Stacheldrahtzaun, dahinter das Meer

Die abgeriegelte spanische Exklave Ceuta teilt sich eine Landgrenze mit Marokko

(Bild: Cristian Borrego Sala/Shutterstock.com)

Binnen 24 Stunden sollen bis zu 49.000 Menschen die Grenze zur spanischen Exklave Ceuta überwunden haben – ausgelöst durch ein Gerichtsurteil. Ein Überblick.

Was sich in den letzten Tagen des Juli 2026 an der Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave Ceuta abspielte, dürfte in die Geschichte der europäischen Migrationspolitik eingehen – und zwar als eines der größten Einzelereignisse irregulärer Grenzübertritte überhaupt.

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Laut dem spanischen Innenministerium, zitiert von der Nachrichtenagentur Reuters, gelangten binnen 24 Stunden schätzungsweise 49.000 Menschen in das rund 18 Quadratkilometer große Territorium. Zunächst war man von deutlich weniger Menschen ausgegangen.

Mindestens 16 Personen seien dabei ums Leben gekommen, berichtete die Agentur, während Reuters von 19 Toten spricht. Noch ist die Lage nicht vollständig klar, doch die Hintergründe der Ereignisse sind bekannt.

Ein Gerichtsurteil als Katalysator

Die unmittelbare Ursache für den sprunghaften Anstieg ist juristischer Natur. Anfang Juli hatte der Oberste Gerichtshof Spaniens geurteilt, dass Migranten, die auf dem Seeweg nach Ceuta oder in die zweite spanische Nordafrika-Exklave Melilla abgefangen werden, nicht mehr umgehend zurückgeschickt werden dürfen.

Seitdem habe es einen stetigen Zustrom gegeben, am Donnerstag sei es jedoch zu einer regelrechten „Explosion“ gekommen, sagte ein Sprecher der Guardia Civil. Das spanische Innenministerium machte Schlepperbanden dafür verantwortlich, das Urteil systematisch auszunutzen, und kündigte an, illegal Eingereiste dennoch umgehend abzuschieben.

Wie die Menschen ankamen, war vielfältig: Auf Videoaufnahmen war zu sehen, wie Hunderte mit Schwimmreifen durch das Meer kamen oder den Grenzzaun überwanden. Andere gelangten über einen Grenzübergang im Süden Ceutas. In der Grenzstadt Fnideq auf marokkanischer Seite setzte die Polizei Wasserwerfer ein, um weitere Übertritte zu verhindern, wie Reuters berichtete.

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Tausende Menschen hätten sich dort in der Nacht versammelt, um nach Ceuta zu gelangen. Eine offizielle Stellungnahme des marokkanischen Innenministeriums lag zunächst nicht vor.

Ceuta am Rand seiner Kapazitäten

Die Stadt mit rund 85.000 Einwohnern geriet schnell an ihre Grenzen. Die Aufnahmezentren sind überfüllt, viele Menschen – darunter nach Angaben des staatlichen Senders RTVE zahlreiche Minderjährige und Kinder – lebten und schliefen im Freien.

In der Nacht auf Freitag übernachteten laut einem Bericht der Zeitung El País Hunderte junge Migranten auf den Straßen, viele von ihnen kaum bekleidet. Zahlreiche Geschäfte blieben geschlossen; Ladenbesitzer organisierten sich nach eigenen Angaben, um ihr Eigentum zu schützen, da sie die Polizeipräsenz für unzureichend hielten.

Ceutas Regionalpräsident Juan Jesús Vivas sprach im Fernsehen von einer „Situation des totalen humanitären und sozialen Notstands“ und forderte die Zentralregierung auf, den Notstand auszurufen und die Armee einzusetzen.

Ministerpräsident Pedro Sánchez lehnte die Ausrufung eines formellen Notstands ab, reagierte aber dennoch mit Militärmitteln: Im Laufe des Freitags sollten rund 60 zusätzliche Soldaten, eine Tauchereinheit und ein Militärschiff verlegt werden, teilte das Innenministerium mit. Die Spezialeinheiten der Polizei sollen auf 200 Beamte aufgestockt werden. Sánchez reiste gemeinsam mit Innenminister Fernando Grande-Marlaska nach Ceuta, um sich mit Sicherheitskräften und örtlichen Behörden zu beraten.

Auch in der rund 250 Kilometer östlich gelegenen Exklave Melilla überwanden Migranten die Grenze: Etwa 400 Menschen seien über zwei Grenzübergänge auf dem Landweg sowie über einen Damm im Süden der Stadt eingedrungen, sagte Melillas Präsident Juan José Imbroda dem Radiosender Cope. Die Sicherheitskräfte hätten die Lage dort jedoch unter Kontrolle gehalten.

Scharfe Reaktion aus Rom

Die Bilder aus Ceuta riefen umgehend politische Reaktionen aus anderen EU-Staaten hervor – am lautesten aus Italien. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bezeichnete die Szenen als „schockierend“ und erklärte auf der Plattform X, ihre Regierung sei dabei, „die zuständigen Stellen zusammenzubringen“. Sobald diese Treffen abgeschlossen seien, sei man „bereit zu handeln, auch durch außergewöhnliche Maßnahmen […] wie etwa das Aussetzen des Schengen-Abkommens mit Spanien“. „Italien wird nicht tatenlos zusehen“, so Meloni.

Italiens Außenminister Antonio Tajani hatte sich zuvor in dieselbe Richtung geäußert: „Ich bin dafür, den Schengen-Raum für Spanien zu schließen“, schrieb er auf X und begründete die Forderung mit der „irregulären und unkontrollierten Einwanderung“, die „eine Gefahr für die nationale Sicherheit“ darstelle. Zudem kritisierte Tajani die spanische Regierung dafür, mehr als 500.000 irregulären Einwanderern die spanische – und damit europäische – Staatsbürgerschaft gewähren zu wollen. Dies fördere „den Menschenhandel“, so der Minister.

Spaniens Außenminister José Luis Albares wies diese Vorwürfe scharf zurück. Tajani instrumentalisiere die Einwanderung für politische Zwecke; solche Äußerungen seien „unangemessen“ für „ein befreundetes Partnerland“. Madrid erwarte von Rom „europäische Solidarität und nicht parteipolitische Demagogie“, so Albares.

Der Schengen-Raum umfasst 29 Staaten und garantiert Reisefreiheit ohne regelmäßige Grenzkontrollen. Grenzkontrollen an Binnengrenzen sind nach geltendem EU-Recht nur unter „außergewöhnlichen Umständen“ vorübergehend erlaubt; ein einseitiger Ausschluss eines Mitgliedstaats ist im bestehenden Regelwerk nicht vorgesehen.

Historische Einordnung: Kein Einzelfall, aber neue Dimension

Die Ereignisse wecken Erinnerungen an Mai 2021, als innerhalb von 36 Stunden mehr als 8.000 Menschen von Marokko aus nach Ceuta gelangten – damals ebenfalls ein Rekord. Die aktuellen Zahlen würden dieses Ereignis jedoch bei Weitem übertreffen, sofern sie sich bestätigen.

Ceuta und Melilla sind die einzigen Landgrenzen der Europäischen Union auf dem afrikanischen Kontinent. Obwohl Marokko 1956 die Unabhängigkeit von Frankreich und Spanien erlangte, beansprucht das Königreich beide Exklaven bis heute.

In der Nähe beider Gebiete warten regelmäßig Tausende Menschen – vorwiegend aus Ländern südlich der Sahara – auf eine Gelegenheit zur Einreise in EU-Gebiet. Ceutas Regionalpräsident Vivas hatte darauf hingewiesen, dass allein in den vergangenen zwölf Monaten bereits rund 60 Leichen von Migranten aus dem Wasser geborgen worden seien – lange bevor die aktuelle Krise eskalierte.