Luftaufnahme einer Landschaft mit antiken Überresten

Luftaufnahme von Megiddo im heutigen Israel

(Bild: israeltourism/Commons/CC-2.0)

Megiddo erlebte Schlachten von Ägyptern bis Osmanen. Sein Name wurde zum Synonym für den Weltuntergang. Doch wie viel davon ist bloße Propaganda?

Der Name Armageddon rührt vom hebräischen Har Megiddo her, was so viel wie Hügel oder Berg von Megiddo heißt. Ein über die Zeiten angelagertes H am Beginn und ein N am Ende des Namens führte zu Harmageddon bis das H im Anlaut auf der Strecke blieb.

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Armageddon erlangte schaurige Berühmtheit durch die Erwähnung im Neuen Testament in der Offenbarung des Johannes (Kap. 16, Vers 16), die auch Apokalypse genannt wird. Die Abfassung dieses Buches wird mehrheitlich in das ausgehende 1. Jahrhundert nach Christus datiert.

Die Stelle: „Da versammelten sie die Könige an den Ort, der auf Hebräisch Harmageddon heißt“, wird interpretiert als die Vorbereitung der versammelten Könige auf die Entscheidungsschlacht im Kampf des Guten mit dem Bösen. Was wissen wir aus historischer Sicht über diesen Ort?

Megiddo erlebte mehrere Armageddons

Dieses Harmageddon ist eigentlich kein konkreter Ort, sondern meint im übertragenen Sinne eine zeitlose Stätte der letzten Zusammenkunft. Dass dafür vom Autor der Apokalypse des Johannes die antike Siedlung von Megiddo ausgewählt wurde, ist symbolisch zu verstehen.

Dennoch ist es wiederum auch kein Zufall, denn der Hügel von Megiddo ragte im wörtlichen Sinne heraus. Er erhob sich einst fast 40 Meter über die Jesreelebene im heutigen Nordisrael.

Megiddos kleine Anhöhe birgt mindesten 20 antike Städte, die in mehreren tausend Jahren Besiedlung zwischen 5.000 und kurz vor 300 v. Chr. übereinander angelegt wurden. In den über einhundert Jahren archäologischer Erforschung Megiddos ist der Hügel auf 20 Meter Höhe geschrumpft.

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Die Archäologen der Welt haben ihm den Sand abgegraben. Trotzdem dominiert er immer noch sein Umland und ist schon von Weitem zu sehen.

Im Altertum war die Befestigung ein strategisch wichtiger Punkt. Infolge erlebte Megiddo gleich mehrere Armageddons. Hier kämpften Ägypter, Syrer, Hethiter, Kanaaniter, Israeliten, Assyrer, Babylonier, Perser, Griechen, Römer und Araber.

Die befestigte Stadt lag an einem Knotenpunkt von Heer- und Handelswegen, die Ägypten mit Syrien verbanden. Sie bewachte den Ausgang eines wichtigen Passes über das Karmelgebirge. Die Ebene eignete sich bestens als Aufmarschgebiet bronzezeitlicher Heere mit ihren Streitwagen.

Im Fadenkreuz der Großmächte

Karte des Orient

Karte des Orient ca. 1500 v.u.Z.

(Bild: Enyavar/Commons/CC-4.0)

Die östliche Küste des Mittelmeeres, das palästinensisch-syrische Gebiet, die Levante war eine Kontaktzone der damaligen Großmächte. Vom Süden her beobachtete das ägyptische Pharaonenreich, vom Osten die wechselnden mesopotamischen Reiche (Assyrer, Babylonier) und vom Norden die Hethiter aus Kleinasien diesen Raum.

Hier stießen deren Interessen zusammen. Die einheimischen Kleinkönigreiche und Fürstentümer (Israel, Juda, Philister, Syrer) hatten wenig Gelegenheit selbständig zu herrschen. Zumeist hingen sie von einer oder mehreren der benachbarten Großreiche ab.

Ägypten greift nach Norden aus

Kaum hatten die Ägypter die Fremdherrschaft der Hyksos um 1540 v. Chr. abgeworfen, begründeten sie ihr Neues, nun wieder geeintes Reich (1550–1070 v. Chr.). Unter Thutmosis III. (1479–1423 v. Chr.) ergriffen die Pharaonen erneut die Offensive und versuchten das syrisch-palästinensische Gebiet ihrem Einfluss zu unterwerfen.

Gleich Thutmosis III. erster Feldzug ging in diesen Raum und gipfelte in der Schlacht von Megiddo 1457 v. Chr. Dieser Pharao setzte auf Annektion, Besatzung, Einrichtung von Garnisonen und abhängigen Klientelherrschaften sowie Tributerhebung. Dazu gleich mehr – doch zuvor zu einem sehr interessanten Intermezzo.

Hatschepsut – die königliche Stiefmutter

Statue der Hatschepsut

Statue der Hatschepsut

(Bild: Sarah Stierch – Metropolitan Museum of Art/Commons/CC-2.0)

Bevor Thutmosis III. seine glorreiche Laufbahn beginnen konnte – er ist einer der wenigen militärisch erfolgreichen Pharaonen – regierte Hatschepsut (1478–1458 v. Chr.), eine Frau, fast 22 Jahre lange das Reich, solange wie keine andere Frau Ägyptens.

Offiziell tat sie das im Namen ihres Stiefsohns Thutmosis III. Sie ließ sich, als der noch minderjährig war, zum König krönen und hielt die Zügel die nächsten zwei Jahrzehnte in der Hand. Der dritte Thutmosis kam nicht zu Zuge. Das hat ihm sicher nicht gefallen.

Als er endlich an die Macht kam, ließ er ihren Namen von den Denkmälern tilgen und ihre Statuen zertrümmern. Seine Politik bildete ein Kontrastprogramm zu Hatschepsut und zu den sie stützenden Kreise. Das dürfte zu erheblichen inneren Spannungen geführt haben.

Verworrene Familienbande

Hatschepsut war die Hauptfrau Thutmosis II. (1493–1479 v. Chr.), des Vaters des dritten Thutmosis. Das Ehepaar – Halbgeschwister – hatte nur eine Tochter. Thutmosis III., der einzige männliche Nachkomme seines Vaters, war der Sohn einer Nebenfrau Namens Isis.

Er sollte den Thron erben, doch zuvor usurpierte Hatschepsut, nach dem frühen Tod ihres brüderlichen Gemahls, die Herrschaft. Klar, dass es zwischen Stiefsohn und Stiefmutter, die auch seine Stieftante war, Stress gab. Als Thutmosis III. dann endlich an die Macht kam, er wurde bald 30 Jahre alt, wirkte er wie losgelassen.

Auf nach Megiddo

Als Thutmosis III. endlich das missliche Kapitel Stiefmutter, Stieftante, königliche Witwe, Königin Hatschepsut abhaken konnte, schien er so frustriert, dass er erst einmal Dampf ablassen musste. Er begann einen Feldzug nach Norden. Ihm folgten weitere 16 größere militärische Expeditionen, eine ging bis zum Euphrat, eine andere nach Süden nach Nubien. Es muss sich im Pharao viel Wut aufgestaut haben.

Ägyptisches Wandrelief

Thutmosis III. erschlägt seine Feinde

(Bild: Markh/Commons)

Zuerst aber zog er nach Megiddo. In Hatschepsuts Zeit fielen einige der syrischen Fürsten vom Pharaonenreich ab. Eine Koalition unter dem König von Kadesch bedrohten sogar Ägypten. Dem wollte Thutmosis III. bereits in den ersten Monaten seiner Amtszeit entgegenwirken.

Er zog im Frühjahr 1457 mit seinem Heer über das Karmelgebirge vor die Festung Megiddo, wo sich das feindliche Heer aufgestellt hatte. Das überraschende Auftauchen des Pharaos löste bei den verbündeten syrischen Fürsten Panik aus. Sie flohen überstürzt in die befestigte Stadt, wo sie die Ägypter ein halbes Jahr lang belagerten.

Als der König von Kadesch und seine Verbündeten aufgaben, kamen sie „auf ihren Bäuchen herausgekrochen, um die Erde wegen der Macht der pharaonischen Majestät zu küssen, um Atem für ihre Nase zu erbitten […]“. Kurz: sie bettelten bäuchlings vor dem Pharao um ihr Leben.

Er ließ es ihnen und sie durften auch ihre Kronen, Diademe und Kleinkönigreiche behalten. Allerdings mussten die Besiegten hohe Tribute leisten: „Abgaben, bestehend aus Gold, Silber, Lapislazuli, Türkis und Malachit, Getreide, Wein, Rinder und Kleinvieh“. Dazu „Gefangene, Pferde, Streitwagen, Panzerhemden, Bogen samt Pfeilen, Zelte“. Sie mussten dem Pharao einen Treueid schwören: „Wir werden nie wieder Böses tun gegen […] unseren Herrn, […] denn wir haben seine Macht gesehen“.

Dann entließ er sie wieder und sie „zogen alle auf Eseln ab, da ich ihre Pferdegespanne wegnahm. Ihre Stadtbewohner führte ich als Beute fort nach Ägypten, desgleichen ihre Habe“. Thutmosis III. nahm seinen Gegnern die Kriegsausrüstung ab und deportierte deren Untertanen, die am Nil Frondienste leisten sollten, mit samt ihres Hab und Gutes.

Herrschaftliche Propaganda

Sieg auf der ganzen Linie! So behaupten es jedenfalls die königlichen Annalen, aus denen wir hier zitiert haben. Der Pharao siegt immer … in seinen Berichten. Es kann gar nicht anders sein, denn die Götter haben ihn die Herrschaft über die Welt verliehen. Er ist der „Herr der Fremdländer“, alle Länder sind „bis zu den Sumpflöchern Asiens“ „unter seinen Sohlen“.

Wandrelief mit Inschriften der Annalen Thutmosis’ III.

Inschriften der Annalen Thutmosis’ III.

(Bild: Gary Todd/Commons/CC-0)

Thutmosis III. ist sich nach seinem Feldzug gegen Megiddo sicher: Gott Amun habe ihm die „Bestallung zum Herrn aller Fremdländer“ übergeben und „er hat meine Siege größer gemacht als die jedes Königs, der vorher war“. Schon von seiner stiefmütterlichen Stieftante Hatshepsut, unter deren Herrschaft die nördlichen Gebiete abgefallen waren, hieß es: „Ihr gehören die Bergländer und alles, was der Himmel bedeckt, alles, was das Meer umgibt“.

Heimgekehrt führte der siegreiche Pharao einen Triumphzug zu Ehren des siegbringenden Gottes Amun an. Und Thutmosis III. ließ für seinen Gott Bauten errichten, um: „etwas Gutes zu tun dem, der meine Schönheit schuf, denn ich bin ja der, den er zum König gekrönt hat statt seiner selbst – ich will Gutes tun dem, der mich erzeugt hat“.

Zweifel

Wir verfügen nicht über Quellen der anderen Seite zu den Ereignissen. So können wir nicht überprüfen, ob der Pharao tatsächlich immer so siegreich war, wie seine Berichte behaupten. Zweifel sind jedoch angebracht. Bis heute siegen sich die Mächtigen zu Tode.

Thutmosis III. führten weitere zwölf seiner 17 Feldzüge nach Syrien, Palästina und den Küstenstädten. Im sechsten eroberte er Kadesch, den Sitz des Königs, den er doch schon im ersten vernichtend geschlagen hatte. Die Levante blieb ein für das Pharaonenreich unsicheres Gebiet. Es darf daran gezweifelt werden, ob die Feinde so vor dem Pharao erzitterten, wie es seine Schreiber in seinem Auftrag immer wieder verkündet haben.

In der Schlacht jedenfalls – so deuten es die Berichte an – wurden auch Fehler gemacht: Die vom Pharaonenheer überraschten Feinde in der Ebene vor Megiddo konnten sich nur deshalb in die Festung retten, weil die Ägypter wichtige Zeit beim Plündern des gegnerischen Lagers verloren hatten. Thutmosis III. und seine Heerführer hatten ihre Armee nicht voll unter Kontrolle.

Megiddo – Armageddon

Soldaten in einer ariden Landschaft, ein Schwarz-Weiß-Foto

Zerstörter osmanischer Transport 1918 im Wadi Fara

(Bild: George Westmoreland/Commons)

Ein vorerst letztes Mal erlebte eine Armee ihr Armageddon vor Megiddo im September 1918. In der letzten großen Schlacht des 1. Weltkrieges unterlagen die Osmanen dem britischen General Allenby, was zum Zusammenbruch der palästinensischen Front und zur endgültigen Niederlage des Osmanischen Reiches führte.

Der Kampf vollzog sich eigentlich in der Scharonebene und bei Nablus. Wegen der symbolischen Aufladung Megiddos / Armageddons aber verlegte Allenby die Szenerie hierher. Die Übertreibungen nehmen kein Ende.

Literatur:

Textbuch zur Geschichte Israels, hg. von Kurt Galling, 3. Auflage 1979, S. 14–21.Siegfried Morenz, Gott und Mensch im alten Ägypten, 2. Auflage 1984.Jan Assmann, Ägypten. Eine Sinngeschichte, 1999, S. 225–280.Eric H. Cline, Armageddon. Auf der Suche nach der biblischen Stadt Salomos, 2021; engl. Original 2020.