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Uns auf Google folgenfdsaLastwagen transportieren Erz aus einer Diamantenmine in Jwaneng, Botsuana. © MONIRUL BHUIYAN

Sinkende Rohdiamantenpreise und der Aufstieg künstlicher Edelsteine zwingen Botsuana zum wirtschaftlichen Umdenken und zu Reformen.

Botsuana war lange vom Ressourcenfluch ausgenommen – dem Phänomen, bei dem Rohstoffvorkommen Korruption oder bewaffnete Konflikte finanzieren. Der Diamantenreichtum des afrikanischen Binnenstaats kam seinen 2,5 Millionen Bürgerinnen und Bürgern zugute: Die Regierung investierte verantwortungsvoll in Bildung, Gesundheit, Infrastruktur. Das Land entwickelte sich seit der Entdeckung der Diamantenvorkommen 1967 von einem der ärmsten der Welt zu einem Staat mit gehobenem mittleren Einkommensniveau. Jahrzehntelang habe sich Botsuana auf seine Diamanten verlassen, sagte Staatspräsident Duma Boko im August. „Während sie viel für uns geleistet haben, erkennen wir nun schmerzlich, dass dieses Modell seine Grenzen erreicht hat.“

Ein Diamant mit 1174 Karat liegt in der Hand eines Politikers von Botsuana.Ein Diamant mit 1174 Karat. © MONIRUL BHUIYAN

Der Preis für Rohdiamanten hat sich seit 2022 halbiert. Vor allem durch die wachsende Konkurrenz preiswerter, künstlicher Diamanten – meist produziert in China, poliert in Indien, nachgefragt in den USA. Dort machten sie inzwischen etwa die Hälfte der Verlobungsringkäufe aus, schätzt eine US-Versicherung.

Mit Steinen wurden Schulen in Botsuana finanziert

Duma Boko appellierte kürzlich „an alle Verliebten, die heiraten wollen“, sich für natürliche Steine zu entscheiden. Diamanten markierten Ereignisse wie Verlobungen, aber noch wichtiger, sie hätten „Schulen finanziert und Chancen für Generationen von Botsuana“ geschaffen.

Botsuana ist einer der größten Diamantenproduzenten der Welt. Sie machen etwa 80 Prozent der Exporte und ein Drittel der Staatseinnahmen aus. Angesichts der anhaltend sinkenden Nachfrage steckt das Land nun in einer Krise. Bereits im vergangenen Jahr war die Wirtschaft um drei Prozent geschrumpft, in diesem Jahr wird erneut mit einem Rückgang gerechnet. Die Diamantenproduktion wurde drastisch gedrosselt und Beschäftigte entlassen. Das langfristige Kreditrating wurde gesenkt, mit negativem Ausblick.

Mit sinkenden Staatseinnahmen wächst der Schuldenberg. Ende August musste die Regierung einen Gesundheitsnotstand ausrufen, weil es einen Engpass bei Medikamenten gab. In der Staatskasse fehlte Geld, um die gestrichenen US-Auslandshilfen auszugleichen.

Wirtschaft Botsuanas ist abhängig von Diamanten

Wenn nichts unternommen werde, bestehe die Gefahr, dass die Situation „nicht nur zu einer wirtschaftlichen Herausforderung, sondern zu einer sozialen Zeitbombe“ werde, warnte Boko im Juli. Und er übte scharfe Kritik am weltweit führenden Diamantenkonzern De Beers. Sein Land sei nun „pleite“, weil das Unternehmen seine Aufgabe, zu hohen Preisen zu verkaufen, „nicht erfüllt“ habe. „Vielleicht sollten wir übernehmen und die Diamanten selbst verkaufen“, so Boko. Zu lange hätten Rohdiamanten das Land verlassen, um als polierte Steine zurückzukehren. „Diese Ära muss enden.“

Botsuana ist eng mit De Beers verbunden. 1969 gründeten die Regierung und der Konzern das 50:50-Joint-Venture Debswana zur Ausbeutung der Diamantenvorkommen. Erst im Februar hatten beide eine neue Vereinbarung getroffen, nach der Debswana einen größeren Anteil Rohdiamanten an das staatliche Handelsunternehmen Okavango Diamond Company (ODC) verkaufen soll. Der Anteil soll schrittweise auf 50 Prozent steigen.

Botsuana will Bergbauriesen übernehmen

Botsuana hält derzeit einen Anteil von 15 Prozent an der De-Beers-Gruppe, die restlichen 85 Prozent besitzt Anglo American. Nun will der Bergbauriese seine Anteile verkaufen und Botsuana möchte die Chance nutzen, um Mehrheitseigner zu werden. Damit würde es die Kontrolle über die Diamantenverkäufe übernehmen und könnte einen größeren Anteil der Profite einstreichen. Bei der Finanzierung soll unter anderem ein Staatsfonds aus dem Oman mit einer Summe von zwölf Milliarden US-Dollar helfen. Die Verhandlungen laufen und sollen nach dem Wunsch des Präsidenten Ende des Monats abgeschlossen sein. Laut Boko geht es um die „wirtschaftliche Souveränität“ seines Landes.

Die Frage ist jedoch, ob Botsuana angesichts des weltweiten Trends weiter derart stark auf Diamanten setzen und sich für den Kauf des Konzerns weiter verschulden sollte. Bei einer Auktion im September hatte die ODC etwa eine Million Karat Rohdiamanten angeboten, aber keine verkauft, weil der Mindestpreis nicht erzielt werden konnte. Höchstpreise scheinen der Vergangenheit anzugehören und die Veredlung von Diamanten gehört auch nicht zu den Kernkompetenzen von De Beers, das auf Produktion und Handel spezialisiert ist. Eine stärkere Diversifizierung der Wirtschaft, die schon seit Jahren im Gespräch ist, könnte der erfolgversprechendere Weg sein. Erste Regelungen hat die Regierung bereits auf den Weg gebracht.

Botsuanas Suche nach anderen Wirtschaftszweigen

Im letzten Monat kündigte Boko ein Programm an, das Investoren erlaubt, die Staatsbürgerschaft zu erhalten. Es soll beim Auf- und Ausbau alternativer Wirtschaftszweige helfen, etwa dem Baugewerbe, dem Anbau medizinischen Cannabis, Tourismus oder erneuerbaren Energien. Der Tourismus ist schon jetzt der zweitgrößte Wirtschaftszweig in Botsuana und das Potenzial für Sonnenenergie groß. Schließlich sind über 70 Prozent der Landesfläche Teil der Kalahariwüste und die von Stromausfällen geplagten Nachbarländer auf Energieimporte angewiesen.

Damit die Wirtschaft wachsen und eine Wertschöpfungskette aufgebaut werden kann, braucht das Land Investitionen in die Wasserversorgung. So soll die langfristige finanzielle Zukunft Botsuanas gesichert und Jobs geschaffen werden. Der Diamantensektor beschäftigt über 20 000 Menschen direkt und mehrere Tausend indirekt, mit abnehmender Tendenz. Die Arbeitslosenrate liegt schon jetzt bei 23 Prozent und für jüngere Beschäftige fast doppelt so hoch.

Präsident wirbt für „Reise der Transformation“

Auch vor der UN-Vollversammlung warb Boko um Investitionen für die „Reise der Transformation“ seines Landes. Und er gab die Gründung eines neuen Staatsfonds bekannt, der den existierenden Pula-Fund ergänzen soll. Der neue Fonds sei „das Fundament für eine widerstandsfähige, nachhaltige und diversifizierte Zukunft“. Seit drei Jahrzehnten investieren die Regierung und die Zentralbank die Überschüsse aus dem Diamantenhandel im Pula-Fund, doch sie fallen immer geringer aus. Während der Pula-Fund als Stabilisierungsfonds Geld für schlechte Zeiten anlege, stehe beim neuen Staatsfonds das Wachstum im Vordergrund, erklärte Farouk Gumel, der Vorstandsvorsitzende des neuen Fonds, bei einer Pressekonferenz. „Wir werden nicht nur Geld verwalten, sondern auch Vermögenswerte wie einige der Staatsbetriebe.“ Denn auch die sind angesichts der Diamantenkrise zunehmend in Not.

Der neue Fonds soll einer unabhängigen Aufsicht unterliegen und öffentlich Bericht erstatten. Am erfolgreichen Management bestehen in Botsuana, das für seine gute Regierungsführung und Transparenz bekannt ist, wenig Zweifel. Der neue Fonds sei zweckgebunden und orientiere sich an globalen Maßstäben, sagte Gumel. Er werde sowohl im Inland als auch international investieren, Beteiligungen, Partnerschaften und Reformen staatlicher Unternehmen nutzen, um privates Kapital sowie Know-how anzuziehen und Jobs zu schaffen. „Es gab keine Blaupause für uns. Also orientieren wir uns an Norwegen, Singapur und den Golfstaaten“, sagte Gumel. Botsuana, das oft als afrikanisches Musterland bezeichnet wird, leistet wieder einmal Pionierarbeit auf dem Kontinent.