Wegen historisch niedriger Füllstände der Gasspeicher stand die Bundesregierung im vergangenen Winter unter Druck. Im Frühjahr betonte die zuständige Ministerin für Wirtschaft und Energie, Katherina Reiche (CDU), in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Auch wenn wir es gerne anders hätten: wir brauchen weiterhin Gas.“ Um künftig auf Krisen besser vorbereitet zu sein, plant die Bundesregierung nun eine staatliche Gasreserve, die in einem Zeitraum von mehreren Jahren angelegt werden soll. Langfristige Lieferverträge unter anderem mit den USA, Kanada, Angola und Mexiko sollen ebenfalls zur Versorgungssicherheit beitragen – und auch der Ausbau von Lieferbeziehungen zu Algerien.
Vor diesem Hintergrund hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am Donnerstag den algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune im Kanzleramt in Berlin zum Vier-Augen-Gespräch empfangen. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz sprach Merz von einer „ganzen Reihe von Vereinbarungen“ zwischen deutschen und algerischen Unternehmen, die anlässlich des Besuchs unterzeichnet worden seien. Algerien verfüge über bedeutende Rohstoffvorkommen, darunter Erdgas, Erdöl und auch seltene Erden, fügte der Kanzler hinzu.
So habe das nordafrikanische Land in den vergangenen Jahren „einen sehr wichtigen Beitrag“ zur Energieversorgungssicherheit Europas geleistet. Algerien sei der zweitgrößte Pipeline-Gaslieferant der Europäischen Union gewesen. Tebboune wies ebenfalls auf diese Rolle seines Landes hin und betonte: „Wir kommen unserer Lieferverpflichtung immer nach.“ Auch bei grünem Wasserstoff wollen Europa und Algerien künftig enger zusammenarbeiten. Merz verwies auf die Entwicklung eines südlichen Wasserstoffkorridors gemeinsam mit Italien. Der algerische Präsident sprach von „Leuchtturmprojekten“.
Zuvor hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Staatsoberhaupt mit militärischen Ehren in der Villa Borsig empfangen. Tebbounes Besuch in Berlin weckte daher auch Hoffnungen auf deutsche Hilfe für den in Algerien inhaftierten französischen Journalisten Christophe Gleizes. Im November 2025 war der französisch-algerische Schriftsteller Boualem Sansal auf Ersuchen von Bundespräsident Steinmeier begnadigt worden. Tebboune wollte auf die Frage eines Journalisten dazu aber „aus Respekt für das algerische Gerichtssystem“ nicht außerhalb Algeriens antworten.
Vor dem Angriffskrieg auf die Ukraine war Russland der wichtigste Gaslieferant. Aktuell bezieht Deutschland Pipeline-Gas insbesondere aus Norwegen und Flüssiggas (LNG) im Wesentlichen aus den USA. Außerdem gibt es LNG-Verträge mit Katar – wobei Lieferungen wegen des Iran-Kriegs und der Blockade der Straße von Hormus aktuell erschwert sind. Algerien ist weltweit einer der zehn größten Gasproduzenten und in Afrika der derzeit wichtigste.
Tebbounes Deutschlandbesuch wurde überschattet von einem Brand in einem Kinderheim, bei dem in einem Vorort der Hauptstadt Algier mindestens elf Menschen ums Leben kamen, darunter mehrere Kinder. 19 weitere wurden verletzt. Das Land leidet derzeit unter einer Hitzewelle mit zahlreichen Waldbränden.