Nur Ja-Sager haben Platz in der Regierung“

Die Menschenrechtsanwältin Beatrice Mtetwa sagt gegenüber der Sportschau: „Sie wollen Ja-Sager. Wenn man kein Ja-Sager ist, hat man in der Regierung keinen Platz. In Simbabwes Regierung werden Stellen längst nicht mehr nach Leistung vergeben. Leistung zählt nichts mehr.“

Beatrice Mtetwa, Menschenrechtsanwältin

Mnangagwas Partei, der Coventry nicht angehört, hat das Land fest im Griff. Coventry stellte sich nie öffentlich gegen die Regierung, deren Mitglied sie war. Ihr Vorgänger, der heutige Oppositionspolitiker David Coltart, sagt: „Ich hatte seit etwa Anfang 2019 keinen direkten Kontakt mehr zu Kirsty. Zu der Zeit hat das Militär wieder Menschen getötet und ich habe sie kontaktiert und meine Sorge direkt geäußert – nicht als Kritik, sondern mit dem Hinweis, dass sie als Mitglied des Kabinetts eine gemeinsame Verantwortung für das Geschehen trägt.“

Coventry: „Mir war klar, dass das Kritik bringen würde“

Im März 2025 schlägt Kirsty Coventrys große Stunde in der Sportpolitik. In einem Luxusresort in Costa Navarino in Griechenland wird sie zur Nachfolgerin von Thomas Bach als IOC-Präsidentin gewählt. Coventry war Bachs Wunschkandidatin. Sie setzt sich gegen die teils namhafte Konkurrenz im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit durch.

Nach ihrer Wahl äußert sie sich dann auch kurz zu ihrer Zeit als Ministerin in Simbabwe. „Mir war klar, dass meine Zeit in der Regierung Kritik nach sich ziehen würde“, so Coventry. „Ich glaube aber nicht, dass man am Rand sitzen, schreien und protestieren und damit Veränderungen bewirken kann. Ich denke, man muss am Tisch sitzen und stark genug sein, um diese Veränderung von innen selbst herbeizuführen.“

Coventry steht nun als IOC-Präsidentin auf den größten Bühnen der Welt, hat Zugang zu Staatschefs. Ihr Narrativ, Veränderungen herbeigeführt zu haben, wird vom IOC verbreitet. „So kann sie sich nicht reinwaschen – das ist unmöglich. Sie ist einer Regierung beigetreten, von der sie wusste, dass sie Blut an den Händen hat“, sagt der frühere Finanzminister Simbabwes und heutige Oppositionspolitiker Tendai Biti.

Tendai Biti, ehemaliger Finanzminister von Simbabwe

Bekam Coventry ihre Farm von der Regierung zugewiesen?

Und noch ein Thema beschäftigt die Menschen in Simbabwe: die Farm von Kirsty Coventry. Sie befindet sich etwa drei Stunden nördlich von der Hauptstadt Harare. 2020 bekam die Sportministerin diese von der Regierung zugesprochen.

Kein Thema ist in Simbabwe so umstritten wie der politische Umgang mit Land. Wie zu Kolonialzeiten besaßen auch nach der Unabhängigkeit Simbabwes wenige Tausend weiße Farmer 96 Prozent des besten Farmlands – und kontrollierten damit die Wirtschaft des Landes. Mugabes Antwort in den Nuller-Jahren: die sogenannte Landreform. Weiße Farmer wurden über Jahre teilweise gewaltsam enteignet, Tausende mussten fliehen, einige wurden getötet. Die besten Ländereien verteilte die politische Elite unter sich.

Bereits kurz nach dem Erhalt ihrer Farm geriet Coventry stark in die Kritik, denn auch von dort wurden Menschen gewaltsam vertrieben. „Sie hat von den Farmen profitiert. Und jeder, der wirklich darüber nachdenkt, wie diese Farmen den weißen kommerziellen Farmern weggenommen wurden – sie hätte sie nicht annehmen dürfen, wenn ihr die Menschenrechte wirklich wichtig gewesen wären“, sagt Menschenrechtsanwältin Mtetwa. „Natürlich war es ihre Nähe zur Macht und zum Präsidenten, die dafür verantwortlich war, dass sie diese Farm bekommen hat.“

Der Vorbesitzer der Farm klagte gegen sie, weil ihm sein Land zuvor von der Regierung abgenommen wurde. Ein Gericht entschied, dass es sich um unterschiedliche Grundstücke handele und beendete das Verfahren. Das IOC weist darauf hin, dass das Gericht in Simbabwe entschieden habe, alles sei rechtmäßig abgelaufen. Kirsty Coventry hätte zudem den Segen der ehemaligen Besitzer des Landes vor der Landreform bekommen. Auf Nachfrage der Sportschau teilen Mitglieder dieser Familie mit, sie möchte so nicht wiedergegeben werden.

Vorwurf: Coventry ließ Infrastruktur verkommen

Und dann ist da noch das Nationalstadion. Der größte Aufreger in dem fußballbegeisterten Land. Seit Jahren wird am Stadion gebaut, eine Wiedereröffnung immer wieder verschoben. Auch dafür wird Kirsty Coventry mitverantwortlich gemacht. „Tatsächlich kann man sie als die schlechteste Sportministerin dieses Landes bezeichnen“, sagt Menschenrechtsanwältin Beatrice Mtetwa. „Unter ihrer Amtszeit verfiel die Infrastruktur in Simbabwe so sehr, dass die Nationalmannschaft kein Fußballspiel mehr in Simbabwe austragen kann, weil es keine Stadien gibt, die die von der FIFA geforderten Kriterien erfüllen. Das geschah unter ihrer Verantwortung.“

Die Mannschaft müsse jede Partie im Ausland spielen, sagt Nqobile Magwizi, Präsident des Fußballverbands: „Die Fans sind extrem verärgert.“ Das IOC schreibt, dass die Gelder für den Sport in Simbabwe begrenzt seien, Coventry habe damit prioritär Sportler gefördert. Hunderte Athleten hätten so an Wettkämpfen teilnehmen können, die sie vormals verpasst hätten.

Coventry trieb Aufklärung sexueller Übergriffe voran

Ein anderes Erbe ihrer Zeit als Sportministerin zog tatsächlich nachhaltige Veränderungen nach sich: Coventry machte öffentlich, dass hohe Fußballfunktionäre sexuell übergriffig waren gegenüber Schiedsrichterinnen und stellte sich an die Seite der Frauen. Die Vorwürfe wurden später in Teilen nachgewiesen. Die Regierung setzte daraufhin gleich mehrere Offizielle ab.

Ein derartiger Eingriff des Staats in den Sport ist für die FIFA allerdings unzulässig. Die Folge: Der Fußballverband Zimbabwes wurde für 18 Monate suspendiert und bekam eine neue Führung.

Coventry bewertete Wahl 2023 als Erfolg – trotz der Gewalt

Das Land nicht. Präsident Mnangagwa stellt sich 2023 zur Wiederwahl. Die Opposition rechnet sich gute Chancen aus. Doch erneut gibt es Repression, politische Gegner der Regierungspartei werden willkürlich verhaftet. In einigen Landesteilen kommt es zu tödlichen Ausschreitungen und Brandanschlägen gegen Oppositionelle. Internationale Beobachter sprechen später von einer Wahl, die weder fair noch frei gewesen sei.

Kirsty Coventry kommt zu einem anderen Urteil: „2023 hatten wir die zweite Wahl des Präsidenten, und es war das erste Mal seit über 20 Jahren, dass es keine Unruhen und keine Gewalt gab“, sagt sie 2025 über die Wahl. „Die Dinge verbessern sich, es geht voran. Es braucht Zeit, aber ich weiß, dass die Arbeit, die ich in Simbabwe geleistet habe, dem Wohl der Jugend in Simbabwe zugutekommen wird.“

Der ehemalige Finanzminister Biti nennt diese Beschreibung der Wahl 2023 einen Witz. „Diese Wahl war eine komplette Katastrophe“, sagt er. Präsident Mnangagwa holte die absolute Mehrheit, Kirsty Coventry wurde erneut Sportministerin in seinem Kabinett – und zwei Jahre später IOC-Präsidentin.

Schlüsselübergabe in Lausanne: Kirsty Coventry (l.) mit Vorgänger Thomas Bach

Nach Coventrys Wahl im März 2025 zeigt sich auch Simbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa mit ihr. „Ich gratuliere Kirsty Coventry“, sagte er. „Du machst uns stolz, mein kleines Mädchen.“