Berner Auswanderer | 19. April 2026

Aus Wichtrach und Bern in die Welt: Damian und Sabine Jutzi sind vor ein paar Jahren losgezogen, um im Ausland ihr Glück zu versuchen. Und ihre Arbeit in Südafrika scheint Früchte zu tragen. Ihr soziales Unternehmen «Not I But We», das Menschenhandel-Überlebende unterstützt und Wiedereingliederung bietet, hat seit dem letzten Gespräch mit der Plattform J erstaunliche Fortschritte gemacht. Ein Gespräch über ihr Engagement und die Sehnsucht nach Aare und Gelati.

Engagiert unterwegs in Südafrika: Der Berner Auswanderer Damian Jutzi (Mitte rechts, blaues Shirt) berichtet der Plattform J über seine Erlebnisse im Ausland, wie es dem sozialen Unternehmen «Not I But We» geht und wie er die Schweiz aus der Distanz wahrnimmt.

Engagiert unterwegs in Südafrika: Der Berner Auswanderer Damian Jutzi (Mitte rechts, blaues Shirt) berichtet der Plattform J über seine Erlebnisse im Ausland, wie es dem sozialen Unternehmen «Not I But We» geht und wie er die Schweiz aus der Distanz wahrnimmt.Fotos: Not I But We

Du bist vor über zwei Jahren mit deiner Frau Sabine Jutzi ausgewandert, letztes Jahr habt ihr der Plattform J darüber berichtet. Seither seid ihr für das soziale Unternehmen «Not I But We» in Südafrika engagiert. Wie läuft es in Südafrika für euch?

Damian Jutzi: Es läuft sehr gut, obwohl das letzte Jahr sehr schwierig war: Unser Unternehmen «Not I But We» ist sehr abhängig von den Verkäufen und dem Fundraising in den USA – und dort war die Lage sehr unsicher. Und trotzdem hatten wir auch Erfolge: Wir konnten unseren Umsatz auf 60’000 US-Dollars steigern und konnten bei den Spendeneinnahmen mit 154 Prozent deutlich zulegen. Angesichts der schwierigen Umstände stehen wir eigentlich sehr gut da.

Über das Unternehmen «Not I But We»

Das soziale Unternehmen «Not I But We» mit den Bernern Damian (links) und Sabine Jutzi (rechts) sowie der Gründerin Madison Barefield.

Das soziale Unternehmen «Not I But We» mit den Bernern Damian (links) und Sabine Jutzi (rechts) sowie der Gründerin Madison Barefield.

Die Organisation bietet Überlebenden von Menschenhandel in Südafrika die Möglichkeit, sich durch eine würdige und sinnvolle Arbeit ein neues Leben aufzubauen. Die Frauen lernen nähen und stellen selbst verschiedene Produkte wie Taschen, Haarbänder und Kleider her. Diese werden über einen Onlineshop in die ganze Welt verkauft.

Gegründet wurde die Organisation 2020 von der Amerikanerin Madison Barefield, seit ein paar Jahren sind die Berner Damian und Sabine Jutzi ein Teil der Geschäftsleitung. Mehr über «Not I But We» erfahren. Die Plattform J hat die Auswanderer letzten Sommer interviewt.

Wir haben in eine neue, grössere Produktionsstätte gewechselt: Neu konnten wir dank gezieltem Training und Begleitung zwei Leitungsrollen ganz zwei Überlebende abgeben, das macht Freude. Und bald beginnt eine neue Trainings-Runde für Neueinsteigerinnen. Wir möchten vier neue Mitarbeiterinnen anstellen – und haben bereits viele Anmeldungen bekommen.

Im letzten Jahr ist das Unternehmen von Damian Jutzi und seinen Mitstreiterinnen gewachsen: Neue Nähplätze in Kapstadt – und das Team möchte noch weiter wachsen.

Im letzten Jahr ist das Unternehmen von Damian Jutzi und seinen Mitstreiterinnen gewachsen: Neue Nähplätze in Kapstadt – und das Team möchte noch weiter wachsen.

Im Unternehmen «Not I But We» arbeiten rund zehn Mitarbeiterinnen an den Taschen, Kleidern und weiteren Produkten: Das Unternehmen setzt sich ein, um Überlebenden des Menschenhandels neue Perspektiven zu ermöglichen.

Im Unternehmen «Not I But We» arbeiten rund zehn Mitarbeiterinnen an den Taschen, Kleidern und weiteren Produkten: Das Unternehmen setzt sich ein, um Überlebenden des Menschenhandels neue Perspektiven zu ermöglichen.

Ihr seid in Südafrika tätig, habt aber Schweizer Wurzeln, unter anderem auch in Wichtrach. Wie siehst du aktuell die Verbindung zwischen der Schweiz und deiner Tätigkeit in Südafrika?

Spannende Frage: Ich dachte nämlich, dass es einfacher sein wird, unsere Produkte in der Schweiz verkaufen zu können. Das hat mich schon etwas negativ überrascht. Hingegen es bei den Förderbeiträgen von Stiftungen ganz anders aussieht: Hier ist die Schweiz sogar der grössere Partner als die USA. Da bemerken wir schon, dass unsere Schweizer Wurzeln, unsere regionalen sowie auch unsere Sprachkenntnisse helfen, um ein gutes Fundraising zu betreiben. Hier ist die Verbindung zwischen uns in Südafrika und unseren Schweizer Wurzeln sehr stark spürbar.

Das Berner Paar Sabine und Damian Jutzi in der Schweiz in den Sommerferien: Vor einem Jahr interviewte die Plattform J die beiden bereits über ihre Erlebnisse als Schweizer Auswanderer in Südafrika.

Das Berner Paar Sabine und Damian Jutzi in der Schweiz in den Sommerferien: Vor einem Jahr interviewte die Plattform J die beiden bereits über ihre Erlebnisse als Schweizer Auswanderer in Südafrika.Foto: Annina Häusli

Was würdest du dir denn für eine internationale, südafrikanisch-schweizerische Zusammenarbeit wünschen?

Es wäre sicher ein Wunsch, dass wir in der Schweiz in der kommenden Zeit etwas bekannter werden. Für uns ist es wichtig, dass wir in Südafrika, in den USA und in der Schweiz aktiv bleiben. In Südafrika sind unsere Produkte aber eher zu teuer, da vieles auf dem Markt aus China importiert wird. Daher bleibt die Verbindung für uns zu den USA und der Schweiz sehr wichtig für unser Non-Profit-Unternehmen. Ich hoffe mir künftig, dass die Nachfrage aus der Schweiz in einer ähnlichen Grössenordnung sein wird, wie aus den USA.

Sie setzen sich für eine gute Sache ein (vlnr): Damian Jutzi, Gründerin Madison Barefield und Sabine Jutzi aus Wichtrach geben in Südafrika Gas, um das Unternehmen «Not I But We» vorwärts zu bringen.

Sie setzen sich für eine gute Sache ein (vlnr): Damian Jutzi, Gründerin Madison Barefield und Sabine Jutzi aus Wichtrach geben in Südafrika Gas, um das Unternehmen «Not I But We» vorwärts zu bringen.

Vor rund einem Jahr durften wir auf der Plattform J euch bereits mal interviewen. Damals wart ihr in der Schweiz in den Sommerferien. Was hat sich seit dieser Zeit getan?

Nachdem wir von den Ferien zurückgekommen sind, wurden wir stark herausgefordert: Einerseits waren da die US-Zölle, anderseits hatten wir intern im Unternehmen sehr schwierige Momente. Wir sahen uns gezwungen an beiden Fronten zu handeln. Wir haben sechs Monate lang an internen Prozessen gearbeitet – und jetzt langsam können wir die Früchte davon ernten. Unsere Produktionsleitende haben mittlerweile viel mehr Verantwortung übernommen. Letztlich haben wir gemerkt: «Bald haben wir hier in Südafrika ein KMU!» Wir haben jetzt insgesamt zehn Mitarbeitende an Bord – Ende Jahr sollen es bereits rund zwanzig werden.

Nach einem Jahr folgen also weitere spannende Schritte für euch: Aus einem kleinen Unternehmen entsteht langsam ein KMU. Was macht das mit dir und deinem Team?

Grundsätzlich freut es mich sehr: Das Schönste an unserer Tätigkeit ist es, wenn jemandem eine Anstellung offeriert werden kann. Denn wir glauben daran, dass wir so einen Unterschied hier machen können. Das ist sehr positiv.

Sabine und Damian Jutzi haben in Südafrika ihr Auswandererglück gefunden – obwohl Damian verrät, dass er sehr gerne in den Sommerferien in die Schweiz reist.

Sabine und Damian Jutzi haben in Südafrika ihr Auswandererglück gefunden – obwohl Damian verrät, dass er sehr gerne in den Sommerferien in die Schweiz reist.Foto: Annina Häusli

Wir merken aber auch, dass je mehr Leute wir im Team sind, je komplexer wird die Angelegenheit. Wir arbeiten halt auch mit Menschen mit schwierigen Geschichten – und je mehr dazu kommen, umso mehr dieser Geschichten lernen wir kennen. Sabine hat mir kürzlich augenzwinkernd gesagt: «Die ruhigen Zeiten sind wahrscheinlich vorbei.» Und das kann auch überfordernd sein. Aber diese Fragen und Unsicherheiten gehören halt dann dazu.

Soeben habt ihr bekanntgegeben, dass ihr eine neue Partnerschaft eingegangen seid mit Glowbalact, einer Schweizer Organisation, die sich gegen Menschenhandel einsetzt. Was hat dieser Schritt für eine Bedeutung für euch?

Glowbalact ist für uns der grösste Partner in der Schweiz: Und somit auch der grösste Partner ausserhalb der USA. Wir haben gemerkt, dass wir – bei allen Unsicherheiten, die die Lage in der USA mit sich bringen – uns auf vermehrt auf weitere Märkte konzentrieren müssen. Diese Partnerschaft ist auch einer von mehreren Gründen, wieso wir die Anzahl Mitarbeiterinnen verdoppeln können, denn sie gibt uns Planungssicherheit.

Aus alten Kites entsteht Neues: «Kitepride» wird von der Organisation «Glowbalact» in der Schweiz vertrieben und in Südafrika bei «Not I But We» hergestellt.

Aus alten Kites entsteht Neues: «Kitepride» wird von der Organisation «Glowbalact» in der Schweiz vertrieben und in Südafrika bei «Not I But We» hergestellt.

Euer Unternehmen «Not I But We» unterstützt Personen, die unter schwierigen Umständen aus dem Menschenhandel rausgekommen sind. Mit was für Schicksalen oder Geschichten werdet ihr teils konfrontiert?

Kürzlich gab es einen Moment, da kam eine Mitarbeitende am Montag zur Arbeit und hatte viele Emotionen und Sorgen bei sich aufgestaut. Sofort haben mehrere Arbeitskolleginnen ihr spontan Hilfe angeboten und ihr klar gemacht: «Du kannst immer zu mir kommen, wir sind füreinander da.» Dieser Moment, als sich die Betroffenen untereinander als Community Hilfe anboten, das war ein schöner und spannender Augenblick für mich, den ich im Vorfeld gar nicht so antizipiert hatte.

Das Unternehmen «Not I But We» hat Unterstützerinnen und Unterstützer in der ganzen Welt: Bilder von Kundinnen und Kunden, die ihre gekauften Produkte präsentieren.

Das Unternehmen «Not I But We» hat Unterstützerinnen und Unterstützer in der ganzen Welt: Bilder von Kundinnen und Kunden, die ihre gekauften Produkte präsentieren.

Ihr seid vor Jahren aus der Schweiz ausgewandert, du arbeitest weiterhin im Ausland mit deiner Frau beim Unternehmen «Not I But We». Was sind eure nächsten Ziele?

Wir wollen den Frauen, die bei uns arbeiten, Stabilität geben – das ist das Wichtigste. Natürlich wollen wir aber auch wachsen – bis Ende Jahr wollen wir weiteren Menschen die Gelegenheit auf eine Anstellung bei uns geben, rund 20 Plätze wollen wir erreichen – mit Aussicht nach mehr. Aber wie gesagt: Der interne sichere Rahmen muss erhalten bleiben, das ist das A und O. Mittel- und längerfristig sollen auch Betroffene des Menschenhandels bei uns auch in geschäftsleitenden Positionen agieren.

Schöne Fashion für einen guten Zweck: Die Taschen von «Not I But We» werden weltweit verkauft.

Schöne Fashion für einen guten Zweck: Die Taschen von «Not I But We» werden weltweit verkauft.

Mitgeschäftsführer Damian Jutzi posiert mit einer Kappe aus der eigenen Produktion.

Mitgeschäftsführer Damian Jutzi posiert mit einer Kappe aus der eigenen Produktion.

Vor einem Jahr habt ihr erzählt, dass bei deiner Frau Sabine ihr Umfeld relativ locker auf ihre Auswanderungsabsichten reagiert haben, bei dir aber vereinzelt Skepsis vorhanden war. Wie ist das mittlerweile?

(lacht) Anfangs gab es vielleicht schon vereinzelt etwas Bedenken, ob es denn nicht ein etwas vorschneller Entscheid sei, auszuwandern. Doch nach mittlerweile rund 2,5 Jahren hier haben sich alle daran gewöhnt. Im Gegenteil: Es fragen immer Mitmenschen uns auch an, ob sie uns in Südafrika besuchen dürfen. Oder Leute, die ich gar nicht so gut kenne, melden sich bei uns, wenn sie in der Nähe von Kapstadt am Reisen sind. Ich glaube, mittlerweile hat unser Umfeld unser Auswanderungsentscheid gut angenommen.

Der Schritt ins Ausland hat sich für das Berner Pärchen gelohnt: Damian und Sabine Jutzi haben viel über ihre Erlebnisse zu erzählen.

Der Schritt ins Ausland hat sich für das Berner Pärchen gelohnt: Damian und Sabine Jutzi haben viel über ihre Erlebnisse zu erzählen.Foto: Annina Häusli

Vor einem Jahr schwärmtest du im Interview mit der Plattform J noch vom Sprung in die Aare und den Glaces der Gelateria di Berna. Und, vermisst du diese Dinge immer noch?

Uh, das löst schon spezielle Heimatgefühle aus. Doch: Für mich ist Kapstadt mein Zuhause – und es fühlt sich hier mehr als mein Zuhause an, als in der Schweiz. Aber wenn ich jetzt das so höre – «Aare» und «Gelateria di Berna» – das löst schon … sagen wir, nicht grad Wehmut, aber doch ein schönes Gefühl und Nostalgie nach diesen schönen Orten aus. Und ich werde demnächst kurz in der Schweiz sein für die Hochzeit eines Kollegen und werde schauen, dass ich irgendwo in Bern übernachten kann. Es fühlt sich schon immer noch nach meiner alten Heimat an, wohin ich immer wieder sehr gerne zurück gehe.

Gerne in der Heimat, aber jetzt ist Südafrika sein Zuhause: Damian Jutzi erzählt im Gespräch mit der Plattform J über seine Erlebnisse als Auswanderer.

Gerne in der Heimat, aber jetzt ist Südafrika sein Zuhause: Damian Jutzi erzählt im Gespräch mit der Plattform J über seine Erlebnisse als Auswanderer.Foto: Annina Häusli

Auswanderer gesucht

Eigentlich ist es ja nirgends so schön wie im Kanton Bern. Dennoch entscheiden sich immer wieder Einheimische, ihren Lebensmittelpunkt ins Ausland zu verlagern – auf Zeit oder auch für immer. Genau diese Personen suchen wir! Sind Sie selbst ausgewandert oder kennen Sie jemanden, der aus der Region stammt und im nahen oder weiter entfernten Ausland wohnt? Dann melden Sie sich via 28z0000xozhh2902kg020000sivu2902nzrogl26ivwzpgrlm32kozggulinq14xs0200gzitvg290244yozmp0230ivwzpgrlm32kozggulinq14xs2815z30 bei uns. Wir freuen uns auf Post!