Stand: 07.08.2025 15:10 Uhr

Terrorlagen, Entführungen, Geiselnahmen: Das Spezialeinsatzkommando (SEK) Niedersachsen wird 50 Jahre alt. Mauritius Fahrbach ist Chef der „Eliteeinheit“ und spricht im Interview über Ausnahmesituationen im Einsatz und darüber, warum es immer noch keine Frauen im SEK gibt.

Herr Fahrbach, das SEK rückt dann aus, wenn es für normale Polizisten und Polizistinnen zu gefährlich wird. Im Fernsehen sieht man dann große, vermummte Männer, die an Soldaten erinnern. Wann müssen Sie ran?

Mauritius Fahrbach: Das SEK übernimmt in der Regel Einsätze, bei denen Täter agieren, die gefährlich und bewaffnet sind. In aller Regel sind es Einsätze, bei denen mit den „normalen“ polizeilichen Mitteln keine Lagebereinigung oder Festnahme des Täters herbeigeführt werden kann.

In jüngerer Vergangenheit haben wir es häufiger mit Menschen zu tun, die psychisch auffällig sind und sich in Ausnahmezuständen befinden. Darüber hinaus haben wir unterschiedliche Einsatzanlässe wie eskalierte Familienstreitigkeiten, Geisellagen und Androhung terroristischer Anschläge gehabt.

Sie sind an zwei Standorten stationiert, in Hannover und Oldenburg. Wie viele Beamte gibt es beim SEK?

Ein Mann in der SEK-Uniform lächelt in die Kamera.

Auch die psychische Fitness sei bei Mitgliedern des SEK wichtig, sagt Mauritius Fahrbach.

Fahrbach: Zu unserer Personalstärke und -struktur kann und darf ich keine Auskunft geben. Wir sind aber so aufgestellt, dass wir den Menschen in Niedersachsen mit den vorhandenen Ressourcen den bestmöglichen Schutz bieten können.

Viele Polizeibeamte sind körperlich fit. Aber nur wenige erfüllen die Voraussetzungen für das SEK. Worauf kommt es Ihnen an?

Fahrbach: Neben der körperlichen Fitness ist uns eine sehr gute psychische Fitness und hohe Belastbarkeit wichtig. Wir brauchen einerseits Menschen, die entschlossen sind, vorangehen und Entscheidungen treffen, die aber auch im Stande sind, sich im Team ein- und unterzuordnen, wenn dies für den Einsatzerfolg erforderlich ist. Wir brauchen Menschen, die kreativ sind, die eigeninitiativ Ideen entwickeln und es zeitgleich anerkennen, wenn jemand anders – unabhängig der Hierarchie – die bessere Lösung hat.

Um diese Menschen zu identifizieren, haben wir ein mehrtägiges Auswahlverfahren, welches physisch anspruchsvoll ist und mit einem psychologischen Test flankiert wird. Bei erfolgreichem Bestehen folgt ein mehrere Monate dauernder Lehrgang mit Leistungsüberprüfungen, die auch zum Ausscheiden führen können.

Welcher Einsatz ist in besonderer Erinnerung?

Fahrbach: Ein Einsatz, der für uns nach wie vor prägend ist, ist der Polizistenmord in der Brabeckstraße in Hannover am 22. Oktober 1987. Wir gedenken jedes Jahr der Kollegen, die dort ermordet worden sind. Nachdem es Hinweise aus der Bevölkerung gab, sollten zwei Schwerverbrecher festgenommen werden. Im Rahmen der Kontrolle hat einer der Männer unvermittelt auf die Polizeibeamten Rüdiger Schwedow und Ulrich Zastrutzki geschossen. Die beiden Polizisten erlagen noch vor Ort ihren schweren Verletzungen.

Es gab in 50 Jahren mehrere Geiselnahmen in Gefängnissen, die Absage des Fußball-Länderspiels – aber auch negative Schlagzeilen. Zum Beispiel als 2021 mehrere Waffen bei einer Übung verschwanden. Sie sind bis heute nicht wieder gefunden worden.

Fahrbach: Wir haben das Abhandenkommen intern sehr kritisch und sehr hart nachbereitet. Jeder Einsatz – unabhängig davon, wie gut er verlaufen ist – wird nachbereitet. Wenn doch etwas schiefläuft, was überall passiert, wo Menschen arbeiten – und auch bei uns – dann ist uns wichtig, dass wir offen und ehrlich miteinander umgehen, nichts verschweigen und dafür sorgen, dass sich Fehler nicht wiederholen.

Manchmal ist es vorgekommen, dass das SEK in falsche Wohnungen eingedrungen ist. Das hat für die Bewohner traumatische Folgen. Wieso passiert so etwas?

Fahrbach: Es passiert ausgesprochen selten, aber es ist in der Vergangenheit passiert. Wir bereiten unsere Einsatzlagen sehr sorgfältig vor. Im Rahmen der Vorbereitung sind wir regelmäßig auch auf Informationen anderer Dienststellen angewiesen. Im Zuge dieser Prozesse kann es passieren, dass Erkenntnisse und Informationen nicht gut genug überprüft oder weitergegeben werden. In manchen Fällen ist es aber auch aus rechtlichen oder tatsächlichen Gründen nicht möglich, alle Informationen zu erlangen. Schlussendlich kann es aber auch zu situativen Fehlern kommen.

Letztendlich passieren diese Fehler ausgesprochen selten. Unsere Aufgabe ist der Schutz der Bevölkerung und nicht die Verängstigung von Menschen.

Warum gibt es keine Frauen im SEK?

Fahrbach: Bisher hatten wir leider noch keine Bewerberin, die das Auswahlverfahren in Gänze bestanden hat. Ich bin mir aber sicher, dass das mit der Zeit auch noch kommen wird. Das Auswahlverfahren ist ausgesprochen anspruchsvoll und es müssen die gleichen physischen Anforderungen für Frauen und Männer gelten. SEK-Einsatzbeamte sind eine sehr limitierte Ressource. Wenn es dann hart auf hart kommt, muss jeder und jede imstande sein, Menschen zu bergen, Ausrüstung zu übernehmen und taktisch vorzugehen.

Aus anderen Bundesländern hat man von umstrittenen Aufnahmeritualen gehört. Wie ist das in Niedersachsen?

Fahrbach: Diese Form von Ritualen haben wir nicht. Natürlich haben wir ein Ritual für die erfolgreichen Absolventen des Grundausbildungslehrgangs, wenn sie in unser Kommando aufgenommen werden. Unser Ritual ist sehr würdig und es ist wichtig.

Den Dienst im SEK kann man nicht rein monetär aufwiegen. Die Menschen, die bei uns Dienst versehen, tun dies aus innerster Überzeugung. Sie sind einerseits eine Gefahrengemeinschaft, sie sind aber insbesondere eine Wertegemeinschaft, die für einander und unseren Rechtsstaat einsteht. So eine Wertegemeinschaft lebt auch von Symbolen und Ritualen.

Von der Bevölkerung wünsche ich mir Vertrauen in die Organe unseres Rechtsstaates und die Menschen, die diese verkörpern.

Welches Aufnahmeritual ist das jetzt also?

Fahrbach: Um das herauszufinden, müssen Sie sich erfolgreich bewerben. Und den Lehrgang bestehen.

Das Interview führte Angelika Henkel, NDR Niedersachsen.

Einsatzkräfte einer Spezialeinheit gehen vor einem stehenden Hubschrauber entlang.

Im November 1974 gründete die Polizei die Spezialeinheiten als Folge des Anschlags auf die Olympischen Spiele von München.

Polizistinnen und Polizisten des Bachelorstudienjahrgangs der Polizeiakademie Niedersachsen sitzen bei ihrer Abschlussfeier auf einem Sportplatz.

Wenig werde unter Polizisten so emotional diskutiert wie „die hohe Belastung“, so das Schreiben an Niedersachsens Innenministerin.