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Seite 1″Die deutsche Politik hat sich die Sache einfach gemacht“


Seite 2″Restitution ist eine Geste“

War es ein Fehler der deutschen Bundesregierung, einst geraubte Benin-Bronzen an Nigeria zurückzugeben? Im Juli 2022 wurde dazu eine Rahmenvereinbarung für die Rückgabe einst geraubter Benin-Bronzen geschlossen, im Dezember 2022 gaben Bundesaußenministerin Annalena Baerbock und Kulturstaatsministerin Claudia Roth dann die ersten Kunstgegenstände feierlich zurück. Die deutsche Seite ging offenbar davon aus, dass die Bronzen in einem (von Deutschland finanziell unterstützten) Museumsneubau vor Ort ausgestellt würden. Der scheidende nigerianische Präsident übertrug die Besitzrechte an den Bronzen jedoch zuletzt dem Oba von Benin, dem nominellen Nachfolger der einstigen Herrscher über das Königreich Benin, das tief in den kolonialen Sklavenhandel verstrickt war. Nun ist einstweilen unklar, ob die Bronzen öffentlich zugänglich sein werden. An dieser Stelle erklärt der Kulturwissenschaftler und Afrika-Experte Klaus Keuthmann, wie die deutsche Debatte die Komplexität der Kolonialgeschichte und des Sklavenhandels sowie der heutigen Verhältnisse in Nigeria ignoriert.

ZEIT ONLINE: Herr Keuthmann, die Überstellung „deutscher“
Benin-Bronzen an Nigeria und ihre Weitergabe in Privatbesitz hat die Debatte
über Kolonialisierung und Wiedergutmachung nochmals belebt
. Sie haben sich lange
mit Sprachen, Kulturen und Geschichte verschiedener afrikanischer Gesellschaften befasst. Was denken Sie über die Diskussion?

Klaus Keuthmann: Die aktuelle Restitutionsdebatte bekommt manchmal
einen falschen Zungenschlag. Und das lässt mich regelrecht verzweifeln. Denn da
melden sich gewisse Kritiker zu Wort, die offenbar glauben, man hätte in
Mitteleuropa nichts mit dem Sklavenhandel des 16. bis 19. Jahrhunderts in
Afrika zu tun gehabt. In moralischer Empörung wird beispielsweise den Nachfahren
des Königshauses von Benin deren Verstrickung in das Geschäft mit der Ware
Mensch vorgehalten, ohne sich zugleich zu vergegenwärtigen, dass sich die
Wurzel dieses Übels teils bis in die Mitte Europas zurückverfolgen lässt. Der
Blick aus afrikanischer Perspektive fehlt dabei fast völlig. Er wird – wie in
der Vergangenheit, so auch jetzt – einfach nur ignoriert. 

Klaus Keuthmann

war als Lehrbeauftragter und Wissenschaftlicher Angestellter an den Universitäten Bonn, Köln und Frankfurt am Main und in den Sonderforschungsbereichen Identität in Afrika der Universität Bayreuth sowie Kulturentwicklung und Sprachgeschichte im Naturraum Westafrikanische Savanne der Frankfurter Universität tätig. Schwerpunkte seiner Feldforschungen lagen in Botswana und Burkina Faso. Nach langjähriger Geschäftsführung des Dekanats des Fachbereichs Sprach- und Kulturwissenschaften der Goethe-Universität ist er inzwischen im Ruhestand.

Benin-Bronzen: "Die deutsche Politik hat sich die Sache einfach gemacht"

ZEIT ONLINE: War der Sklavenhandel eine Erfindung der
Europäer?

Keuthmann: Die Kapitalisierung menschlicher Körper, wie der
Historiker Michael Zeuske treffend die Sklaverei zu allen Zeiten und in allen
Teilen der Welt umschreibt, hat auch in Afrika eine uralte Geschichte.
Vermutlich sind im Inneren Afrikas mehr Menschen in Sklaverei gehalten worden,
als jemals den Kontinent als Sklaven im
sogenannten Dreieckshandel
verlassen haben. Ob im System der
Sklavenhaltung, des Frondienstes oder der Leibeigenschaft oder anderer Formen
der Ausbeutung von Menschen: Nutznießer waren immer und überall auf der Welt
Eliten, Klassen von Menschen mit Vorrechten, Herrschende also, zu denen eben auch
Königsfamilien wie die des Oba in Benin gehörten. Sie versklavten aus
unterschiedlichsten Gründen eigene, unliebsame Untertanen, politische Gegner
oder Konkurrenten, Kriegsgefangene oder Opfer systematischer Menschenjagden.

© ZEIT ONLINE

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ZEIT ONLINE: Also gab es Sklavenhaltung und Handel mit
Sklaven schon vor Ankunft der Europäer?

Keuthmann: Als die Portugiesen an der westafrikanischen
Küste landeten, haben sie ein schon bestehendes System bloß aufgegriffen, aber
ihm faktisch umgehend merkantile Strukturen verliehen, es kommerzialisiert und
zum Welthandel ausgebaut.

ZEIT ONLINE: In den auch Deutschland verstrickt war?

Keuthmann: Ja, vor allem die Augsburger
Handelsgesellschaften der Fugger erkannten schnell die aussichtsreichen Profite
einer Finanzierung des Handels mit der Ware Mensch, ohne sich dabei die Hände
schmutzig machen zu müssen.

ZEIT ONLINE: Was hatten die Fugger mit Sklavenhandel zu tun?

Keuthmann: Der Handel mit Kupfererzen war im 16. Jahrhundert
weitestgehend in den Händen von Nürnberger und Augsburger Kaufleuten. Die
Fugger organisierten unter anderem den Abbau von Galmei, einem Zinkerz, das insbesondere
in der Region um Stolberg bei Aachen gewonnen wurde und dann zur Fertigung von
Messing-Armreifen, den sogenannten Manillen, diente. Kupfererz, Armreife und
andere Produkte wurden, wie es in den Quellen der Zeit heißt, „in unglaublichen
Mengen“ nach Antwerpen gebracht, um dort unter anderem nach Westafrika
verschifft zu werden. Die Portugiesen nutzten insbesondere die „Manillen“ als
Geldersatz zur Finanzierung von Sklaveneinkäufen in Westafrika. Die Gier nach
diesen Metallen war riesig im alten Benin, denn es diente den dortigen Eliten,
insbesondere dem Königshaus, zur Demonstration des eigenen Prunks, des
Wohlstandes und letztlich auch der Macht.

ZEIT ONLINE: Und der Reichtum wurde wie in Europa zur Schau
gestellt? 

Keuthmann: Der niederländische Geograf Olfert Dapper
beschreibt um 1668 den Königspalast von Benin aufgrund von zeitgenössischen Berichten voller Bewunderung mit den
Worten, er sei größer und prächtiger als die Amsterdamer Börse – damals das
Zentrum der Finanzwelt – und von unten bis oben mit Messing und kupfernen
Figuren dekoriert. Es ist schon irgendwie verrückt: Das Stolberger Galmei-Erz,
in Armreife gegossen und zum Aufkauf von Sklaven genutzt, wurde in Benin umgeschmolzen
und zu all den Kostbarkeiten veredelt, über die wir heute streiten. Übrigens
belegen Isotopendatierungen in jüngsten Untersuchungen, dass ein erheblicher
Teil der aus dem Aachener Raum stammenden Zinkerze in einer Reihe dieser Benin-Bronzen
heute noch nachweisbar sind.

ZEIT ONLINE: Das Erz für die Bronzen kam also vor allem aus
dem Rheinland?

Keuthmann: Nachdem die Briten Mitte des 17. Jahrhunderts in
das profitable Geschäft mit dem Sklavenhandel eingestiegen waren, kamen die Erze vermehrt auch aus britischen Produktionsstätten – etwa aus Birmingham oder
Bristol. Aber das Stolberger Galmei-Erz veranschaulicht gerade für uns Deutsche,
dass viele – europäische wie afrikanische – Akteure in den Sklavenhandel direkt
oder indirekt eingebunden waren. Sklaverei ist ein systemisches Geschehen, bei
dem es keine Unschuldigen und nur ein einziges Opfer gibt: den zur Ware
erklärten Menschen.