Stetig, in kaleidoskopischen Variationen formt sich das Melodiemuster einer akustischen Gitarre mit Nylonsaiten neu. Der E-Bass steigt ein, knurrend in den Tiefen nimmt er das Pattern auf. Drums, Perkussion – ein Sechs-Achtel-Takt immer wieder von Synkopen herausgefordert. Auch von der Stimme des Sängers: „Haiii, haiii“ feuert er seine Band an. Hat man sich eingeschwungen in die vordergründig nervöse Kraft dieses Songs, „Yadji“, zieht einen der Rhythmus in ruhiger Beständigkeit durch die Studioaufnahme der wuchtigen Nummer, die die akustischen Instrumente amalgamiert mit der Elektrizität des Rock.
Sänger und Gitarrist Petit Goro ist eine Berühmtheit – in der malischen Hauptstadt Bamako. Pophörer mit erweitertem Blickfeld wissen schon lange, welchen musikalischen Reichtum Mali zu bieten hat. Die Spitzen der Szene waren auch bei uns zu sehen und zu hören. Rock, wie ihn Bands der Tuareg spielten, formten das Bild des Desert Blues, Ali Farka Touré war ein viele überstrahlender Star aus Bamako, selbst die Musiktradition der Griot-Sänger hat man bei uns schon wahrgenommen.
Petit Goro ist anders. „Dogon-Blues from Mali“ heißt sein beim Münchner Label Trikont erschienenes Album. Die Dogon sind eine ethnische Gruppe, die in Malis Osten siedeln, am Felsmassiv von Bandiagara, heute ein Unesco-Weltnaturerbe. Eine Gesellschaft, geprägt von überlieferter Tradition, animistischem Religionsverständnis, Riten und mittlerweile auch in Teilen vom Islam. Nach seinem ersten Konzert in seinem Dorf Koro warf Petit Goros Vater ihn aus dem Haus. Singen sollten nur die Griots, und für die muslimische Verwandtschaft war so ein Beruf von vornherein inakzeptabel.
Petit Goro ließ sich nicht klein halten. Er studierte in Bamako Medizin und Wirtschaft und machte nebenbei Musik, gründete später am Konservatorium eine Band und begann, das melodiöse Erbe der Dogon in sein Gitarrenspiel zu übersetzen: repetitiv hypnotische Pentatonik ohne Blue Notes, aber, für westliche Ohren mit viel Soul und Wehmut.
Die Band setzt in Mali Publikumsmassen in Bewegung
Gleich im ersten Song der Platte entdeckt man den Sound der Soku, eines Geigeninstruments mit nur einer Saite. Ein mittenreicher, durchsetzungsfähiger Ton mit warm-heiserem Timbre. Zentral für die Musiktradition der Dogon und ideal für die Übersetzung in den Pop: die Rhythmen, gegen die der Off-Beat des Rock’n’Roll nur ein laues Lüftchen ist. Goros Band arbeitet sich synkopisch swingend in eine Ekstase, die in Mali Publikumsmassen in Bewegung setzt.
Einen traditionellen Rhythmus hört man in „Gnonwon“, einem Song, der das Leben feiert, indem er vom Schrecken berichtet. Seit 2012 terrorisieren die Dschihadisten das Land der Dogon, ermorden Menschen für ihren religiösen Wahn, hinter dem auch ganz greifbare wirtschaftliche Interessen stehen: „Auf der Straße, die zu meinem Haus führte, fielen Frauen / Auf der Straße, die zu meinem Haus führt, sind Männer gefallen“, singt Petit Goro, der mit dieser Platte Botschafter eines Volkes ist, dessen Kultur droht, vernichtet zu werden.
Jonathan Fischer, der auch für die SZ schreibt und selber in Bamako lebt, hat das Album produziert und herausgegeben. Beim Konzert im Münchner Import Export wird er erzählen vom Volk der Dogon, sprechen über deren Tradition und die Bedrohung durch Krieg und Dschihadismus.
Petit Goro, Mittwoch, 2. Juli, 19.30 Uhr, Import Export