Österreich und Algerien reichte jeweils ein Remis zum Weiterkommen. Am Ende kommt es, wie es kommen musste. Und doch belehren beide Mannschaften alle Zweifler. Die letzten Minuten gehen in die WM-Geschichte ein.

Marcel Sabitzer konnte es nicht fassen, Michael Gregoritsch kämpfte mit den Tränen. In einem hochdramatischen Spiel hat Österreich einen Schock in der Nachspielzeit verkraftet und darf sich nach dem Last-Minute-Ausgleich von Saša Kalajdžić wie Algerien auf die K.-o.-Phase freuen. Ein Unentschieden hatten vor dem Spiel viele erwartet, das unfassbar dramatische 3:3 (1:1) aber nicht.

Im Sechzehntelfinale bekommt es Österreich nun mit Titelkandidat Spanien zu tun, Algerien hat mit der Schweiz den wohl leichteren Gegner erwischt. Und das, obwohl die Nordafrikaner die Vorrunde hinter Argentinien und Österreich nur auf Platz drei abschlossen. Vor 69.045 Zuschauern trafen Marko Arnautović (28. Minute), Marcel Sabitzer (55.) und Saša Kalajdžić (90.+6) für Österreich. Rafik Belghali (45.) und Riyad Mahrez (60./90.+3) erzielten die Tore für Algerien.

„Ich habe im Moment keine Worte, sage ich ganz ehrlich. Ich glaube, so etwas habe ich so noch nie erlebt“, sagte Österreichs deutscher Trainer Ralf Rangnick. „3:2 hinten, die Spielzeit ist eigentlich um. Wir kommen tatsächlich nochmal ins Spiel zurück. Wir sind im Moment einfach nur happy.“

Mittelfeldspieler Marcel Sabitzer sagte im ZDF: „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das war ein Auf und Ab. Wir gehen zweimal in Führung, das musst Du nach Hause bringen. Es war teilweise unseriös.“ Der Profi von Borussia Dortmund ergänzte: „Viel zu leichte Gegentore, aber heute freuen wir uns mal. Wir haben Österreich den Atem angehalten – aber jetzt sollen sie alle schön weiter trinken.“

Vor dem letzten Vorrundenspiel dieser WM war viel über die Ausgangslage spekuliert worden. Da nach dem Sieg der Demokratischen Republik Kongo in der Partie zuvor beiden Teams ein Remis zum Weiterkommen reichte, hatte es viele Diskussionen gegeben, ob es eventuell Absprachen zwischen beiden Mannschaften geben könnte.

Rangnick hatte das vor der Partie vehement zurückgewiesen. „Du kannst nicht in ein Spiel gehen und sagen, du spielst auf Unentschieden. Wie das in den letzten fünf Minuten sein wird, das wird man sehen. Aber wir werden das Team sicher nicht ins Rennen schicken, um Remis zu spielen.“

Vor allem in Algerien war viel von der „Schande von Gijón“ die Rede. Bei der WM 1982 hatten sich Deutschland und Österreich nach der frühen deutschen Führung quasi auf eine Verwaltung des Ergebnisses geeinigt. Leidtragende waren damals die Algerier, die durch das deutsche 1:0 ausschieden.

44 Jahre später konnte von einer „Schande von Kansas“ nicht die Rede sein. Beide Mannschaften agierten von Beginn an mit viel Intensität. Vor allem die Algerier starteten energisch.

Doch mit der ersten guten Chance des Spiels ging Österreich in Führung. Nach einem langen Ball von David Alaba war Arnautović plötzlich durch und stocherte den Ball an Algeriens Keeper Oussama Benbout vorbei ins Tor. Benbout hatte den Vorzug vor Luca Zidane bekommen. Der Sohn von Frankreichs Ex-Star Zinédine Zidane hatte bislang bei der WM nicht überzeugt.

Algerien kommt zweimal zurück

Nun waren die Algerier gefordert, eine Niederlage hätte schließlich das Aus bedeutet. Und in der Tat drängten die Nordafrikaner auf den Ausgleich. Zunächst traf Farès Chaïbi nur den Pfosten (40.), dann scheiterte Ibrahim Maza an Österreichs Torwart Alexander Schlager (44.). Kurz darauf war es dann aber so weit. Nachdem der Ball von der Eckfahne zurück ins Feld geprallt war, kam Belghali in Position und schloss nach feinem Solo wuchtig ab.

Nun stand Österreich wieder unter Druck. Ein weiteres Gegentor und das Team Austria hätte die Heimreise antreten müssen. Rangnick reagierte in der Pause mit einem Dreifachwechsel. Unter anderem kam der Augsburger Michael Gregoritsch für den angeschlagenen Arnautović.

Und die Österreicher kamen gut aus der Kabine und gingen schnell wieder in Führung. Nach einem wunderschönen Zuspiel von Konrad Laimer, dessen Vertragsverlängerung bei Bayern München kurz bevorsteht, war der Dortmunder Sabitzer zur Stelle.

Jetzt war es wieder Algerien, das gefordert war – und das erneut lieferte. Mahrez traf zum erneuten Ausgleich und versetzte die vielen algerischen Fans im Kansas City Stadium in Ekstase. In der Schlussphase deutete eigentlich alles auf ein 2:2 hin, Algerien hatte viel Ballbesitz, schob den Ball in der letzten Viertelstunde eigentlich nur noch hin und her. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Erst traf Algerien, doch Österreich konterte den Schock. Kalajdžić köpfte in der sechsten Minute der Nachspielzeit ein, obwohl nur vier Minuten angezeigt waren.

Leidtragender des späten 3:3 ist der Iran, der doch noch aus der Rechnung der acht besten Gruppendritten herausfiel. Bei einem Sieg Algeriens wäre die Islamische Republik im Sechzehntelfinale dabei gewesen.

Messi baut seinen WM-Torrekord aus

Im Parallelspiel hat Lionel Messi als treffsicherer Edeljoker mit Argentinien einen Jubiläumssieg gefeiert. Der Titelverteidiger setzte sich trotz einer XXL-Rotation in der Startelf gegen Jordanien mit 3:1 (2:0) durch und holte seinen 50. Sieg bei Fußball-Weltmeisterschaften. Erfolgreicher sind in der WM-Geschichte nur Rekordweltmeister Brasilien (78) und Deutschland (70).

Messi kam erstmals seit 20 Jahren bei einem WM-Spiel von der Bank. Bei seiner Einwechslung in der 60. Minute brandete riesiger Jubel im hauptsächlich mit argentinischen Fans gefüllten Dallas-Stadion auf – und der wurde knapp 20 Minuten später noch lauter: Messi baute per Freistoß seinen Torrekord auf nun 19 WM-Treffer aus. Der 39-Jährige ist zudem der erste Spieler der Geschichte, der in sieben aufeinanderfolgenden WM-Spielen mindestens ein Tor erzielt hat.

Den Führungstreffer erzielte Giovani Lo Celso (19. Minute) im Messi-Stil mit links und einem Freistoß-Schlenzer in den Winkel. Es war zugleich das erste argentinische Tor bei dieser WM, das nicht von Messi erzielt wurde. Lautaro Martínez (31.) legte per Foulelfmeter nach. Neuling Jordanien, für den Musa Al-Taamari (55.) zum 1:2 traf, schloss seine erste WM-Endrunde ohne Punktgewinn als Gruppenletzter ab.

dpa/luwi