Dass Burkina Fasos Präsident Ibrahim Traoré kein lupenreiner Demokrat ist, ist schon länger bekannt. Doch diese Abrechnung kam dann doch unerwartet. „Wir müssen die Demokratie vergessen“, sagte Traoré Anfang April in einem seltenen Fernsehinterview. Die Demokratie entwickle ein Land nicht, sie führe in die Sklaverei, sie töte. Kurz: Sie sei „nicht für uns“. Was Burkina Faso, was Afrika stattdessen brauche, das sei der „Geist der Revolution“.

Diesen Geist lebte Traoré auch im Fernsehstudio vor. Wie bei den meisten Auftritten trug er ein rotes Barett auf dem Kopf, einen Rollkragenpullover in Flecktarn und fingerlose Kampfhandschuhe. Ein Outfit mit Botschaft: Hier sitzt ein Staatsmann, der auch im Interview gefechtsbereit bleibt. Ein Soldat als Präsident.

Ein Mann, dessen Charisma auf ganz Afrika ausstrahlt

Traoré ist ein Anführer, wie es sie gerade einige gibt in Afrika – vor allem im Sahel, dem sogenannten Putschgürtel südlich der Sahara, wo in den vergangenen Jahren eine zivile Regierung nach der anderen von Militärs gestürzt wurde: ein Hauptmann, der seit seiner Machtübernahme im September 2022 die demokratischen Institutionen seines 25-Millionen-Einwohner-Landes systematisch schleift, obwohl er das Gegenteil versprochen hatte. Ähnlich verfuhren auch die Putschisten in Mali, Guinea und Niger, in Gabun oder zuletzt in Madagaskar.

Doch Traoré ist zugleich eine Ausnahmeerscheinung, nicht nur weil er mit 38 Jahren das jüngste Staatsoberhaupt der Welt ist. Er ist ein Politstar, ein Idol für viele junge Menschen innerhalb und außerhalb Afrikas, ein Social-Media-Phänomen. Ein Mann, der dank KI durch Tiktok-Kanäle tanzt, dessen Konterfei man auf Bussen in Nairobi sieht, von dessen Charisma einem sogar Taxifahrer in New York vorschwärmen. „Traoré“, sagt der nigerianische Politikwissenschaftler Ebenezer Obadare vom Council on Foreign Relations in Washington, „ist aktuell der einzige Politiker in Afrika, der die Fantasie der Menschen beflügelt.“

Dass dieser Mann die Demokratie nun offen ablehnt, statt wie andere autoritäre Herrscher zumindest deren Fassade aufrechtzuerhalten, ist deshalb mehr als eine Formalie. Es ist die Schaumkrone auf der autoritären Welle, die seit Jahren durch Afrika schwappt. „Traorés Aussagen könnten ein neues Zeitalter für Burkina Faso einläuten, vielleicht für ganz Afrika“, sagt ein burkinischer Demokratie-Aktivist am Telefon. Er ist vor dem Regime ins Ausland geflohen, will aber anonym bleiben, um seine Familie zu schützen.

In afrikaweiten Umfragen spricht sich die Mehrheit der Befragten nach wie vor für die Demokratie als Staatsform aus. Doch die Zustimmung schwindet, gerade unter jungen Leuten. Im 2024 veröffentlichten Africa Youth Survey etwa gaben 29 Prozent der Befragten an, dass sie eine nicht demokratische Regierung unter bestimmten Bedingungen bevorzugen würden – neun Prozentpunkte mehr als zwei Jahre zuvor. 60 Prozent stimmten der Aussage zu, dass eine Demokratie „nach westlichem Vorbild“ für afrikanische Länder ungeeignet sei.

Russland hilft mit, das Bild von Traoré als Vorkämpfer gegen den Neokolonialismus aufzubauen

Die autoritäre Versuchung in Afrika verkörperte lange Zeit Paul Kagame, seit 2000 Präsident Ruandas, der sein Land wirtschaftlich vorangebracht hat, aber mit eiserner Hand regiert. Doch als Galionsfigur eines afrikanischen Aufbruchs taugt Kagame nur noch bedingt. Zuletzt trat er weniger als Modernisierer in Erscheinung, sondern als Kriegstreiber im Nachbarland Kongo. Und mit 68 Lebens- und 26 Regierungsjahren nähert er sich der Liga der greisen afrikanischen Despoten an, die ihrer jungen Bevölkerung längst nichts mehr zu bieten hat.

Den Kontrast bietet der junge und maskulin auftretende Traoré. Der selbsternannte Revolutionär, der auf sein Präsidentengehalt verzichtet und sich als Erbe des 1987 ermordeten und bis heute verehrten Präsidenten Thomas Sankara inszeniert. Traorés Motto für Burkina Faso, für Afrika lautet: „totale Unabhängigkeit“.

Das heißt vor allem: Unabhängigkeit von der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich, vom Westen, der mit der Ausbeutung Afrikas nach der Kolonialzeit einfach weitergemacht habe. Zu Traorés ersten Maßnahmen als Präsident gehörten die Ausweisung der im Land stationierten französischen Truppen und die Verstaatlichung von Goldminen. „Wenn wir so weitermachen wie bisher“, sagte er nun im Fernsehinterview, „werden wir für immer Sklaven bleiben.“

Es ist eine Botschaft, die verfängt, weit über Burkina Faso hinaus. Weil der Frust bei vielen jungen Afrikanern groß ist, über Arbeitslosigkeit, über den Mangel an Perspektiven, über ausbleibenden Fortschritt. Weil sich kaum bestreiten lässt, dass gerade Frankreich seine früheren Kolonien auch lange nach deren Unabhängigkeit von oben herab behandelte. Und weil Russland, der neue Verbündete der Putschstaaten im Sahel, tatkräftig mithilft, das Bild Traorés als Vorkämpfer gegen Neokolonialismus und Imperialismus um die Welt zu tragen.

Computeranimierte Superstars und pathetische Songs zum Wohl des Putschisten

Rund um Traoré, sagt Ebenezer Obadare, gebe es „eine regelrechte Choreografie von Desinformation“. Im Internet kursieren Videos, die Burkina Faso, eines der ärmsten Länder der Welt, als angeblich aufstrebenden Produzenten von Elektroautos feiern; andere Clips versammeln computeranimierte US-Superstars wie Rihanna oder Justin Bieber, die in pathetischen Songs um himmlischen Beistand für den „Soldaten des Volkes“ bitten: „God Protect Ibrahim Traoré“.

Doch während der digitale Traoré ein panafrikanischer Superheld ist, ist die Bilanz des real existierenden Politikers mau. Das gilt vor allem für das wichtigste Thema im Sahel: die Sicherheit. Burkina Faso gehört zu den Ländern mit den meisten Toten durch Terrorismus weltweit. Die Unfähigkeit der gewählten Vorgängerregierungen (und ihrer westlichen Verbündeten), die Menschen vor den Islamisten zu schützen, ist eine der Hauptursachen für die jüngste Putschwelle. Doch im Kampf gegen den Terror macht Traorés Regime – ebenso wie jenes in Mali – keine Fortschritte. Die Zahl der Terrortoten hat sich seit seiner Machtübernahme fast verdreifacht.

Und das, obwohl die Regierungstruppen mit großer Härte vorgehen, auch gegen die Zivilbevölkerung. Die Organisation Human Rights Watch wirft ihnen unter anderem Kriegsverbrechen und ethnische Säuberungen vor. Traorés Regierung bestreitet das.

Mit großer Härte geht sie auch gegen alle vor, die sie als Gegner ihrer „Revolution“ ausgemacht hat. Im Januar wurden alle Parteien des Landes aufgelöst, Gegner werden eingesperrt, kritische Journalisten laut Berichten als Kanonenfutter in den Krieg gegen den Terror geschickt. Auch deshalb sinke Traorés Beliebtheit im eigenen Land, berichtet der burkinische Demokratie-Aktivist am Telefon. Viele junge Leute hätten schon wieder genug von der neuen Regierung.

Doch die Mehrheit der Menschen, räumt er ein, stehe nach wie vor hinter Traoré. Weil es aus ihrer Sicht nur aufwärtsgehen könne in Burkina Faso. Weil die Regierung, die 2022 aus dem Amt getrieben wurde, ihr Leben tatsächlich nicht verbessert habe. Weil ihr Frust über die Demokratie verständlich sei. Oder genauer: über das, was ihnen als Demokratie verkauft wurde. Denn auch wenn es Wahlen und Parteien gab in Burkina Faso, habe das System mit einer lebendigen, freien Demokratie wenig zu tun gehabt – so wie in vielen anderen Ländern Afrikas.

Das betont auch Obadare: „Wenn Traoré sagt, die Demokratie sei nicht das Richtige für sein Land, dann muss man ihm entgegengehalten: In Wahrheit hat Burkina Faso die Demokratie noch nie richtig ausprobiert.“