Der Iran-Krieg und die Sperrung der wichtigen Schifffahrtsroute Straße von Hormus hat in vielen Teilen der Welt etwa höhere Öl- und Benzinpreise zur Folge. In Afrika, wo das Durchschnittseinkommen der Bevölkerung deutlich unter dem europäischen liegt und viele Menschen in Armut leben, sind die Preissteigerungen besonders dramatisch für die Menschen. Weil Lebensmittel teurer werden und etwa Düngemittel-Importe aus der Golfregion eine wichtige Rolle spielen, könnten sich in Krisen- und Konfliktstaaten Hungerkrisen verschlimmern. Hilfsmaßnahmen drohen teurer zu werden.
„Viele Staaten haben sich noch nicht von den Folgen der Corona-Pandemie und den wirtschaftlichen Auswirkungen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine erholt – jetzt droht der Iran-Krieg die Lage noch mal deutlich zu verschärfen und bedroht weltweit, aber vor allem in Afrika, ganze Existenzen“, sagt Miriam Wiemers von der Welthungerhilfe.
Auswirkungen hat der Krieg etwa auf den Sudan, wo seit drei Jahren ein blutiger Bürgerkrieg herrscht, der die nach UN-Angaben derzeit größte humanitäre Krise der Welt auslöste. „Der andauernde Konflikt im Nahen Osten verschärft die Krise im Sudan zusätzlich und trägt zu höheren Preisen für Treibstoff, Lebensmittel und Düngemittel bei“, heißt es bei der weltweit als Autorität für Ernährungssicherheit anerkannten Initiative IPC (Integrated Food Security Phase Classification). Mitglieder der Initiative sind knapp zwei Dutzend UN- sowie Hilfsorganisationen.
Dem IPC-Bericht zufolge waren schon vor Beginn des Iran-Kriegs etwa 19,5 Millionen Menschen – das sind zwei von fünf Menschen im Sudan – von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. 14 Millionen Menschen sind der Analyse zufolge in der sogenannten IPC-Phase 3, die von akutem Hunger geprägt ist. Mehr als fünf Millionen sind in der IPC-Phase 4, mit der ein humanitärer Notfall gekennzeichnet wird, und etwa 135.000 Menschen in der letzten IPC-Phase 5, die für eine Hungersnot steht.
Dabei ist der Sudan nur ein Beispiel für drohende Hungerkrisen. Auch in Somalia und in der Demokratischen Republik Kongo sind Millionen Menschen in der IPC-Phase 4.
Hilfe wird teurer und erreicht weniger Menschen
Hilfsorganisationen, die im Sudan ohnehin unter schwierigen Bedingungen arbeiten, bekommen die Folgen der Preissteigerungen für Lebensmittel, Benzin und Diesel bei ihrer Arbeit zu spüren. „Wir sehen ganz klar, dass wir mit ohnehin schon gesunkenen finanziellen Mitteln noch weniger Menschen erreichen können bei steigendem Bedarf“, sagt Wiemers von der Welthungerhilfe.
Schätzungen des Länderbüros Sudan zufolge verteuern sich die Kosten für humanitäre Hilfe im Land um 40 bis 70 Prozent. Die Dieselpreise stiegen demnach zwischen Februar und April um 133 Prozent – und je länger der Iran-Krieg dauert, desto weiter könnten die Preise steigen. Dabei haben viele Hilfsorganisationen seit dem Aus der Entwicklungshilfe-Agentur USAID und weiteren Mittelkürzungen ohnehin schon weniger Geld zur Verfügung. Bei gleichbleibendem Budget können im Sudan Schätzungen zufolge zwischen 25 und 40 Prozent weniger Menschen mit den Hilfsmaßnahmen erreicht werden.
Folgen für Landwirtschaft
Auswirkungen auf die Landwirtschaft in Afrika hat der Iran-Krieg ebenfalls. Viele afrikanische Staaten beziehen Düngemittel aus den Golfstaaten. Lieferengpässe durch die Sperrung der Straße von Hormus treffen nicht nur die Farmer, die in vielen Ländern gerade unmittelbar vor der Pflanzsaison stehen, sondern könnten auch zeitverzögert die Versorgungslage beeinflussen.
„Wir rechnen damit, dass die Probleme der Düngemittelversorgung bald zu Ernteausfällen und Lebensmittelinflation führen werden“, warnt Wiemers. „Wir hören von unseren Projektkollegen, dass es lokal – je nach Region – schon sehr viel höhere Preissteigerungen gibt, vor allem dort, wo die Infrastruktur ohnehin schlecht ist, und wo die Importwege oder Transportwege sehr lang sind.“ Ein Beispiel sei der Sahel, wo Nahrungsmittel weite Strecken über Land transportiert werden müssen.
Teurer Transport und Logistik
Auch Transporte per Schiff werden teurer – und die Kosten dann häufig auf die Verbraucher umgelegt. Die Organisation Agra, die sich mit nachhaltiger Landwirtschaft und Ernährungssicherheit befasst, hat in ihrem jüngsten Monatsbericht für April den Folgen des Iran-Kriegs einen eigenen Abschnitt gewidmet. Bereits vor dem Krieg lagen Verschiffungskosten nach Ostafrika über dem globalen Durchschnitt.
Im April kostete der Schiffstransport eines Containers in Ostafrika laut Agra etwa 1,8 US-Dollar pro Kilometer (rund 1,50 Euro pro Kilometer), der globale Durchschnitt liegt bei einem Dollar. Branchenkennern zufolge könnten diese Kosten auf 2,1 US-Dollar (rund 1,80 Euro) pro Kilometer steigen, wenn die höheren Treibstoffkosten weitergegeben werden.
In Kenia führten die gestiegenen Benzinpreise bereits zu Protesten von Beschäftigten der Transportbranche wie Betreibern von Sammeltaxen, digitalen Fahrdiensten und Transportunternehmen. Es gab Hunderte Festnahmen und mehrere Tote. In dieser Woche könnte zu neuen Protesten aufgerufen werden.