Um fünf Uhr früh schickt Guide Peter seine Reisegruppe in die Wüste. Als die Sonne wie ein Feuerball über dem weiten Namibia aufgeht, bekennt der Morgen Farbe. Gold, ziegelrot und kastanienbraun leuchten mächtige Dünen im ältesten Sandkasten der Welt.

Bei „Düne 45“ stoppt der Guide seinen Geländebus. Der in Afrika meist fotografierte Sandhaufen ist erster Höhepunkt in dem von Dutzenden Dünen gesäumten Wüstenabschnitt Sossusvlei. Wie glatt gescheuerte Berge türmen sich die „Highlights“ der Namib-Wüste auf. Einige der Prachtexemplare sollen bis zu 380 Meter hoch sein und sind Herausforderung für jeden „Bergsteiger“. Architekt der vor Millionen Jahren entstandenen Erhebungen in dem Küstenstreifen zwischen den Städten Lüderitz und Swakopmund sei der Seewind, erklärt Peter. Stetig treibe er Sandteilchen vor sich her und modelliere an kleinen Hindernissen wie Steinen oder Pflanzen die Wunderwelt im roten Wüsten-Design.

Ein paar „Ausreißer“ hören dem Tourleiter schon nicht mehr zu. Sie haben sich im wahrsten Wortsinn „auf die Socken gemacht“ und stapfen auf dem Dünenkamm geradewegs ins Himmelblau. Auf halber Strecke werden die Beine im knöcheltiefen Sand langsamer, nur der Atem geht schneller. Bloß nicht schlappmachen! Wer es bis zum Höhepunkt schafft, der wird mit einem Blick fast bis zur Küste, wo das Desert-Valley abrupt im Atlantik verschwindet, belohnt.

Namibia ist Abenteuer. Man muss aber kein Abenteurer sein, um das zweieinhalb Mal so große Land wie Deutschland zu durchqueren. Individualreisenden helfen gute Straßenkarten, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Wem die passenden englischen Worte fehlen, der kommt in der bis 1915 deutschen Kolonie problemlos mit Deutsch ans Ziel.

Im Rückspiegel verschwinden die Dünen allmählich im milchigen Grau der flirrenden Mittagshitze. High Noon in der Wüste, Zeit für eine Abkühlung. In der Sossusvlei Lodge, mitten im staubigen Nichts des Namib-Naukluft-Parks, steht den „Wüstensöhnen“ das Wasser bis zum Hals. Aus dem Swimmingpool ragen nur die Köpfe in den ofenheißen Wind. Ringsherum einsame Stille. Vom Beckenrand schweift der Blick über die scheinbar grenzenlose Weite Afrikas.

150 Kilometer weiter im Kui­seb Canyon stoppt Peter am nächsten Morgen das Fahrzeug. Kurs Küste oder nach Osten? „Nach Osten Richtung Windhoek!“, sind sich alle Bus­passagiere einig. Auf der Fahrt an den Atlantik nach Swakopmund lohnt der Umweg über den 2335 Meter hohen Gamsberg Pass mit seinen spektakulären Aussichten. Geröllpisten winden sich schwindelerregende Steilhänge hoch und runter. Schalten, kuppeln, bremsen. Der Fahrer leistet zentimetergenaue Feinarbeit als er den Bus an gähnenden Abgründen vorbei balanciert.

Welch ein Kontrast: In Swakopmund gibt es im Café Anton Schwarzwälder Kirschtorte und Brezel. Kaiser Wilhelm Straße, Moltke Straße, Garnison Straße: Deutsche Straßenbezeichnungen führen Besucher zu Fleischereien, Bäckereien und Lokalen, die fest in deutscher Hand sind. Bunte Jugendstilhäuser vermitteln teutonische Atmosphäre und erinnern in dem am südlichsten gelegenen „deutschen“ Seebad an die vergangene Kolonialzeit. Nur vor den Toren der Stadt, da stinkt es in einer Robbenkolonie gewaltig.

Mit heiserem Bellen kündigen sich die Bewohner des Kreuzkaps an. Fast 100.000 Pelzrobben faulenzen zum Anfassen nahe am steinigen Strand. Einen weniger guten Eindruck auf Touristen macht die jährliche Robbenjagd. Da jedes Tier täglich rund fünf Kilogramm Nahrung aus dem Meer fischt, fürchtet die Regierung all zu schnell geplünderte Speisekammern im Atlantik, und die Fischereiindustrie um ihre Jagdgründe.

Im Etosha National Park sorgen Wildtiere selbst für eine ausgeglichene Speisekarte. Hier an der Grenze zu Angola, im Afrika der Großwildjäger und Abenteuerromane, werden die „Big Five“ (Löwe, Leopard, Elefant, Büffel und Nashorn) nur noch mit dem Kameraobjekt und Fernglas ins Visier genommen. Endlich – das Dickicht bewegt sich: Ein Elefantenbulle schaukelt mit seinen bettdeckengroßen Ohren und trottet gefolgt von seiner „Familie“ am Straßenrand entlang. Hobbyfilmer würden jetzt gerne die Verfolgung aufnehmen. Aber das lassen Park-Ranger nicht zu. „Stay in your car“ warnen Schilder am Rande des 700 Kilometer großen Straßennetzes im Wildpark. Was sind das für schwarze Punkte? Geier! Dutzende der gefiederten Gesellen hocken in Astgabeln auf der Lauer und beobachten einen Löwen beim Schmaus. Erst als der brüllend seine Beute verlässt, stürzen sich die Vögel auf den stattlichen Speiserest. Heute gibt es Gazellenfleisch.

Der Weg zurück in die Wüste führt durch das zerklüftete Damaraland 15 Millionen Jahre haben die Ugab-Terrassen auf dem Buckel. Auf den wie aus allen Wolken gefallenen Steinkolossen in einem 80 Kilometer langen Tal, wähnten Urbewohner des Landes den Sitz ihrer Götter. „Fingerklippe“ heißt die merkwürdigste Steinskulptur in der stillen, geheimnisvollen Erosionslandschaft. Wo ist John Wayne? Beim Panoramablick von der Felsterrasse fühlen sich sogar gestandene Cowboys in den Wilden Westen zurückversetzt.

Am späten Abend sind alle Augen ins nächtliche Firmament gerichtet. Zigtausend kleinen Lagerfeuern gleich flackern die Sterne am klaren Himmel. Um Mitternacht schickt Peter seine Gruppe in die Quartiere und mahnt zu frühem Aufbruch. Noch einen letzten Blick auf die funkelnde Wüstenkuppel. Noch einmal den Großen Bären, Pegasus und das Kreuz des Südens sehen.