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Seite 1Hier wird keiner die Strecke stürmen


Seite 2Wovon der Sport ablenken soll

In Kigali, der Hauptstadt von Ruanda, finden gerade erstaunliche Rennen statt. Die Teilnehmer sind einheimische Radtaxifahrer und die besten Radfahrerinnen und Radfahrer der Welt. Die einen gleiten mit im Straßenverkehr von Kigali und bereiten sich auf ihre Weltmeisterschaftsrennen vor. Die anderen machen sich einen Spaß daraus, mit ihren schweren Eingangrädern die Profis und die 15.000 Euro teuren Rennmaschinen herauszufordern.

„Die haben gut mitgehalten“, sagt Paul Fietzke aus Cottbus. Der Abiturient hat in Ruanda seinen Titel des Junioren-Vizeweltmeisters zu verteidigen. „Vor allem, solange es bergauf geht, bleiben sie dran. Bergab allerdings war irgendwann ihr einziger Gang die Limitierung.“ Würde man die Kuriere auf ein Rennrad setzen, „würden die gar nicht so schlecht aussehen. Die sind topfit“, sagt Fietzke. In anderen Momenten dieser Tage schlängeln sich Schweizer und US-Profis durch Kigali und liefern sich Rennen mit dem wichtigsten Fortbewegungsmittel in Kigali: den Motorradtaxis.

Für Ruanda ist es ein großes Ding

Es sind Szenen wie diese, die diese Rad-Weltmeisterschaft besonders machen. Es ist die erste auf dem afrikanischen Kontinent. Kigali 2025 hat sich viel vorgenommen und mindestens in einer Sache übertrumpfen sie die vorherigen Weltmeisterschaften von Zürich und Glasgow: Die Organisatoren ließen vor der WM mehrere Dutzend Temposchwellen abbauen. Von solchen Eingriffen in die Verkehrsinfrastruktur können europäische Radsportveranstalter nur träumen. Ansonsten sieht es für die Profis aus wie immer: Der Start- und Zielbereich ist gebaut wie sonst, die Interviews finden vor den gleichen Sponsorenwänden statt und die Zelte, in denen sich die Fahrerinnen und Fahrer nach den Wettkämpfen aufhalten, sind von der exakt gleichen Bauart wie auch bei anderen Welttitelkämpfen.  

© unsplash.com

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Doch für den Kontinent bedeutet diese WM viel. Tatsächlich auch für die Radtaxifahrer. Die erste Generation ruandischer Auswahlfahrer rekrutierte sich zu großen Teilen aus früheren Taxifahrern. Ganz einfach ist dieser Aufstieg aber nicht. „Sie haben zwar die Muskeln aufgebaut. Aber weil sie schwere Lasten transportieren müssen und auch nur den einen Gang haben, ist die Muskelspannung eine andere. Und sie müssen es auch erst lernen, Gänge zu wechseln und methodischer zu trainieren“, sagt Adrien Niyonshuti der ZEIT.

Er war der erste Radprofi aus Ruanda und fuhr für das südafrikanische Team MTN Qhubeka. Danach wurde er Trainer, erst in Ruanda, nun betreibt er eine Akademie in Benin. Mit der Nationalmannschaft Benins kam er jetzt zurück: „Es ist herausfordernd, solch ein Event zu veranstalten, aber ich bin stolz darauf, dass es gelingt“, sagt er am Rande der Zeitfahrwettbewerbe.

Xaverine Nirere aus Ruanda war im Zeitfahren der Frauen die erste Starterin. © frontalvision.com/​imago images

Für Fahrerinnen aus Afrika ist die WM ein Schaufenster. Sie wollen sich den großen Teams zeigen. Zum Beispiel Xaverine Nirere, die diese WM eröffnet hat. Als erste von 24 Starterinnen des Zeitfahrens rollte die Ruanderin am vergangenen Sonntag von der Rampe in der BK Arena. Am Ende wird sie als beste Afrikanerin 27. und ließ auch einige Frauen mit Profierfahrung hinter sich. Zum Radsport kam sie bereits als Schülerin. „Es ging in der sechsten Klasse los. Eine Weile betrieb ich Radsport und Schule parallel. Dann aber kam Covid, die Schulen waren geschlossen und ich konnte mich voll auf das Fahrrad konzentrieren“, sagt sie und lacht dabei. Inzwischen trainiert sie vor allem in Kenia und ist auch für das dortige Team Amani aktiv. Ihr großer Traum: „Eines Tages bei der Tour de France Femmes zu fahren.“

Der Weltverband treibt die Entwicklung voran

Zur WM reisen nämlich auch Manager und Trainer aus Europa, Nordamerika und Australien. Der Weltradsportverband (UCI) hat außerdem einen Ableger des World Cycling Centres in Ruanda eröffnet. Elf dieser Zentren gibt es auf der Welt, zwei davon stehen nun in Afrika. Das zweite ist in Südafrika. In diesen Zentren werden nicht nur Trainingscamps für Sportler ausgerichtet, sondern auch Weiterbildungen für Trainer, Mechaniker und Kommissare. 

Drei Wochen vor der WM wurden im neuen Stützpunkt in Ruanda zehn Trainer aus mehreren afrikanischen Ländern zu einem Workshop eingeladen. Und parallel wurde ein Trainingslager für 65 Nachwuchsathletinnen und -athleten aus 35 Ländern Afrikas organisiert. „Es diente vor allem als WM-Vorbereitung, denn von ihnen treten jetzt einige in den Kategorien der U23 und der Junioren bei der WM an“, sagt Jacques Landry, Direktor des World Cycling Centres. Der Weltradsportverband will Afrikas Fahrerinnen und Fahrer noch stärker in den Hochleistungsradsport integrieren.