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Seite 1Sie jagen das Virus schneller als je zuvor. Sind sie schnell genug?


Seite 2Warum der Ausbruch so schwer einzudämmen ist

Amanda Rojek weiß noch sehr genau, wie es sich anfühlt, alles zu geben, und doch viel zu langsam zu sein. 2015 kämpfte Westafrika mit dem größten Ebola-Ausbruch, den die Welt jemals erlebt hatte. Die Australierin schrieb gerade an ihrer Dissertation im Bereich Globale Gesundheit an der Universität Oxford. Doch nun wurden dringend Mediziner gesucht, die Forschung in der Krisenregion übernehmen könnten. Rojek bekam das Angebot, eine Studie mit einem experimentellen Medikament in Sierra Leone zu leiten.

Es war eine Zeit hektischer Improvisation. Internationale Forscherteams versuchten, in Westafrika klinische Studien aus dem Boden zu stampfen, während das Virus sich immer weiter ausbreitete – dabei gab es nicht einmal einen Konsens darüber, wie man unter solchen Bedingungen überhaupt seriös forschen konnte. »Wir haben so lange gebraucht, überhaupt anzufangen, dass wir erst gegen Ende des Ausbruchs zu einem Ergebnis kamen«, erinnert sich Rojek. Das von ihrer Gruppe untersuchte Mittel half nicht. »Ich war völlig deprimiert.«

Mehr als zehn Jahre nach ihrer Erfahrung in Sierra Leone leitet Rojek nun erneut eine klinische Studie in einem großen Ebola-Ausbruch, dieses Mal in der Demokratischen Republik Kongo. Mehr als 3.200 Fälle hat das Land bereits gemeldet, mehr als 1.400 Menschen sind gestorben. Täglich werden Dutzende neue Infektionen bestätigt. »Es handelt sich bereits um den drittgrößten Ebola-Ausbruch aller Zeiten«, erklärte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Tedros Adhanom Ghebreyesus kürzlich. »Und er hat sich in den vergangenen Monaten schneller ausgeweitet als jeder frühere Ausbruch.«

Die Medizinerin Amanda Rojek ist eine der Leiterinnen der PARTNERS-Studie, die derzeit in Bunia in der Nähe des Ausbruchszentrums ein experimentelles Medikament erprobt. © University of Oxford

Eigentlich steht die Welt Ebola nicht mehr so hilflos gegenüber wie damals in Sierra Leone und den Nachbarländern Guinea und Liberia. Denn inzwischen gibt es zwei zugelassene Medikamente und auch einen Impfstoff. Nur sind die Mittel alle gegen Ebola-Zaire gerichtet. Das ist die Variante des Virus, die am häufigsten zu Ausbrüchen führt. Doch im Kongo verbreitet sich nun eine andere Spezies: Bundibugyo. Dagegen gibt es bislang keine Impfstoffe und keine Medikamente. Und so ist nun, wie damals in Westafrika, ein Wettlauf gegen die Zeit entbrannt, um in klinischen Studien ein wirksames Instrument gegen das Virus zu finden.

Forscher haben in der Zwischenzeit vieles dazugelernt, sie haben Kooperationen aufgebaut, Studienprotokolle vorbereitet, den Ernstfall geprobt. Auch Amanda Rojek hatte nach dem Ausbruch in Westafrika ihr Promotionsthema geändert und sich mit der Verbesserung der Forschung unter solch extremen Bedingungen beschäftigt. Das alles hilft jetzt.

© unsplash.com

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Als die Demokratische Republik Kongo am 15. Mai den neuen Ebola-Ausbruch bestätigte, kamen Rojek und andere Wissenschaftler, die schon lange solche Studien vorbereiten, noch am selben Abend zu einer Videokonferenz zusammen und entschieden, zwei Wirkstoffe so bald wie möglich zu testen: MBP-134, ein Cocktail aus zwei monoklonalen Antikörpern, die aus dem Blut eines Überlebenden der Ebola-Epidemie in Westafrika isoliert wurden, und Remdesivir, ein antivirales Medikament, das bereits gegen Sars-CoV-2 sowie mehrere andere Viren eingesetzt wurde, allerdings mit gemischten Ergebnissen.

Kaum sechs Wochen später, am 1. Juli, begann die sogenannte PARTNERS-Studie in einer Klinik nahe dem Ausbruchszentrum in Bunia. »Wir hoffen, dass wir die Studie bald auf weitere Standorte ausdehnen können«, sagt Rojek, die die Studie gemeinsam mit dem kongolesischen Forscher Placide Mbala leitet. Teilnehmer werden nach dem Zufallsprinzip in eine von vier Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe erhält MBP-134. Die Antikörper in dem Medikament binden an ein Eiweiß auf der Oberfläche von Ebolaviren und sollen so verhindern, dass die Erreger in menschliche Zellen eindringen. Eine zweite Gruppe erhält Remdesivir. Das Mittel wird im Körper in ein Molekül namens GS-443902 umgewandelt, das einem Baustein im Viruserbgut ähnelt. Wenn das Virus versucht, sich zu vermehren, baut es den falschen Baustein in die Kopie seines Erbguts ein und der Prozess wird abgebrochen. »Es ist, als würde jemand ein Stück Pappe in den Kopierer stecken und dadurch alles blockieren«, sagt Armand Sprecher von Ärzte ohne Grenzen. Eine dritte Gruppe erhält beide Medikamente, eine vierte erhält keines von beiden.

Was ist Ebola?

Ebola ist eine schwere Infektionskrankheit, die durch Viren der Gattung Ebolavirus ausgelöst wird. Es gibt mehrere Spezies des Virus, darunter Zaire, Sudan und Bundibugyo. Der aktuelle Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo wird vom selteneren Bundibugyo-Typus ausgelöst, mit dem bisher nur zwei Ausbrüche dokumentiert waren.

Das Virus wird durch direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten wie Blut, Stuhl oder Erbrochenem von infizierten Personen übertragen. Eine Übertragung durch die Luft, wie bei Sars-CoV-2 oder der Grippe, ist für Ebola-Ausbrüche nicht dokumentiert. Die Zeit von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Symptome beträgt meist zwei Tage bis drei Wochen. Infizierte sind ab Symptombeginn ansteckend; das Virus kann sich jedoch auch nach dem Tod weiterverbreiten, etwa bei engem Kontakt mit Verstorbenen im Rahmen von Beerdigungsritualen. 

Wie gefährlich ist Ebola?

Zu Beginn ähneln die Beschwerden mit Fieber, Glieder- oder Muskelschmerzen und starker Müdigkeit oft anderen Virusinfektionen. Im weiteren Verlauf können Übelkeit, Erbrechen und Durchfall hinzukommen; schwere Verläufe können unter anderem mit Atemnot, Krampfanfällen und Organversagen einhergehen und zum Tod führen.

Ebola ist laut der Weltgesundheitsorganisation WHO in etwa der Hälfte der Fälle tödlich. Die Sterblichkeit variiert jedoch je nach Virusspezies zwischen 25 und 90 Prozent. Ebola-Bundibugyo hat mit schätzungsweise 30 bis 50 Prozent eine etwas geringere Letalität als etwa Ebola-Zaire. Entscheidend für die Überlebenschancen des Einzelnen ist eine frühe unterstützende Behandlung, insbesondere Flüssigkeits- und Elektrolytgabe sowie die Behandlung von Komplikationen.

Es gibt zugelassene Ebola-Impfstoffe, allerdings nur gegen das Zaire-Ebolavirus, jene Spezies, die sich bei den großen Ebola-Ausbrüchen 2014 und 2018 verbreitet hat. Gegen das aktuell zirkulierende Bundibugyo-Ebolavirus gibt es derzeit keinen zugelassenen Impfstoff; die Entwicklung entsprechender Impfstoffe befindet sich noch in einem frühen Stadium. Ob die bereits gegen Zaire-Ebolavirus zugelassenen Impfstoffe auch gegen Bundibugyo ausreichend schützen, ist derzeit nicht durch belastbare Daten belegt.

Am 15. Juli begann außerdem eine zweite groß angelegte Studie namens EBO-PEP. Darin wird eine ganz neue Herangehensweise erprobt: Menschen, die direkten Kontakt mit Ebola-Patienten oder Ebola-Toten hatten, erhalten zehn Tage lang zweimal täglich das Medikament Obeldesivir. Das soll verhindern, dass bei ihnen die Krankheit ausbricht. Post-Expositions-Prophylaxe oder PEP nennt sich das Prinzip, das zum Beispiel auch bei HIV, Tollwut oder Hepatitis B eingesetzt wird. Obeldesivir wird im Körper genau wie Remdesivir in GS-443902 umgewandelt, aber während Remdesivir ebenso wie MBP-134 als Infusion verabreicht wird, wird Obeldesivir oral eingenommen.

Sollte die Pille wirklich Ebola verhindern können, könnte das die Bekämpfung solcher Ausbrüche grundlegend verändern, sagt Sprecher. »Das wäre ein Durchbruch«, sagt er.

Es sei »bemerkenswert, wie schnell diese klinischen Studien nun anlaufen«, sagt Isaac Bogoch, ein Experte für Infektionskrankheiten am Toronto General Hospital. Und doch: Es wird Monate dauern, bis sie ein Ergebnis liefern. Und selbst wenn eine oder mehrere der Therapien den Test bestehen, werden sie ihre volle Wirkung nur entfalten können, falls der Ausbruch bis dahin besser unter Kontrolle ist. Denn jenseits der Forschung hinkt die Bekämpfung dem Virus bisher gnadenlos hinterher.