Was ist das Spiel des Tages?
Auch ihn hat die Augenbraue von Carlo Ancelotti im Blick: Vinicius Jr., quengeliger Offensivstar der Brasilianer © Wagner Meier/Getty Images
Brasilien gegen Marokko. Am dritten Tag der WM – einst das Turnier der Besten – treffen endlich zwei Teams aufeinander, die fußballerisch auch wirklich dabei sein sollten. Marokko ist der amtierende Afrikameister oder Vize-Afrikameister, je nachdem, wessen Anwälte Sie fragen. Und Brasilien ist Brasilien. Zwar hat das Team vier Trainer gebraucht, um die südamerikanische WM-Quali auf Platz fünf zu beenden. Als letzter dieser Trainer führt nun aber Carlo Ancelotti die Brasilianer ins Turnier. Ein Coach also, der alle europäischen Topligen gewonnen hat. Erst bringt er eigenwillige Offensivstars (Vini Jr., Neymar Jr., Neymars Jr.s rechte Wade) auf Linie. Dann bringt er Titel nach Hause? Wir werden die linke Augenbraue Ancelottis im Blick behalten. Sie ist sein wichtigster Kommunikationskanal.
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Wer wird heute wichtig?
Offenbar der Alkohol. Vom Flughafen in Boston sind Bilder überliefert, die konsternierte Schotten kurz nach der Ankunft zeigen. Man sei kaum in der Luft gewesen, als das Bier im Flugzeug bereits knapp wurde, erzählte einer der wartenden Presse. Ein anderer stieg deshalb auf Wein um, wieder ein anderer auf Whisky. Können die schottischen Fans den Schwipps heute ins erste Spiel ihrer Mannschaft gegen Haiti mitnehmen? Oder lernen sie auf die harte Tour, dass eine fünfwöchige Fußball-WM – und 30 Grad im schattenlosen Boston Stadium – ein anderes Tempo erfordern als die heimischen Pubs und Stadien?
Kennen Sie den schon?
Eloquent, gut angezogen, Mathestudent nach Schlusspfiff: Der Lebenslauf des marokkanischen Mittelfeldspielers Ayyoub Bouaddi schreit geradezu nach einer Frustgrätsche. © Jordan Bank/Getty Images
Ayyoub Bouaddi (18 Jahre, Marokko). Der zentrale Mittelfeldspieler von Lille OSC hat sein letztes Juniorenländerspiel erst vor zweieinhalb Monaten bestritten – für Frankreich. Nun ist er als Stammkraft im marokkanischen WM-Aufgebot vorgesehen und gehört zu einer Reihe von Talenten mit doppelter Staatsbürgerschaft, die zwar in Frankreich geboren und ausgebildet wurden, aber für das Herkunftsland ihrer Eltern auflaufen. Bouaddi galt schon in der Schule als Überflieger, der das Abi ein Jahr zu früh machte. Von Brigitte Macron wurde er ausgezeichnet als bester Redner im französischen Nachwuchsfußball (ja, diesen Titel gibt es wirklich), inzwischen studiert er nebenbei Mathe und Physik. Beste Voraussetzungen also für einen ballsicheren Spiellenker. Vielleicht aber auch für eine Begrüßungsgrätsche des brasilianischen Mittelfeld-Raubeins Casemiro.
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Was machen die Deutschen?
Content. Vor allem Deniz Undav hat auf den DFB-eigenen Social-Media-Kanälen schon bewiesen, dass er mit dem Handystick in der Hand ebenso gefährlich ist wie mit dem Rücken zum Tor. Noch ausbaufähig war hingegen die gestrige Videoschalte von Bundeskanzler Friedrich Merz ins Disneyschlösschen der Nationalspieler. Die Körperspannung, die Joshua Kimmich, Jonathan Tah und Kai Havertz dabei demonstrierten, ist dann selbst für Profifußballer zu viel des Guten. Und wenn Julian Nagelsmann sein Team aufs erste Gruppenspiel genauso spritzig einstellt, wie er in den Call hineinschneite, hat Curaçao morgen vielleicht doch eine Chance.
Aus dem politischen Abseits
Fast vergessen, aber es gibt nicht nur einen autokratisch veranlagten Politiker, der die Weltmeisterschaft für eigene Zwecke nutzt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan zum Beispiel trug dem Fußballverband seines Landes auf, ein Werbevideo zu produzieren, das die Nation auf WM-Temperatur bringen soll. Neben Toren türkischer Fußballer – morgen früh starten sie gegen Australien ins Turnier –, feiernden Fans und schlecht geprompteten KI-Stadien sieht man darin auch: türkische Kampfjets, türkische Kampfhelikopter, türkische Kriegsschiffe, türkische Raketenabschusssysteme und Erdoğan selbst, der auf dem Fußballplatz ein paar augenscheinlich verängstigten Verteidigern entwischt, bevor er mit flachem Rechtsschuss einen offenbar überlebenswilligen Torwart düpiert. Manche fragen sich zu Recht: Fährt die Türkei zur WM, oder zieht sie in den Krieg?
Was singen die denn da?
Unsere hausinterne Hymnenexpertin und Autorin Christina Rietz hört sich zur WM durch die Hymnen der teilnehmenden Nationen. Im Newsletter wird sie Ihnen jeden Tag eine vorstellen. Heute: der »Schweizerpsalm«.
© Lea Dohle
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Stars and Schweiß
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»Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern«, ließ schon Schiller die Schweizer beim Rütlischwur sagen. Der Vers würde auch zur herkunftsmäßig heterogenen Nati passen, aber das eigentliche Nationalstück besingt etwas anderes. Achtung, pathetischer wird es im feierlichen Rund der Hymnen nicht mehr: »Wenn der Alpenfirn sich rötet, betet, freie Schweizer, betet!« Was soll man dazu noch sagen? Wunderschöne vierhebige Trochäen, ein charmant unreiner Reim und eine gestrenge, emphatische Appellation an die Frömmigkeit. Es ist dann noch viel vom Herrn die Rede und wie er sich so in der alpinen Landschaft offenbart. Botschaft: Die Erhabenheit unserer Berge und Täler ist durch und durch göttlichen Ursprungs – die Natur wird zur Kathedrale, in der wir ergriffen beten.
Der Userkommentar des Tages
»Ich habe lange in den USA gelebt und meine Kinder dort großgezogen und bin erschüttert und traurig über den Zustand des Landes. Wenn dieses Turnier jedoch die US-amerikanische Gesellschaft feiern, fröhlich sein und diesen Sport lieben lässt, bin ich wirklich glücklich darüber. Weil ich eben auch diese Seite der USA immer geliebt habe. Vielleicht hilft dieser Moment, die Spaltung, Orientierungslosigkeit und Zermürbung zu überwinden und künftig selbstbewusster gegen Egoismus, das Recht des Stärkeren und Despoten aufzutreten. Und sie dorthin zu befördern, wo sie hingehören: in die Mottenkiste schlechter Erfahrungen einer Zivilisation, die eben auch großartig (vereint) sein kann.«
(User*in Nihi Liana hat noch Hoffnung für die USA.)
Was war das Zitat des Tages?
»I’ve been drinking since … what time did I get up in the morning? One o’clock in the morning I got up.«
(David Wood, schottischer Fußballfan, mit einer neuer Interpretation von Jetlag)
Wer spielt wann gegen wen? Katar – Schweiz (21 Uhr, San Francisco)Brasilien – Marokko (0 Uhr, New Jersey)Haiti – Schottland (3 Uhr, Boston)Australien – Türkei (6 Uhr, Vancouver)