Am Vortag, sagt Sylvain Timasina am Telefon, habe es wieder drei Tote gegeben in seiner Familie. Seine Tante, 62 Jahre alt, seine Cousine, 32, sein Cousin, 46, alle an einem einzigen Tag. Insgesamt seien damit schon 20 seiner engen Verwandten an Ebola gestorben, seit die Erkrankung im Osten der Demokratischen Republik Kongo ausgebrochen ist. Wieder ausgebrochen, muss man sagen, der letzte große Ausbruch im Land ist ja erst ein paar Jahre her. „Ich bin einfach nur traumatisiert“, sagt Timasina.

Sylvain Timasina arbeitet als Fahrer, das bedeutet: viele Kontakte. Zurzeit ein gefährlicher Beruf.Sylvain Timasina arbeitet als Fahrer, das bedeutet: viele Kontakte. Zurzeit ein gefährlicher Beruf. Sylvain Timasina

Man erreicht den 44-Jährigen in Bunia, der hübschen und sehr hügeligen Hauptstadt der kongolesischen Provinz Ituri, die mit ihrem Umland das Epizentrum des jüngsten Ebola-Ausbruchs bildet. 120 Menschen starben hier bisher nach den offiziellen Statistiken, mehr als 320 Fälle sind bestätigt. Um sich nicht ebenfalls anzustecken, haben Timasinas Frau und seine sechs Kinder seit Wochen das Haus nicht verlassen. Mit anderen Kindern spielen ist verboten, die Schule ist ohnehin geschlossen. Nur Timasina selbst hat keine Wahl, er muss vor die Tür gehen, um zu arbeiten und einzukaufen. „Ich habe schreckliche Angst“, sagt er.

Im Kongo wurden insgesamt mehr als 1400 Ebola-Fälle verzeichnet, etwa 440 Menschen starben. Viel mehr also als im Nachbarland Uganda, wo 20 Infektionen und zwei Tote registriert wurden. Diese Unterschiede machen deutlich: So gefürchtet, so tödlich das Ebola-Virus sein kann, es ist nicht so sehr der Erreger selbst, der die Eindämmung erschwert. Es sind die sehr speziellen Gegebenheiten im Ostkongo: die meist ungeteerten Straßen, die schwache medizinische Infrastruktur, die durch die Kürzungen bei der US-Entwicklungsbehörde USAID noch weiter geschwächt wurde, die infolge diverser regionaler und lokaler Konflikte seit Jahrzehnten prekäre Sicherheitslage.

„So wie es aussieht, verbreitete sich das Virus schon einige Monate im Kongo, bevor etwas dagegen unternommen wurde.“

Diese Gegebenheiten sind auch dafür verantwortlich, dass der Ausbruch erst bemerkt wurde, als er längst außer Kontrolle war, wie Maximilian Gertler sagt, Mediziner und Epidemiologe für Ärzte ohne Grenzen. Wann und wo der Ausbruch begann, ist noch unklar. Doch selbst das wenige, das bisher rekonstruiert und vor Kurzem im New England Journal of Medicine dokumentiert wurde, offenbart, wie lange es gedauert hat. Demnach registrierten die kongolesischen Behörden ab dem 24. April in Bunia erste Menschen, die die typischen Symptome zeigten: Fieber, Erbrechen, Blutungen.

Eine Woche später wurden erstmals Proben auf Ebola getestet – im einzigen Labor, das es in der 100 000-Einwohnerstadt gab. Das Ergebnis: negativ. Man wusste damals noch nicht, dass hier ein seltener Ebola-Stamm im Umlauf war, auf den die simpleren Tests dieses Labors nicht anschlugen. So vergingen weitere elf Tage, in denen immer mehr Fälle bekannt wurden, die alle denselben Verdacht nährten: Und wenn es doch Ebola ist?

Schließlich wurden weitere Proben genommen und zur gründlicheren Untersuchung in die Hauptstadt Kinshasa gebracht. Dann erst, drei Wochen nachdem der erste Verdachtsfall beobachtet wurde, stand fest: Hier im Nordosten des Kongos grassiert das Bundibugyo-Virus, ein Stamm des Ebola-Erregers, gegen den es weder einen Impfstoff noch ein spezifisches Medikament gibt. Drei Tage später, am 17. Mai, rief die WHO den internationalen Gesundheitsnotstand aus.

Doch sehr wahrscheinlich muss man viel weiter zurückgehen als bis Ende April, um zum Anfang des Ausbruchs zu gelangen. „So wie es aussieht, verbreitete sich das Virus schon einige Monate im Kongo, bevor etwas dagegen unternommen wurde“, sagt Nahid Bhadelia, Expertin für Infektionskrankheiten an der Boston University. Eine Modellierung der US-Seuchenbehörde CDC geht davon aus, dass das Virus im Februar von einem Tier auf einen Menschen übersprang.

In Bunia selbst kursiert eine Chronologie der Ereignisse, von der Sylvain Timasina berichtet und die auch von Reportern der Nachrichtenagentur Reuters rekonstruiert wurde: Der „Patient null“ wäre demnach ein Pastor, der Anfang Februar in Bunia an Ebola starb, ohne dass die Krankheit erkannt worden wäre. In einem Auto, begleitet von Verwandten, wurde die Leiche des Mannes zur Beerdigung in dessen Heimatstadt Mongbwalu gebracht, wie es im Kongo üblich ist. Dort wurde er in einen anderen Sarg umgebettet. Zahlreiche Menschen sollen dabei in direkten Kontakt mit der hoch ansteckenden Leiche gekommen sein, was sich womöglich bei der Beerdigung noch einmal wiederholte. In den zwei Wochen danach starben nach Angaben des Bürgermeisters fast 50 Menschen in der Stadt mit Symptomen, wie sie auch bei Ebola auftreten.

„Wenn jemand krank wird, kommen immer 20 oder 30 Leute zu Besuch.“

Mongbwalu ist eine Goldgräberstadt, die viele Arbeiter aus der ganzen Region anlockt. Was wiederum bedeutet: Als sich hier die Zahl der Todesfälle häufte, wurden viele Leichen nicht in Mongbwalu beigesetzt, sondern zur Beerdigung in die jeweiligen Heimatstädte der Verstorbenen gebracht. Nach Bunia oder noch weiter nach Süden, nach Beni und Butembo in der Provinz Nord-Kivu. Und das Virus reiste mit.

Den ersten Toten in seiner Familie, sagt Sylvain Timasina, habe es am 11. Mai gegeben, ein Cousin. Er sei im Krankenhaus gestorben, doch zuvor habe er zu Hause im Bett gelegen, erst mit Kopfschmerzen, dann auch mit Husten und Fieber und schließlich mit schwarzem Durchfall. Seine Mutter und seine Schwester hätten den Cousin gepflegt, andere Verwandte seien ans Krankenbett gekommen, um ihm schnelle Genesung zu wünschen. „Wir Kongolesen haben einen engen Zusammenhalt in der Familie“, sagt Timasina. „Wenn jemand krank wird, kommen immer 20 oder 30 Leute zu Besuch.“ Die Mutter, die Schwester und andere Verwandte seien in den Wochen danach ebenfalls an Ebola gestorben.

Inzwischen sei es in seinem Umfeld so, sagt Timasina: Wenn Menschen krank werden, dann schließen sie sich zu Hause ein, niemand kommt mehr zu Besuch, Kontakt gebe es nur noch über Telefon. Wenn die Lage sich massiv verschlechtere, dann rufe man Ärzte, die in Schutzanzügen kämen, um die Menschen ins Krankenhaus zu bringen. So sei es bei seinen drei Verwandten gewesen, die am Vortag gestorben sind, bei seiner Tante, seiner Cousine, seinem Cousin. Früh am nächsten Morgen seien sie begraben worden, ohne dass die Familie hätte Abschied nehmen können. „Es ist schrecklich“, sagt Timasina, „aber wir müssen der Realität ins Auge sehen.“

Immerhin, sagt er, kenne er auch einen Mann, der an Ebola erkrankte, ins Krankenhaus kam und es lebend wieder verließ. Es gebe also Hoffnung auf Heilung. Er wisse aber auch von mehreren Fällen in seiner Nachbarschaft, wo ganze Familien erkrankten und nicht ins Krankenhaus kamen. Sie hätten sich zu Hause isoliert und ihr Haus nie wieder verlassen.

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Noch immer gebe es Menschen in Bunia, vor allem aus den umliegenden Dörfern, die den Ebola-Ausbruch für eine Erfindung hielten, sagt Timasina. Nicht mehr so viele wie am Anfang, aber immer noch einige. Sie glaubten, dass internationale Organisationen die Lage bewusst dramatisierten, um mit den Schutzmaßnahmen Geld zu verdienen. Um „ein Business“ daraus zu machen, so sagt es Timasina. Sie isolierten sich nicht, wenn sie krank würden, sie suchten keine ärztliche Hilfe. Und wenn sie dann realisierten, dass sie sich geirrt haben, dann sei es häufig zu spät.

So sagt es auch Maximilian Gertler. Wenn die Menschen erst spät medizinische Hilfe suchen, sinke nicht nur ihre Überlebenswahrscheinlichkeit, sondern „sie haben natürlich längere Zeit infektiös innerhalb ihrer Familien gelebt und möglicherweise Folgefälle produziert“. Zwar bemühen sich Behörden und Helfer darum, Kontakte rasch aufzuspüren und unter Quarantäne zu stellen. Doch, so Gertler: „Immer wieder sehen unsere Teams Patienten, die gar nicht als Kontakte gelistet waren. Das weist auf fortbestehende, unerkannte Infektionsketten hin.“

Das geringe Vertrauen der Menschen in die Gesundheitsversorgung ist einer von vielen Gründen, warum die Lage im Kongo momentan nicht unter Kontrolle ist. Die anderen sind nach Einschätzung der Infektionsexpertin Nahid Bhadelia wie auch Gertlers vor allem die politische Unsicherheit und Gewalt, so wie das fragile Gesundheitssystem. Gertler nennt es „desolat“. Bhadelia verweist auf Zahlen der Weltbank: „2023 hat Kongo etwa 58 Dollar pro Kopf für die Gesundheitsversorgung ausgeben, Uganda immerhin 139 Dollar“ In Deutschland waren es mehr als 8300 Dollar pro Kopf.

Geld allein genügt nicht

Zugleich läuft auch die internationale Hilfe nur schleppend an. Die WHO und die Gesundheitsbehörde Africa CDC haben den Hilfsbedarf auf 518 Millionen US-Dollar beziffert. Sehr schnell sagten Länder und Organisationen auch Geld zu, sogar mehr Geld als veranschlagt;  910 Millionen Dollar waren es bis Anfang vergangener Woche. Nur seien bis zu diesem Zeitpunkt erst 90 Millionen Dollar tatsächlich ausbezahlt worden, kritisierte das Independent Panel for Pandemic Preparedness in einer Stellungnahme. Zudem seien die Zusagen extrem undurchsichtig. So sei gar nicht klar, ob es sich überhaupt um neue Hilfen oder einfach nur um von einem Topf in einen anderen verschobene Mittel handele, geschweige denn, welche Gelder wann und wofür genau eintreffen werden.

Das spüren Helfer wie Gertler auch in der Region. Obwohl Ärzte ohne Grenzen seine Einsätze selbst finanziert, sagt der Mediziner: „Mittlerweile sehen wir generell eine erste Ausweitung der Hilfsmaßnahmen, doch diese reichen bei Weitem nicht aus.“ Außerdem genüge Geld allein nicht. Es brauche mehr erfahrene, gut koordinierte Helfer, die mit den Behörden die Eindämmung sicherstellen.

Sylvain Timasina sagt, dass er alles tue, was er könne, um sich selbst und seine Familie zu schützen. Aber er muss arbeiten, von irgendwas müssen sie ja leben. Auch wenn er weiß, dass sein Job ein großes Risiko für sie alle darstellt. Er ist Fahrer. In einer Zeit, in der man Kontakte vermeiden sollte, hat er täglich Kontakte zu den unterschiedlichsten Menschen, die er durch Bunia chauffiert. Fahrer, sagt Timasina, egal ob sie im Auto oder mit dem Motorrad unterwegs sind, lebten im Moment besonders gefährlich in Ostkongo.

Und womöglich nicht nur dort. In einer aktuellen Modellierung sehen Wissenschaftler aus Kenia und dem Kongo ein Risiko von 70 Prozent, dass der Ausbruch auf Südsudan übergreift. In der im Fachblatt Lancet Infectious Diseases erschienenen Studie begründen sie die Gefahr mit den vielen Grenzgängern in der Region sowie der Tatsache, dass auch das Nachbarland nur geringe Kapazitäten zur Infektionskontrolle hat. Wenn also das Virus in den Staat gelange, drohe ihm ein ähnliches Schicksal wie im Kongo.

Wann das alles vorbei sein wird, ist bislang nicht abzusehen. Bereits Mitte Juni warnten die Modellierer der CDC: Sofern nicht schnell umfangreiche Maßnahmen zur Eindämmung unternommen werden, könnte der Ausbruch ein Ausmaß erreichen wie die Epidemie in Westafrika zwischen 2014 und 2016. Damals erkrankten etwa 28 000 Menschen. 11 000 von ihnen starben.