Das Vertrauen der Deutschen in das Rentensystem schwindet.

Das Vertrauen der Deutschen in das Rentensystem schwindet.

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Deutschland fällt im internationalen Rentenvergleich weiter zurück. Das zeigt ein Vergleich der Altersvorsorgesysteme. In zwei wichtigen Kategorien wird das Land sogar von Staaten wie Kasachstan, Malaysia oder Botsuana übertroffen. Dabei empfinden viele die Belastung der jüngeren Generation als ungerecht.

Es ist wie der Strahl eines Scheinwerfers. Eines sehr hellen, der rücksichtslos alle unschönen Ecken ausleuchtet. In diesem Licht wird auch dem letzten klar, wie groß die Probleme des deutschen Rentensystems sind, wie enorm die Versäumnisse der Regierungen der vergangenen 20 Jahre – und wie wenig die jetzige offensichtlich zu tun bereit ist, um das zu ändern.

Den Scheinwerfer angeschaltet hat die Beratungsgesellschaft Mercer. Sie hat zusammen mit dem CFA Institute, dem weltweiten Verband der Finanzanalysten, und der Monash University in Melbourne/Australien einen Vergleich von Rentensystemen aus rund 50 Ländern vorgenommen. Und dabei zeigt sich, dass Deutschland bei zwei von drei Aspekten weit abgeschlagen ist und hier sogar von Ländern wie Kasachstan, Malaysia oder Botsuana übertroffen wird.

Konkret bewertet der Mercer Global Pension Index die Altersversorgungssysteme anhand von mehr als 50 Einzelindikatoren, die wiederum in drei Teilindizes gruppiert werden: Adequacy, Sustainability und Integrity, zu deutsch: Angemessenheit, Nachhaltigkeit und Integrität.

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Beim Punkt „Angemessenheit“ steht die Frage im Mittelpunkt, wie gut das System heute den Bedarf der Rentner abdeckt. Dazu wird vor allem die Leistungshöhe betrachtet, aber beispielsweise auch die Ausgestaltung des Systems oder die Frage, ob es steuerliche Anreize zum Vorsorgesparen gibt. Dieser Teilindex fließt mit einem Gewicht von 40 Prozent in den Gesamtindex ein.

Im Bereich Nachhaltigkeit untersucht die Studie, ob das System auch in zehn, 20 oder 30 Jahren seine Verpflichtungen noch erfüllen kann. Dazu werden etwa die Demografie, das Beitragsaufkommen, das Wirtschaftswachstum oder die Höhe der Staatsschulden berücksichtigt. Dieser Teilindex hat ein Gewicht von 35 Prozent in der Gesamtwertung.

Die Integrität des Systems wird schließlich mit 25 Prozent gewichtet. Hier werden Aufsicht und Rechtsnormen bewertet, aber beispielsweise auch die Frage, ob die Institutionen effizient und verantwortungsbewusst arbeiten, wie hoch die Kosten sind und ob Rücklagen bestehen. Kurz: Es geht darum, inwieweit man dem System und den Institutionen vertrauen kann.

Das Vertrauen ins Rentensystem schwindet

Der Gesamtindex soll zeigen, wie „gut“ oder „effektiv“ ein Rentensystem ist. Im Ergebnis stehen etliche Länder ganz oben, von denen man es nicht unbedingt erwartet hätte. Die Plätze eins bis fünf belegen die Niederlande, Island, Dänemark, Singapur und Israel, die alle mehr als 80 Punkte erreichen.

Doch schon hier, in der Gesamtwertung, ist der Rang Deutschlands wenig schmeichelhaft: Platz 21 mit nur 67,8 Punkten. Das ist gerade mal Mittelfeld, und selbst Länder wie Kroatien oder Mexiko liegen hier schon vor Deutschland.

Mercer/BUSINESS INSIDER/WELT

Noch schlechter fällt das Urteil zum deutschen Rentensystem jedoch bei zwei der drei Teilindizes aus. Im Bereich Integrität landet Deutschland nur auf Platz 30, beim Thema Nachhaltigkeit sogar nur auf Platz 34. In beiden Sektoren wird die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt sogar von Staaten wie Kasachstan, Malaysia oder Botsuana übertroffen.

Ein verheerendes Ergebnis und ein echtes Armutszeugnis für das deutsche Rentensystem. Die Studie zeigt in aller Deutlichkeit, dass dieses System nicht nachhaltig ist, die dauerhafte Finanzierung also nicht gewährleistet ist, und zudem das Vertrauen in dieses System wankt oder sogar schon geschwunden ist.

Nur beim Teilindex „Angemessenheit“ schneidet das deutsche System mit Platz 9 relativ gut ab. Die Höhe der Renten wird also als auskömmlich betrachtet. Doch ob dies so bleibt, darf angesichts der nicht vorhandenen Nachhaltigkeit bezweifelt werden, und das wiederum drückt sich auch im fehlenden Vertrauen aus.

Keine Rentenreform, die zentrale Probleme angeht

Was die Experten hier herausgefunden haben, ist allerdings letztlich nicht neu. Unzählige Kommissionen haben die Mängel in den vergangenen Jahrzehnten bereits herausgearbeitet und Lösungsvorschläge gemacht. Es liegt alles auf dem Tisch, seit Jahren.

Dennoch hat die schwarz-rote Regierung bis heute keine Reform auf den Weg gebracht, die die zentralen Probleme angeht. Vielmehr wurde eine weitere Kommission berufen, die sich damit befassen soll.

„Wir wissen seit Jahrzehnten, dass das System kippen wird – und tun zu wenig, um es zu ändern“, warnt der Generationenforscher Rüdiger Maas, der an einer Umfrage und deren Auswertung mitgewirkt hat, die vor wenigen Tagen veröffentlicht wurde und insbesondere der Frage nachgeht, wie die Bevölkerung die Zukunftsfähigkeit des deutschen Rentensystems sieht.

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Dabei zeigte sich, dass viele insbesondere die Belastung der Jüngeren als ungerecht empfinden. 44 Prozent der Befragten bewerten die finanzielle Belastung der jüngeren Generation durch das Renten- und Sozialsystem als „zu hoch“, nur ein gutes Drittel hält sie für angemessen.

„Der Generationenvertrag ist eine Frechheit gegenüber den Jüngeren“, sagt Maas. „Sie finanzieren ein System, von dem sie selbst kaum noch profitieren werden.“

Aktienrente findet breite Unterstützung

Allerdings zeigte die Umfrage auch, dass die Bürger zwar stets Reformen fordern, gleichzeitig aber konkreten Vorschlägen meist ablehnend gegenüberstehen. Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters unterstützen in den verschiedenen Altersgruppen gerade mal zwischen zehn und 17 Prozent.

Den meisten Zuspruch erhält noch die Einführung einer Aktienrente – ein Projekt, das unter der Ampel-Regierung und deren Finanzminister Christian Lindner recht weit gediehen war, das bei Finanzminister Lars Klingbeil jedoch in den Schubladen verschwunden ist.

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Die Studie zeige, dass sich viele Jüngere doppelt belastet sehen, durch steigende Abgaben heute und unsichere Rentenansprüche morgen. Ältere hingegen fühlten sich von der Debatte um ihre erworbenen Ansprüche zunehmend moralisch unter Druck gesetzt.

„Wir brauchen einen echten Neustart im Denken“, fordert Maas daher. „Ein gerechter Generationenvertrag muss alle einbeziehen – auch Beamte und Selbstständige. Nur so lässt sich Vertrauen zurückgewinnen.“

Vor allem aber bedürfte es einer Regierung, die diese Probleme endlich angeht. Nur dann kann es gelingen, dass die Qualität des deutschen Rentensystems zu den anderen aufschließt.