In der Forschung zu arbeiten, erweitert den Horizont in vielerlei Hinsicht. Vor einer Weile saß ich mit einer größeren Gruppe von Geistes- und Sozialwissenschaftlern zusammen, die über Asien und Afrika arbeiten. Kollegen aus mehreren afrikanischen, nahöstlichen und südasiatischen Ländern, aber auch aus Russland, der Ukraine und verschiedenen anderen europäischen Ländern waren darunter.

Ulrike Freitag, Direktorin des Leibniz-Zentrums Moderner Orient und Professorin für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Foto: Marc Beckmann

Ulrike Freitag ist Direktorin am Leibniz-Zentrum Moderner Orient und schreibt in der Kolumne „Vom Campus“ im Wechsel mit Jutta Allmendinger, Jule Specht, Barış Ünal, Johannes Vogel über aktuelle Hochschul- und Wissenschaftsthemen, die Berlin und die Welt beschäftigten.

Thema war der turbulente Anfang des Jahres. Wir erinnern uns: Im Iran waren Hunderttausende auf die Straßen gegangen und das Regime hatte viele Tausend Demonstranten kaltblütig erschossen. Der Präsident Venezuelas war in die USA entführt worden. Im Jemen bombardierte Saudi-Arabien eine Waffenlieferung, mit der die Emirate eine Rebellengruppe unterstützen wollten – obwohl Saudi-Arabien mit seinem Nachbarland, den Vereinigten Arabischen Emiraten, eigentlich verbündet ist.

Kuba unterlag unterdessen einer immer stärkeren Blockade, im Sudan tobte Bürgerkrieg und der amerikanische Präsident erwog, Grönland zu besetzen. Dies alles geschah, noch bevor der Krieg am Golf sich auf die deutschen Tankstellen auswirkte, bevor in asiatischen und afrikanischen Ländern Energie und Dünger fehlten. Im Frühjahr dann führte ein Angriff der Hisbollah auf Israel zur erneuten Besetzung des Südlibanon: Diesmal gekoppelt mit vollständiger Zerstörung von Dörfern und landwirtschaftlicher Anlagen.

Wie meine internationalen Gesprächspartner:innen die überraschenden und beunruhigenden Entwicklungen zu Beginn des Jahres einordneten, variierte stark. Und auch, welche politischen Konsequenzen sie daraus zogen.

Selbst Experten sehen die globale Situation höchst unetrschiedlich

Die einen vermuteten, das US-Hilfsversprechen für die Demonstranten könne das iranische Regime stürzen. Gerade meine iranischen Kollegen waren hingegen über die amerikanischen und israelischen Flaggen bei Demonstrationen von Exiliranern entsetzt.

Intensiv diskutiert wurde auch die Funktion der libanesischen Hisbollah-Miliz. War sie ein gefährlicher Vasall des iranischen Regimes? Oder etwa eine Widerstandsbewegung gegen israelische Expansionsgelüste in der Region? Für Letzteres argumentierten manche, ein säkular orientierter libanesischer Kollege widersprach dieser Ansicht deutlich.

Umstritten war in der Runde zudem, wie die Rollen Russlands und Chinas in der neuen Weltordnung zu beurteilen sind. Ist es klug, wenn sich Europa den US-Ambitionen widersetzt? Ist es dazu überhaupt in der Lage?

In einem aber waren sich überraschenderweise gerade die nicht aus Europa stammenden Kollegen sehr einig. Ihr Tenor: Wir Europäer müssten die zunehmend fragile regelbasierte internationale Ordnung ebenso wie die stark gefährdeten Menschenrechte und die Meinungsfreiheit verteidigen.

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Diese Sicht auf Europa erscheint mir fast idealistisch. Dennoch: Wir sollten diesen Auftrag sehr ernst nehmen. Denn er zeugt von einem erheblichen Vertrauen, das Menschen aus Afrika, dem Nahen und ferneren Osten, in unsere gemeinsamen Werte setzen. Und zwar trotz aller berechtigter dekolonialer Kritik.

Dass Europa ihm nachkommt, ist sowohl für die internationale Politik wichtig als auch dafür, eine gemeinsame Basis zu schaffen. Angesichts nationaler Eigensinnigkeiten gerät dies heute zu leicht aus dem Blick.