Seit meiner Kindheit kenne ich es durch verwandtschaftliche Beziehungen, 23 Mal bin ich bereits dort gewesen. Doch meine Reisen haben heute ein klares Ziel: das staatliche Zentralkrankenhaus in der Hauptstadt.

Gemeinsam mit meinem Kollegen Prof. Jürgen Lautermann aus Halle – wir waren früher zusammen an der Essener Uniklinik – und unserem Anästhesie-Chefarzt Dr. Christian Adam haben wir dort im Rahmen eines „Ear Camps“ gearbeitet. Es war mein neunter Einsatz dieser Art seit 2003.

Mancher mag sich fragen: Warum konzentriert man sich in einem Land, in dem es an vielem fehlt, auf die Ohrenchirurgie? Sind Geburtshilfe, Unfallchirurgie oder die Versorgung von Infektionskrankheiten nicht dringlicher? Ja, das sind sie. Aber das Gehör ist die Brücke zur Welt. Wer nicht hört, findet keinen Anschluss. Für Kinder bedeutet ein zerstörtes Gehör oft das Ende ihrer Bildungschancen, für Erwachsene die soziale Isolation.

In Namibia ist die medizinische Situation im Bereich der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (HNO) herausfordernd. Während wir früher im Norden des Landes operiert haben, konzentrieren wir uns nun auf Windhoek. Der Grund ist pragmatisch: Die Versorgungslage im Norden hat sich leider verschlechtert. Im staatlichen Krankenhaus der Hauptstadt haben wir eine Kooperation, die eine bessere Voruntersuchung und – was noch wichtiger ist – eine verlässliche Nachsorge der Patienten ermöglicht. Ein operiertes Ohr braucht Betreuung, damit der Heilungserfolg von Dauer ist.

Unsere Arbeit vor Ort ist hoch spezialisiertes Handwerk. Wir behandeln vor allem Menschen mit chronischen Ohrentzündungen. Dabei ist oft das Trommelfell zerstört und der Knochen hinter dem Ohr durch Entzündungsprozesse oder sogenannten „Knochenfraß“ zersetzt. Das beeinträchtigt nicht nur das Gehör massiv, sondern kann auch gefährlich werden. In über 22 Jahren haben wir fast 400 solcher Operationen durchgeführt. Möglich wird dies durch ein starkes Fundament: Über 50 000 Euro an Spendengeldern konnten wir über die Jahre durch Fundraising sammeln, um Material und Logistik zu finanzieren.

Was den aktuellen Aufenthalt zu einem der spannendsten überhaupt machte, war die enorme Dynamik unter den Kollegen. Wir waren nicht als „Lehrer“ da, die alles besser wissen, sondern als Teil eines Teams. Insgesamt 14 Ärzte mit völlig unterschiedlichen Ausbildungsstufen waren dabei. Manche kamen aus Windhoek, andere aus peripheren Krankenhäusern oder sogar aus Simbabwe und Äthiopien.

Besonders beeindruckend ist die Entwicklung der namibischen Mediziner. Erst seit 2010 ist es überhaupt möglich, innerhalb des Landes Medizin zu studieren. Wir haben junge Kollegen erlebt, die gerade erst Fuß fassen, und solche, die bereits erfahrene Operateure sind. In einer intensiven Woche aus Vorträgen, Live-Operationen und „Hands-on“-Training

am Mikroskop haben wir voneinander gelernt. Unser Ziel ist dabei die Nachhaltigkeit. Wir wollen das System stärken, damit die Expertise im staatlichen Sektor bleibt und nicht in die Privatwirtschaft abwandert. Nur so erreicht die Hilfe auch diejenigen, die sie sich sonst niemals leisten könnten.

Wenn man so lange an einem Projekt arbeitet, schließen sich manchmal Kreise, die man kaum für möglich hält. 2019 trafen wir eine junge Medizinstudentin. Es stellte sich heraus, dass wir genau dieses Mädchen im Jahr 2003 bei unserem ersten Einsatz im Norden operiert hatten. Damals retteten wir ihr Gehör – heute schlägt sie selbst den Weg der Ärztin

ein. In solchen Momenten spürt man: Es geht um weit mehr als um einen medizinischen Eingriff. Es geht um Lebenswege.

Jetzt hat uns der Alltag im St. Petrus Krankenhaus wieder. Doch die Eindrücke aus Windhoek wirken nach. Es ist das Bewusstsein, dass medizinische Exzellenz und menschliche Empathie keine Grenzen kennen sollten – egal, ob in Wuppertal oder in Namibia.

Prof. Götz Lehnerdt ist Chefarzt der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie am Krankenhaus St. Petrus