Ein Löwenrudel beim Giraffenmahl, ein Leopard im Dickicht, zwei Nashörner neben dem Geländewagen, Büffel und Elefanten am Wasserloch – wenn eine Safari gleich mit den Big Five der Savanne beginnt, kann ja eigentlich kaum noch Aufregenderes folgen. Oder doch?
„Natürlich wollen alle Touristen hier die großen Tiere sehen“, sagt Makungu Lesley Nkosi, „aber um die Savanne wirklich zu verstehen, sollte man auch einen Blick auf ihre kleinen Bewohner werfen – vor allem auch auf die Pflanzen“. Es ist noch früh am Morgen im Sabi-Sabi-Reservat unweit von Südafrikas berühmtem Kruger-Nationalpark. Der einheimische Guide hat sich heute mit seiner Kollegin Erin Anderson nicht mit dem Safariwagen aufgemacht, sondern zu Fuß.
Eine Buschwanderung ins Revier von Löwen und Leoparden ist eine gänzlich andere Erfahrung als eine Pirschfahrt im Geländewagen. Nur in ausgewählten Regionen des Kruger-Nationalparks und einiger angrenzender Schutzgebiete wie in Sabi Sabi sind Wander-Safaris im Big-Five-Terrain erlaubt. Sie müssen von geschulten Guides begleitet werden, die vorsichtshalber eine Waffe bei sich tragen. „Ich musste jedoch glücklicherweise nie davon Gebrauch machen“, sagt Anderson. Sie geht der Wandergruppe immer mit ihrem Gewehr voraus.
Zu Fuß können Anderson und Nkosi ihren Gästen Dinge zeigen, die bei einer Pirschfahrt kaum ins Auge stechen: Insekten, kleine Reptilien und zahlreiche Vögel. Nkosi ist es auch ein ganz besonderes Anliegen, seine Gäste in die Welt der Pflanzen der Savanne einzuführen. „Meine Großmutter war eine Sangoma“, erzählt er. So nennt man die traditionellen Heilerinnen im südlichen Afrika. „Sie hat mir viel über die Wirkung der Pflanzen in der Savanne beigebracht.“ Die ethnische Gruppe der Shangaan, die im Umkreis des Kruger-Nationalparks lebt und zu der auch Nkosis Familie gehört, bezeichnet Frauen und Männer, die sich besonders mit der Heilkraft von Pflanzen und Wurzeln beschäftigen, auch als N‘anga.
„Für sie ist der Busch wie eine Apotheke“, erklärt der Guide. „Für fast jede Krankheit kennen sie eine Pflanze, die Abhilfe schafft.“ Der Fiebertee-Busch oder Zitronenstrauch etwa ist anscheinend ein bemerkenswerter Alleskönner: Er soll bei Erkältungen und Atemwegerkrankungen genauso helfen wie bei Hautausschlägen und Magen-Darm-Beschwerden. Zudem weisen seine ätherischen Blätter Insekten ab, wenn sie auf der Haut zerrieben werden. Der Tamboti-Baum findet ebenfalls in der traditionellen Medizin eine vielseitige Verwendung – allerdings nur in winzigen Dosen. Wird er unachtsam verwendet, wird seine Wirkung zum Gift. „Jede Pflanze kann eine gute und eine schlechte Reaktion auslösen“, erklärt Nkosi.
Seine Gäste schätzen sich glücklich, dass sie ihre Safari den kleinen Wundern der Savanne gewidmet haben. Mit beiden Füßen im trockenen Savannengras mit der Tierwelt auf Augenhöhe erlebt man den afrikanischen Busch aus einer gänzlich anderen Perspektive. Und lernt über die enormen Kenntnisse der Einheimischen, die so viel über die Heilkraft der Savanne wissen.
Auch ganz im Westen Südafrikas, nur eine Autostunde von Kapstadt entfernt, führen Wanderwege ins geheimnisvolle Reich von Südafrikas Pflanzen. Im Mont-Rochelle-Naturreservat oberhalb des bekannten Weinorts Franschhoek erfüllt der feine Duft von Wildkräutern die klare Bergluft. Verschiedene Protea- und Erika-Arten streuen Orange, Purpur und Violett ins Buschland des Berg-Fynbos. Anders als im weitgehend flachen Sabi-Sabi-Reservat hat eine botanische Safari hier im Mont-Rochelle-Naturreservat oberhalb des Weinorts Franschhoek eine dramatische Gebirgskette als Kulisse.
„Wir Südafrikaner sind stolz auf unsere Vielfalt an Blumen“, sagt Galant Damons, „es lohnt sich, sie genauso wie die Tierwelt zu erkunden“. Der Guide führt seit vielen Jahren Touristen durch die Cape Winelands und erklärt ihnen die Fauna und Flora. An diesem Morgen beobachten die Wanderer eine Gruppe Paviane, die die morgendliche Stille ganz wie die Menschen zu genießen scheinen. Kaphonigvögel und Goldbrust-Nektarvögel umschwirren die Protea- und Erikablüten.
Das Mont-Rochelle-Reservat ist Teil des Unesco-geschützten Cape-Winelands-Biosphärenreservats östlich von Kapstadt. Mit seinen bis fast 2000 Meter aufragenden Bergketten schützt es einen bedeutenden Anteil des Kap-Florenreich, das kleinste der sechs kontinentalen Florenreiche der Welt. Dieses umfasst lediglich 0,5 Prozent Afrikas an der Südspitze des Kontinents, ist aber Heimat von fast 20 Prozent aller Pflanzenarten des Kontinents.
Damons erklärt seiner Wandergruppe die medizinische Verwendung der Buchusträucher, die schon vor Jahrtausenden den ersten Bewohnern am Kap bekannt war. Viele Pflanzenarten des Fynbos, des immergrünen Bioms in der Kapregion, nutzten die einst hier lebenden Khoisan als Heilmittel. Der auch in Europa beliebte Rooibostee beispielsweise, der ursprünglich vom Westkap stammt, ist im Gegensatz zu vielen herkömmlichen Teesorten koffeinfrei, gilt als besonders magenfreundlich und entzündungshemmend. Ähnliche Wirkung wird auch dem Honigbusch-Tee zugeschrieben.
Eine Pflanze jedoch darf bei einer botanischen Safari am Kap sicherlich nicht fehlen, selbst wenn sie ursprünglich gar nicht von hier stammt: Vitis vinifera – die Edle Weinrebe. „Ursprünglich führten französische Hugenotten den Wein schon im 17. Jahrhundert im Tal von Franschhoek ein“, erzählt Damons, „sie fanden hier ideale Anbaubedingungen für die Rebsorten aus ihrer Heimat.“ Die protestantischen Glaubensflüchtlinge legten zwischen den steil aufragenden Bergen den Grundstein für einige der ältesten Weingüter am Kap.
Wer mehr über Südafrikas beliebteste Weinsorten wissen möchte, kann mit Galant etwa Boschendal, La Motte oder La Residence erkunden und den Wandertag bei einem funkelnden Glas Cabernet Sauvignon oder kühlem Chardonnay mit Blick auf das wahrlich beeindruckende Bergpanorama ringsum ausklingen lassen. Und ja, viele Südafrikaner schwören darauf, dass auch der Genuss ihrer weltberühmten Weine als Heilmittel gegen allerlei Leiden Abhilfe schafft – wenn man es damit jedoch nicht übertreibt.
Ob seinen Gästen von ihrer Südafrika Reise eher die Chenin-Blanc-Reben aus Franschhoek, die stolze Königsprotea, Südafrikas Nationalblume, vom Mont Rochelle oder Nkosis Buschkräuter aus Sabi Sabi in Erinnerung bleiben werden? In jedem Fall haben sie mit allen Sinnen erlebt, dass sich eine Safari nicht nur zu Südafrikas großen Tieren, sondern genauso auch zu seinen wundersamen Pflanzen lohnt.