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Seite 1Sing und weine nicht
Seite 2Die La Ola kam nur einige Meter weit
Als die Sombreros flogen, war für einen Moment alles vergessen. Zu Tausenden segelten die riesigen Papierhüte kurz vor dem Anpfiff über die steilen Ränge des Aztekenstadions. Sie vermittelten ein Bild der Leichtigkeit, das sich vor dieser WM bei kaum jemandem einstellen wollte. Womöglich sah man deshalb in diesem Moment Menschen vor Freude weinen. Schließlich hatte sich vor diesem 2:0-Auftakterfolg der Mexikaner gegen Südafrika einiges aufgestaut.
All die Probleme Mexikos: die Gewalt, die Toten, die Verschwundenen. Die streikenden Lehrer und andere Gruppen, die damit gedroht hatten, das Eröffnungsspiel lahmzulegen. Überhaupt diese seltsame Ambivalenz, die viele Mexikaner in diesen Tagen aushalten mussten: Fußball einerseits zu lieben, aber doch bitte nicht so viel Geld für eine WM verschwenden zu wollen. Und da hat noch niemand von den USA geredet, deren Juniorpartner Mexiko bei dieser Weltmeisterschaft ist. Das Land, das Schiedsrichter nicht hineinlässt und Krieg gegen einen Turnierteilnehmer führt.
An diesem wider Erwarten oft sonnigen frühen Donnerstagmittag aber nahmen sich die 80.824 Menschen in diesem so traditionsreichen Stadion vor, ihre Mannschaft und sich selbst zu feiern. Laut und bunt. Vor dem Azteca spielten Mariachibands, Menschen in Wrestlingmasken posierten genauso für Fotos wie solche mit Federschmuck der Azteken auf dem Haupt. Zehntausende kamen im dunkelgrünen Trikot ihres Landes. Da war sie, die typische und mit keinem anderen Ereignis vergleichbare WM-Atmosphäre: Karneval der Kulturen trifft Pokalfinale.
Der Beton des mächtigen Stadions schien zu vibrieren
Wobei die Mexikaner das mit der WM-Atmosphäre schon besonders gut können (wahrscheinlich dürfen sie deshalb als bisher einziges Land zum dritten Mal eine ausrichten). Als vor dem Anpfiff die Flagge Mexikos gen Mittelkreis getragen und später die Hymne des Landes gespielt wurde, schien der Beton des mächtigen Stadions zu vibrieren. Unmittelbar nach Anpfiff riefen die Fans bei jedem gelungenen Pass »Olé«, den Klassiker. Derart beflügelt dauerte es 1:30 Minuten, ehe die Mexikaner den Ball überhaupt das erste Mal an ihren Gegner verloren.
Während des Spiels stimmten die Zuschauer immer wieder ein bestimmtes Lied an. Cielito lindo, eines der bekanntesten mexikanischen Stücke mit der berühmten Zeile: Ay, ay, ay, ay, canta y no llores. Sing und weine nicht. Ein Lied, das Mut machen soll und Lebensfreude ausdrückt. Es gilt als Ausdruck von Zusammenhalt und Widerstandskraft. Immer gut, in diesen Zeiten ganz besonders. Vielleicht ja kein Zufall, dass Mexikos 1:0 nur wenige Sekunden nach dem Zeitpunkt fiel, als die inoffizielle Fußballhymne Mexikos zum ersten Mal durchs Stadion hallte.
Mit maximaler Leidenschaft
In dieser neunten Minute hatte Südafrikas Yaya Sithole den Ball vor dem eigenen Strafraum verloren, Julián Quiñones die Situation erkannt, abgezogen und durch die Beine des südafrikanischen Torhüters zur Führung vollendet. Der Torjubel war laut, sehr laut, und die Tormusik kam von einer Mariachigruppe. Zu diesem Zeitpunkt fragte manch einer, ob nicht die ganze WM in Mexiko ausgetragen werden könnte.
Es entwickelte sich ein typisches WM-Vorrundenspiel. Reizvoll, weil ein Haufen Spieler, die kaum jemand kennt, mit maximaler Leidenschaft zu Werke geht. Aber oft auch nur schwer anzuschauen, weil ein Haufen Spieler, die kaum jemand kennt, mit maximaler Leidenschaft zu Werke geht.
© Lea Dohle
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Tatsächlich könnte dieses Spiel einen Vorgeschmack auf die aufgeblähte WM-Vorrunde geben: ein sportlich mäßiges Niveau, interessante Schiedsrichterentscheidungen, nur die gute Heimatmosphäre wird es nicht oft geben.