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Seite 1Nur ein vorläufiger Sieg
Seite 2Ein geheimes Abkommen, das Libyen aufteilt
Der Krieg um die libysche Hauptstadt Tripolis scheint erst einmal beendet. Nach mehreren Niederlagen der Nationalarmee (LNA) von Feldmarschall Chalifa Haftar sind mehr als 1.500 mit ihm verbündete Söldner der russischen Sicherheitsfirma Wagner von der Front in Tripolis abgezogen.
Um die Evakuierung der Söldner abzusichern, habe die russische Regierung sechs MiG-29-Kampfjets in Libyen stationiert, sagt das Afrika-Kommando der US-Armee in Stuttgart. In einer Presseerklärung veröffentlichte Africom-Kommandant Stephen Townsend Satellitenaufnahmen der Maschinen auf der zentrallibyschen Luftwaffenbasis Al-Dschufra. Townsend zufolge wurden die modernen Flugzeuge umlackiert, um die russische Herkunft zu verschleiern.
Mit dem Abzug der Söldner verschieben sich die Machtverhältnisse in Libyen gewaltig. Der Kampf um Afrikas ölreichstes Land eskaliert immer mehr zu einem internationalen Stellvertreterkrieg, bei dem sich die russische und die türkische Führung nun direkt gegenüberstehen.
Seit April 2019 versucht Chalifa Haftar mit einer Allianz aus ostlibyschen Militäreinheiten, russischen, sudanesischen und Assad-treuen syrischen Söldnern, Tripolis zu erobern. Waffen für seinen Kampf gegen die in Tripolis einflussreichen Milizen erhält der 76-jährige Haftar aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten, berichtet eine Expertenkommission der Vereinten Nationen.
Tausende syrische Rebellen kämpfen für Erdoğan
Haftars Gegenspieler ist der Premierminister der international anerkannten Einheitsregierung in Tripolis, Fajis al-Sarradsch. Da Sarradsch dem Milizenkartell in Tripolis nicht traut, schloss er im vergangenen November ein Militärabkommen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ab. Mehrere Tausend syrische Rebellen sind seitdem mit Hilfe des türkischen Geheimdienstes nach Tripolis geflogen worden. Türkische Drohnen haben die Lufthoheit Haftars über der 80 Kilometer langen Front beendet.
Wer herrscht in Libyen?
Westen
Seit 2015 steht Fajis al-Sarradsch an der Spitze einer international anerkannten Einheitsregierung. Sein Einfluss reicht jedoch kaum über die Hauptstadt Tripolis hinaus. Große Teile Westlibyens werden von lokalen Milizen kontrolliert.
Osten
Ostlibyen wird von Feldmarschall Chalifa Haftar beherrscht. Er führt die nationale Armee an, die aus Teilen des alten Gaddafi-Militärs besteht. Haftar erkennt die Regierung Sarradsch nicht an.
Süden
Die Wüstengebiete im Südwesten werden von den Stämmen der Tebu, Tuareg und Awlad Suleiman kontrolliert. Auch sie sind Teil des großen Schmuggelgeschäfts mit Öl, Waffen, Drogen, Gold und auch mit Menschen.
Haftars Armee sah nach 14 Monaten Krieg dennoch wie der sichere Sieger aus. Sie kontrollierte die Ölvorkommen im Osten und Süden Libyens und stand bis zum vergangenen Wochenende nur acht Kilometer von dem Zentrum in Tripolis entfernt. Premier Sarradsch kontrollierte dagegen nur wenige Straßenzüge und war von vier großen Milizen abhängig, die er für die Verteidigung von Tripolis bezahlen musste. Doch die nach Libyen entsandten türkischen Militärberater haben Sarradsch zum vorläufigen Sieger gemacht.
In den vergangenen zwei Wochen hatten die türkische Drohnenpiloten mindestens fünf russische Luftabwehrsysteme ausgeschaltet und begonnen, die 800 Kilometer lange Nachschubroute von Haftars Truppen zu bombardieren. Um die mögliche Einkreisung der offiziell von privaten Sicherheitsfirmen angeheuerten Söldner zu verhindern, hat die russische Führung offenbar den Abzug befohlen.
Der Abzug ist riskant
Augenzeugen berichten ZEIT ONLINE am Telefon von Kolonnen mit mindestens 400 Militärfahrzeugen, mit denen die Söldner seit dem vergangenen Wochenende von Tripolis aus in die südöstlich gelegenen Städte Bani Walid und Bengasi unterwegs sind. Transportflugzeuge landen seit Sonntag auf dem von Haftar kontrollierten Flughafen von Bani Walid und nehmen die am Rande der Landebahn ankommenden Männer in Uniformen auf, berichten Flughafenmitarbeiter. Ihre Handyaufnahmen zeigen, wie die Söldner ruhig und geordnet ihre Waffen und Munition verstauen. Die Flughafenmitarbeiter berichten auch, dass russische Kampfflugzeuge und Luftabwehrsysteme die Evakuierung absichern.
© Lea Dohle
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Der überraschende Abzug der russischen Söldner ist wegen der türkischen Drohnen indes riskant. Bani Walid liegt zudem in Reichweite der Drohnen und Artillerie der vorrückenden Kämpfer der Hafenstadt Misrata, die mit der Einheitsregierung verbündet sind. Doch deren Befehlshaber, General Mohamed al-Haddat, erteilte den Befehl,
nicht auf die abziehenden Söldner und Flugzeuge zu schießen. Seine
Einheiten sahen mit den Söldnern diejenigen abziehen, die für mehr als
150.000 Flüchtlinge und 1.500 Tote des Krieges um Tripolis
mitverantwortlich waren.