Erst verweigerte die Türkei den Stopp, dann drehte Ägypten das Schiff kurz vor dem Hafen ab: Die „Scarlet Lady“ mit rund 2.000 überwiegend schwulen Passagieren durfte binnen einer Woche in zwei Ländern nicht anlegen – nicht wegen dessen, was die Reisenden getan hätten, sondern wegen dessen, wer sie sind. An Bord: Broadway-Ikone Patti LuPone, die ihrem Ärger öffentlich Luft macht.
Ägypten: noch härter als die Türkei
Es sollte ein entspannter Landgang werden: Am Donnerstagmorgen wollte die „Scarlet Lady“ gegen 7 Uhr in Alexandria festmachen, den Passagier*innen standen Ausflüge nach Kairo und zu den großen historischen Stätten Ägyptens bevor. Daraus wurde nichts. Gegen halb vier Uhr nachts, das Schiff war nur noch wenige Stunden vom Hafen entfernt, zogen die ägyptischen Behörden die bereits erteilte Genehmigung zurück. Das Schiff drehte ab und nahm wieder Kurs aufs offene Mittelmeer. Eine Begründung lieferte Kairo – anders als zuvor die Türkei – nicht.
Das Kreuzfahrtschiff der Reederei Virgin Voyages ist für diese Fahrt von der US-amerikanischen LGBTIQ*-Reisefirma Atlantis Events gechartert. Die zehntägige Route führte ab dem 5. Juli von Athen aus Richtung Adria; ursprünglich standen die türkischen Häfen Kuşadası und Istanbul auf dem Plan – passend zum inzwischen zwölften Pride unter Verbot. Doch schon Ende Juni untersagten die Behörden im türkischen Aydın den Halt –
die Gruppe passe nicht zur „Struktur unserer Gesellschaft“ und zu den „moralischen Werten“. Alexandria war der kurzfristig gebuchte Ersatz. Nun ist auch dieser gestrichen.
„Wirklich beispiellos“ nennt Atlantis-Chef Rich Campbell das Vorgehen, „seltsam und traurig“. In 36 Jahren Firmengeschichte sei eine Atlantis-Fahrt zum ersten Mal an einem Hafen abgewiesen worden – und zwar, so Campbell, „weil wir eine schwule Gruppe sind“. Dabei habe das Unternehmen in 25 Jahren allein die türkischen Häfen 13 Mal ohne Probleme angelaufen. Beunruhigend sei, wenn ein Staat sich aussuche, welche Tourist*innen willkommen seien und welche nicht.
2.000 schwule Männer, eine wütende Diva
Prominente Rückendeckung kommt von Bord selbst: Broadway-Legende Patti LuPone, die auf dem Schiff mitfährt, reagierte auf die türkische Absage mit einem knappen „Ich bin wütend“ und kündigte an, für die Männer an Bord auftreten zu wollen, die Besseres verdient hätten. Auch der frühere Bürgermeister von Tempe, Neil Giuliano, ist unter den Reisenden. Ein anderer Passagier verwies auf die bittere Ironie des abgewiesenen Ziels:
Alexandria sei nach Alexander dem Großen benannt – einem der bekanntesten homosexuellen Männer der Antike. Man werde weggeschickt, „nicht wegen dessen, was wir taten, sondern wegen dessen, was wir über uns sagten“.
Dass ausgerechnet Ägypten den Ersatzstopp verweigert, überrascht wenig. Homosexualität ist dort zwar nicht ausdrücklich verboten, doch Behörden nutzen Moral-, „Unzucht“- und Ordnungsparagrafen seit Jahren, um queere Menschen zu verhaften und zu verurteilen. Die Bilanz gilt als noch härter als die der Türkei. Eine konkurrierende queere Reisefirma betonte, selbst noch nie an einem Hafen abgewiesen worden zu sein – und zuvor sowohl in der Türkei als auch in Ägypten problemlos angelegt zu haben.
Die „Scarlet Lady“ fährt jetzt eine umgebaute Route: Santorin rückt nach vorn, dazu kommen Chania auf Kreta und Kotor in Montenegro, später Dubrovnik und Zadar, ehe das Schiff am 15. Juli in Triest anlegt. Die queeren Reisenden bekommen ihre Fahrt – nur eben ohne die beiden Länder, die sie nicht haben wollten.
Bleibt die größere Frage, die dieser Fall aufwirft: Weil ein US-Unternehmen und US-Bürger*innen betroffen sind, wurde inzwischen auch das amerikanische Außenministerium um eine Stellungnahme gebeten. Vor allem aber zeigt der doppelte Rausschmiss binnen weniger Tage, wie schnell queeres Reisen zur politischen Front wird.
*ck/Quellen: Washington Post, The Advocate, CBC, Washington Blade, VV Insider, LGBTQ Nation.