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Binnen eines Jahres hat sich ein neuer Migrationskorridor von Ost-Libyen nach Griechenland entwickelt. Eine wichtige Rolle dabei soll Belarus spielen: Flugzeuge fliegen laut EU von dort Migranten nach Nordafrika – und möglicherweise auch Waffen.
Von Manuel Bewarder, Florian Flade und Reiko Pinkert, WDR/NDR
Wie eng das belarusische und das Regime im Osten Libyens mittlerweile miteinander sind, das zeigte sich vor wenigen Tagen. Bei einem Treffen in Minsk sagte der belarusische Machthaber Alexander Lukaschenko laut staatlichen Medien: „Ich habe eine besondere Beziehung zu Ihrem Volk.“ Sein Gast blickte ihn aufmerksam an: Es handelte sich um den Sohn von General Chalifa Haftar, jenem Militär, der seit mehr als zehn Jahren den Osten Libyens beherrscht.
Die zwei eng mit Russland verbundenen Regime wollen ihre Zusammenarbeit ausbauen, wie sie nach dem Treffen erklärten. Für viele Länder Europas klingt das nicht gut. Denn beide sollen Sicherheitskreisen zufolge eng kooperieren, um eine neue Migrationsroute nach Europa zu etablieren: von Ost-Libyen in die Region Kreta.
15.000 illegale Grenzübertritte
Bereits 2024 gingen die Zahlen auf diesem Korridor nach oben. Doch in diesem Jahr sind sie noch einmal deutlich gestiegen: Von Januar bis Ende Oktober 2025 registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex nach Informationen von WDR und NDR rund 15.000 illegale Grenzübertritte auf der Route in die Region Kreta. Das sind rund 240 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.
Die höchsten Zahlen wurden im Sommer registriert, mit mehr als 3.600 im August – doch auch zuletzt, im Oktober, sollen es noch deutlich mehr als 1.000 solcher Grenzübertritte gewesen sein.
Welche Bedeutung diese Route für das Migrationsgeschehen hat, zeigt ein Vergleich: Nur über das zentrale Mittelmeer nach Italien wurden in diesem Jahr nochmal mehr irreguläre Grenzübertritte auf dem Meer registriert – und ähnlich hoch wie die Zahl der Feststellungen nach Kreta ist vergleichsweise nur noch jene Route über die Ägäis von der Türkei.
Welche Rolle Belarus dabei spielen soll, hat unlängst EU-Migrationskommissar Magnus Brunner öffentlich erklärt: Man sehe, dass aus Belarus Menschen nach Libyen transportiert werden, um sie danach gezielt nach Europa zu bringen. Die Informationen kommen nach Recherchen von WDR und NDR aus nachrichtendienstlichen Erkenntnissen. Die belarusische Fluggesellschaft Belavia Airline soll deutlich häufiger die ost-libysche Stadt angeflogen haben.
Werden auch Waffen transportiert?
Tatsächlich könnte es neben dem Transport von Migranten noch einen zweiten Grund für die Flüge von Belarus in den Osten Libyens geben. Nach Informationen von WDR und NDR hält man es in Sicherheitskreisen für möglich, dass bei Flügen zwischen den beiden Ländern nicht nur Menschen, sondern auch militärisches Gerät transportiert wurde.
Frontex hatte bereits in ihrer im Frühjahr veröffentlichten Risikoanalyse darauf hingewiesen, dass Migration via Ost-Libyen mit russischer Unterstützung als hybrides Mittel genutzt werden könnte – also als gezielt herbeigeführtes Problem. Hohe Ankunftszahlen in Griechenland könnten nämlich das Funktionieren des Schengen-Raumes beeinträchtigen – und damit die Spannungen zwischen EU-Mitgliedern erhöhen, so Frontex. Für Haftars Regime wiederum, so die Mutmaßung von EU-Sicherheitsbeamten, könnte ein Ziel lauten, offiziell von der EU anerkannt zu werden.
Dass Russland und Belarus – teils gemeinsam – nach Einschätzung von EU-Kommission, Bundesregierung und europäischen Sicherheitsbehörden das Thema Migration als hybrides Instrument nutzen, ist seit Jahren bekannt: Schon 2021 analysierten beispielsweise deutsche Beamte in der behördenübergreifenden Arbeitsgruppe (AG) „Hybrid“ in einem Bericht, dass Russland Migration zum Teil bewusst „als Waffe“ nutze.
Nur wenige Monate später unterstützte Belarus laut europäischen Sicherheitsbehörden, dass Migranten mit dem Flugzeug nach Minsk kamen und von dort weiter in die EU zogen. Belarus und Russland haben den Vorwurf der Instrumentalisierung stets zurückgewiesen.
Schutz der EU-Außengrenzen erhöht
Mittlerweile hat die EU den Schutz der Außengrenze in Osteuropa deutlich intensiviert – und Belarus, so der Vorwurf, instrumentalisiere Migration jetzt eben auf mehrfache Weise als politisches Druckmittel. Ein Teil der Menschen, die von Belarus nach Europa wollten, würden es nun über den Osten Libyens und das Mittelmeer versuchen.
Die anderen wiederum trotz des verstärkten Grenzschutzes über den Landweg aus Belarus – darauf deutet auch eine relativ hohe Zahl von zuletzt an der litauisch-belarusischen Grenze registrierten Übertrittsversuchen hin.
Die belarusische Regierung sowie die Fluggesellschaft Belavia reagierten zunächst nicht auf konkrete Nachfragen. Eine Sprecherin der Kommission erklärte, man werde mit allen Beteiligten im Gespräch bleiben. Aus dem Auswärtigen Amt in Berlin heißt es dazu: „Wir und unsere europäischen Partner beobachten diese und andere Entwicklungen fortlaufend. Wir stehen im gegenseitigen Austausch sowohl zur Situation an der EU-Außengrenze zu Belarus als auch zu Entwicklungen in Libyen.“