Gründer Mearg aus Äthiopien hat im Krieg sein Startup verloren – und danach alles wieder neu aufgebaut.

Der Gründer von MG: Mearg.
Till Wahnbaeck
Ein Anruf mitten in der Nacht, dann steht Mearg vor seiner brennenden Werkstatt in Tigray, Äthiopien. Er sieht, wie sein Unternehmen Mearg Machinery (MG) in Flammen aufgeht. „Ich bekam die Nachricht, dass es brennt. Als ich ankam, war es schon zu spät,“ sagt er zu Gründerszene.
Mearg ist der Gründer von MG, einer Firma, die Maschinen für den Bäckereibetrieb produziert. Der Sitz der Firma ist Tigray in Äthiopien – eine Region, die von Krieg gezeichnet ist. Direkt an der Grenze zu Eritrea liegend, herrscht in Tigray seit Jahren ein bewaffneter Grenzkonflikt. Dieser betrifft nicht nur die Menschen vor Ort, sondern auch deren Unternehmen und alltägliches Leben.

Die Region Tigray in Äthiopien.
Deutsche Welle
So auch das des äthiopischen Gründers Mearg, der durch Krieg sein Unternehmen einmal komplett verlor. Mit Gründerszene spricht er über die Zerstörung sowie den Wideraufbau seines Startups.
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Mit Youtube-Tutorials ins Gründertum
Mearg ist ursprünglich Ökonom. Er arbeitete bei Ethio-Telecom, dem größten Telekommunikationsanbieter Äthiopiens. Nebenher betrieb er mit seiner Frau eine kleine Bäckerei. Was ihm dabei auffiel: Die Maschinen des Betriebs hatten ständig einen Defekt. Also überlegte er, wie er diese besser machen und die Arbeit seiner Frau allgemein vereinfachen könnte.
Über Youtube-Tutorials und Learning-by-Doing begann er eigene Prototypen von Maschinen zu bauen. Darunter ein Teigmischer, ein Teigteiler und eine Ausrollmaschine. Diese funktionierten so gut, dass die Bäckerei von 4 auf 19 Mitarbeiter wuchs. Und Mearg sah in den Maschinen plötzlich ein eigenes Geschäftsfeld: „Das Problem hatten viele Bäcker und es gab einen echten Markt für lokal gebaute Maschinen“, meint er zu Gründerszene.
Denn: In der äthiopischen Industrie sind bisher kaum Maschinen im Einsatz. Importierte Geräte sind teuer, schwer zu warten und werden selten an die lokalen Gegebenheiten angepasst. Deswegen dachte Mearg weiter und begann, auch für andere Produzenten und Landwirte Maschinen herzustellen. Weil die Nachfrage so hoch war, kündigt er 2017 dann seinen Job. „Die schwerste Entscheidung meines Lebens – aber ohne sie wäre MG nicht entstanden“, meint er. Seine Firma wächst in dieser Zeit auf drei Mitarbeiter, die monatlich zwei bis vier Maschinen produzieren.
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Die Schicksalsnacht
Dann aber kam der Krieg nach Tigray – und zog auch nicht folgenlos an MG vorbei. In einer Nacht traf es seinen Ort mit einem Angriff. Die komplette Produktionshalle seiner Maschinen brannte dabei ab, sein Team zerstreute sich und viele Mitarbeiter verschwanden. Mearg stand vor dem Nichts – dennoch gab er nicht auf. „Wir haben bei fast null Personal und ohne jede Sicherheit neu angefangen.“ Denn: „Das Unternehmen war mittlerweile die einzige Einkommensquelle unserer Familie.“
Die Leute zögern zu investieren, die Finanzierung ist knapp, viele verlassen die Region.
Also lieh er sich Werkzeuge von früheren Kunden und baute von zu Hause aus weiter seine Maschinen – während draußen der Krieg tobte. Mearg kämpfte sich zurück. Heute hat MG wieder 14 Mitarbeiter, die sieben bis zehn Maschinen im Monat produzieren. Jede Maschine schafft es dabei im Schnitt, drei neue Arbeitsplätze zu schaffen – „in Produktion, Handling, Vertrieb“, meint er.
Pragmatismus als Überlebensstrategie
Ob sich die Lage heute verbessert hätte? Nicht wirklich, meint Mearg zu Gründerszene. Zwar hätte sich der Krieg beruhigt, aber „die Leute zögern zu investieren, die Finanzierung ist knapp, viele verlassen die Region.“ Grund dafür sei die Unsicherheit, die nach wie vor groß wäre. Die Situation in der Region könnte jederzeit wieder eskalieren. Dabei langfristig zu planen? Kaum möglich.
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Mearg versuche deswegen, die Abläufe seiner Firma einfach zu halten. Bedeutet konkret: Für Stromausfälle baue er Maschinen ohne Elektrik, bei Lieferengpässen fokussiere er sich auf Produkte mit langer Haltbarkeit. „Schnell auf lokale Bedürfnisse zu reagieren, ist unser größter Vorteil“, meint er zu Gründerszene.
Ein gutes Beispiel hierfür: Während Covid wurde MG spontan zum Seifenmischer-Hersteller, weil ein Kunde fragte, ob sie Maschinen für Sanitärprodukte bauen könnten.

V.l.: Till Wahnbaeck, Gründer von Impacc, zusammen mit Mearg, Gründer von MG.
Impacc
Unterstützung von Impacc und große Ziele
Dabei hat sich MG nicht nur eigenfinanziert. Während des Krieges und Covid hat es auch finanzielle Hilfe von dem deutschen VC Impacc bekommen. Der von Till Wahnbaeck gegründete Investor sammelt Spendenkapital für wachstumsstarke Startups in Afrika – mit Fokus auf Unternehmen, die Jobs schaffen und lokale Wertschöpfungsketten stärken. Ohne Impacc wären Wachstum und Stabilisierung nicht möglich gewesen, sagt Mearg heute zu Gründerszene.
Sein Ziel dabei für die nächsten fünf Jahre? Mearg wolle mit seinem Werk mehr als 100 Menschen beschäftigen und Märkte im gesamten Horn von Afrika erreichen. „Ich will beweisen, dass lokaler Maschinenbau in fragilen Regionen nachhaltiges Wachstum treiben kann.“
Dabei habe ihn seine bisherige Reise vor allem eines gelehrt: „Mit den richtigen Partnern kann ein Unternehmen, das bis an den Rand gedrückt wurde, wiederaufgebaut werden, wachsen und Hoffnung schaffen.“