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Seite 1Der Terror kam um 15 Uhr


Seite 2Terroristen


Seite 3Sicherheit


Seite 4Perspektiven

Im Herzen des Terrors kann man wieder Cola kaufen. Die Dose ist verbeult, rostig, brühwarm und klebrig, aber immerhin. In Mocímboa da Praia gibt es immerhin überhaupt wieder Menschen, die etwas so Alltägliches wie eine Cola kaufen könnten. Das war lange anders.

Im Norden von Mosambik gibt es einen Konflikt, der international kaum Beachtung findet. Er ist besonders brutal und besonders komplex. Dabei geht es um Terror, um korrupte Eliten und vernachlässigte Regionen. Um den afrikanischen Ressourcenfluch, um riesige Gasfelder und neokoloniale Geschäftsgebaren. Um Söldner, Hunger und unendliches Misstrauen.

In Mocímboa da Praia patrouillieren mosambikanische Soldaten. Bild vom Juli 2022 © Simon Wohlfahrt/​AFP/​Getty Images

Mocímboa da Praia liegt in der nordmosambikanischen Provinz Cabo Delgado. 2017 wurde die Hafenstadt zum ersten Mal von islamistischen Terroristen überrannt. Wer nicht geköpft wurde, flüchtete. 2020 gelang es den Angreifern dann, die Stadt einzunehmen. Sie hatten zunächst die Menschen aus den umliegenden Dörfern vertrieben, und als diese nach Mocímboa flüchteten, mischten sie sich unter sie. Sie nutzten Frauen und Kinder als Schutzschilde. Ein Jahr lang hielten die Terroristen die Stadt unter ihrer Kontrolle. Nirgendwo sonst im Land waren sie so erfolgreich – bis 2021 ausländische Soldaten den Mosambikanern zu Hilfe kamen und die Islamisten aus der Stadt vertrieben. 

Mittlerweile sind einige Menschen nach Mocímboa da Praia zurückgekehrt, zögerlich nur, sie haben Angst und auf viele warten nur noch Trümmer. Die Stadt ist heute schwer bewacht, Soldaten verschiedener Länder patrouillieren in den Straßen. Journalisten durften lange Zeit überhaupt nicht nach Cabo Delgado, nach Mocímboa kamen ausländische Reporter seit den Angriffen der Islamisten nur mit einer der Armeen. ZEIT ONLINE ist das erste deutsche Medium, das ohne Militärbegleitung nach Mocímboa da Praia reisen konnte – auch wenn diese Genehmigung nach wenigen Stunden wieder entzogen wurde. 

Der Norden Mosambiks ist die ärmste Region des Landes. © Christian Vooren/​ZEIT ONLINE

Auf dem Landweg ist Mocímboa da Praia nicht zu erreichen, denn die Terroristen sind zwar raus aus der Stadt, verstecken sich aber in den Dörfern und im Busch. Möglicherweise halten sich Schläfer auch in der Stadt auf. Weil die Straßen zu gefährlich sind, ist der Luftweg der einzige sichere Zugang. Angeflogen wird Mocímboa nur von Kleinmaschinen und Helikoptern der Hilfsorganisationen, die ebenfalls nur zögerlich zurückkehren. Noch während des Anflugs auf die Stadt meldet sich der lokale Übersetzer per SMS: Er kündigt, denn er hat Angst, verhaftet zu werden. Und so muss die Recherche ohne Unterstützung stattfinden. Aber viele Menschen in Mocímboa wollen ohnehin nicht reden. 

Nicht nur die Stadt ist zerstört, sondern auch das Vertrauen. Daran sind nicht nur die Terroristen schuld. Denn bevor sie in die Stadt kamen, war längst einiges schiefgelaufen.

Ressourcenfluch

Anfang der Nullerjahre hatte es für einen kurzen Moment so ausgesehen, als könnte es in Mosambik gut werden. Nach dem Ende der Kolonialzeit, den Befreiungskämpfen und nach einem langen und zermürbenden Bürgerkrieg hatte das Land 1992 endlich so etwas wie Frieden gefunden, die Wirtschaft wuchs, 2005 schrieb die New York Times von „Afrikas aufgehendem Stern“.

© Lea Dohle

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Und es wurde noch besser: 2010 fand der US-amerikanische Energiekonzern Anadarko Petroleum vor der Küste Mosambiks große Erdgasfelder, geschätzt rund fünf Billionen Kubikmeter. Damit könnte der gesamte Verbrauch Deutschlands für etwa 60 Jahre gedeckt werden. In den folgenden Jahren stiegen internationale Investoren ein, darunter der französische Konzern TotalEnergies. Er investierte ab 2019 umgerechnet 17 Milliarden Euro, eine der größten Einzelinvestitionen auf dem Kontinent. Experten rechneten aus, dass mit dem Gas Einnahmen erzielt werden könnten, die die Entwicklungshilfe für den ganzen afrikanischen Kontinent für ein Jahr übersteigen würden.

Auch am Hafen von Pemba lebten zeitweise Binnenflüchtlinge. © Christian Vooren/​ZEIT ONLINE

Afrika ist der ärmste Kontinent, obwohl er so reich an Ressourcen ist. Es sind Rohstoffe, die in Chinas Industrie und in Europas
Konsumgesellschaft gebraucht werden und die in Afrika billig zu haben
sind, weil die lokale Bevölkerung nicht am Gewinn beteiligt wird. Und wenn doch, dann sind es die korrupten Eliten im Land, die daran mitverdienen. Mehr als zwei Drittel aller Menschen, die in extremer Armut leben, befinden sich in Ländern, in denen Rohstoffvorkommen
die Wirtschaft bestimmen, das zeigt eine Analyse von McKinsey. Von diesem Ressourcenfluch sind viele Länder Afrikas betroffen. In Nigeria ist es Erdöl, in Niger Uran, im Kongo sind es Kupfer, Kobalt und Coltan, in Sierra Leone Diamanten. Und in Mosambik soll es das Erdgas werden.

Aber das Gas muss zunächst gefördert werden, bevor sich damit Geld machen lässt. Also baute TotalEnergies, der französische Konzern, in der Nähe der Stadt Palma ganz im Norden des Landes ein LNG-Terminal. Dafür mussten Fischer von den Küsten weichen, sie wurden ins Inland umgesiedelt. Neu entstehende Jobs wurden vorwiegend mit Ingenieuren aus dem Ausland besetzt und mit Hilfsarbeitern aus der weit entfernten mosambikanischen Hauptstadt Maputo. 

Niemand in Cabo Delgado erwartete, etwas von den Profiten abzubekommen, weil sie hier nie etwas vom Wohlstand abbekommen. Das war auch 2016 so gewesen, als sich der Staat Mosambik an versteckten, schmutzigen Krediten über zwei Milliarden Dollar bereichert hatte. Beteiligt daran war auch die Schweizer Bank Credit Suisse gewesen und natürlich hatte die Bevölkerung davon nichts gehabt. Aber als die Geschichte aufflog und Mosambik kurz vor einem Bankrott stand, stoppten die meisten internationalen Partner ihre Unterstützung für das Land – bis hin zur Weltbank. Das Land ist auf Unterstützung angewiesen, ohne die Hilfen ging es vielen Menschen noch schlechter. Das war der Moment, als die Terroristen nach Nordmosambik kamen.