zenith: Wie hat sich Ihre Arbeit als Journalistin im Sudan in den vergangenen drei Jahren verändert?
Zeinab Mohammed Salih: Seit Beginn des Krieges arbeite ich als Freelancerin für britische Medien – ohne Team, bin immer allein unterwegs und fast immer undercover. RSF und SAF nehmen Journalistinnen und Journalisten ins Visier. Daher ist es zu gefährlich, mich als Reporterin zu erkennen zu geben. Das heißt auch, dass ich meistens ohne meine Schutzweste auf den Straßen unterwegs bin. Auch dann, wenn in der Nachbarstraße aktiv gekämpft wird. Sie wäre zu auffällig und würde mich direkt entlarven. Gleiches gilt für Kameras, daher muss ich mich auf das Schreiben beschränken.
Wieso berichten Sie weiter, trotz der Lebensgefahr, in die Sie sich täglich begeben?
Ich habe das Gefühl, das ich eine gewisse Verantwortung trage, über den Krieg zu berichten – weil es sonst niemand macht. Und das, was man in den Sozialen Medien oder in den Nachrichten sieht, entspricht oft nicht dem, was die Menschen hier im Sudan sehen und erleben.
»Ich habe mit vielen Opfern der systematischen Vergewaltigungen in El Geneina gesprochen und über sie berichtet«
Von wem erhalten Sie Ihre Informationen?
Ich fahre in die Regionen, in denen gerade aktiv gekämpft wird und spreche mit den Menschen dort. So bekomme ich auch mit, was vor Ort passiert – auch wie Menschen getötet werden.
Sie sind auch einige Male nach Darfur gereist, wo die Kämpfe am heftigsten toben. Was haben Sie dort erlebt?
Ich war längere Zeit in El Geneina, dem Schauplatz zweier Massaker im Jahr 2023. Mit den RSF verbundene arabischen Milizen durchkämmten systematisch ganze Nachbarschaften. Ich habe mit vielen Opfern der damit einhergehenden Vergewaltigungen gesprochen und über sie berichtet. Das war sehr heftig. Ich war auch einige Male in El Fascher während der Belagerung und noch vor der Einnahme durch die RSF im letzten November.
Wie kann man unter diesen Bedingungen überhaupt im Sudan arbeiten?
Andere Journalistinnen und Journalisten, die noch berichten, sind mit einer der beiden Kriegsparteien assoziiert. Nur wenige sind übriggeblieben, die wie ich unabhängig berichten. Dadurch bin ich natürlich auch ein Ziel. Ich erhalte immer wieder Todesdrohungen. Diese allgegenwärtige Gefahr hat mich vor zwei Jahren dazu bewogen, den Sudan als meinen Lebensmittelpunkt zu verlassen. Ich reise aber immer wieder für längere Zeit in verschiedene Gebiete, um aus dem Land zu berichten.
»Das Urteil gegen Hemedti ist rein symbolischer Natur. Sobald beide Kriegsparteien eine Einigung erzielen, werden solche Anklagen fallen gelassen«
Was ist mit den anderen Journalistinnen und Journalisten passiert?
Viele von ihnen haben in Khartum gearbeitet. Dort hat der Krieg begonnen und viele haben dadurch ihren Job verloren. Aber in fast jeder Stadt und jedem Dorf treffe ich auf Reporterinnen und Reporter, die über den Krieg berichten könnten. Ihnen fehlt nur die Finanzierung, um dem Beruf nachzugehen.
In den westlichen Medien wird wenig über den Sudan berichtet. Woran glauben Sie liegt das?
Internationale Medien haben es schwer, überhaupt ins Land reinzukommen. Dazu ist der Sudan sehr groß, es passiert vieles gleichzeitig, ich kann also verstehen, wieso die Berichterstattung schnell an Grenzen stößt. Aber wenn das Interesse westlicher Medien am Sudan größer wäre, ließen sich trotzdem Wege finden, um von vor Ort berichten. Auch Sprachbarrieren könnten heutzutage dank neuer Technologien relativ einfach umgangen werden.
In der vergangenen Woche hat ein sudanesisches Gericht RSF-Chef Muhammad Hamdan Daglo, bekannt als »Hemedti«, zum Tode verurteilt. Was bedeutet solch ein Urteil?
Es ist rein symbolischer Natur. Sobald beide Kriegsparteien eine Einigung erzielen, werden solche Anklagen fallen gelassen. Die Menschen im Sudan sind schon daran gewöhnt und reagieren gar nicht mehr darauf, weil sie wissen, dass sich dadurch nichts verändern wird.
»Hätte man im Westen Sanktionen gegen die VAE verhängen wollen, hätte man es längst getan«
In der vergangenen Woche hat die EU ein Embargo gegen Goldimporte aus dem Sudan verhängt. Bringt das etwas?
Solange westliche Staaten weiter Waffen an regionale Mächte wie Ägypten oder die Vereinigten Arabischen Emirate liefern, wird auch ein Goldembargo nichts verändern. Zudem das Gold dann eben über andere Wege aus dem Sudan nach Kairo oder Dubai geschmuggelt wird.
Sind Sanktionen gegen die VAE wegen der Verstrickung in den Krieg realistisch?
Laut Amnesty International werden auch deutsche und französische Waffen in die Emirate exportiert, die dann im Sudan zum Einsatz kommen. Der Krieg tobt mittlerweile im vierten Jahr. Hätte man im Westen Sanktionen gegen die VAE verhängen wollen, hätte man es längst getan.
Wie kann dieser Krieg beendet werden?
Beide Parteien können militärisch nicht siegen und nur ein Abkommen kann diesen Krieg beenden. Aber realistisch wird er noch viele Jahre andauern, da sich beide Seiten nicht über den Weg trauen. Eine internationale Intervention könnte helfen, den Krieg zu beenden. In diese Richtung sehe ich aber bis jetzt keine Ambitionen.
Zeinab Mohammed Salih arbeitet als freischaffende Journalistin vor allem für britische Medien. Sie gehört zu den wenigen Journalistinnen, die noch im Sudan aktiv sind. Für ihre Arbeit wurde sie 2026 mit dem ICFJ Knight International Journalism Award ausgezeichnet.