
Der Strand der spanischen Enklave Ceuta war vergangene Woche Schauplatz der Ereignisse
(Bild: Cristian Borrego Sala/Shutterstock.com)
Falschinformationen über offene Grenzen lockten Tausende nach Ceuta. Doch hinter dem Chaos steckt mehr als eine Migrationskrise. Eine Analyse.
Tausende Menschen machten sich vergangenen Donnerstag auf den Weg zur spanischen Exklave Ceuta. Möglicherweise waren die Bilder von Anfang an mitgestaltet. Darauf deuten zumindest erste Augenzeugenberichte hin. Die Menschen wurden offenbar durch Social-Media-Beiträge ermutigt, gen Grenze zu schwimmen.
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Eine anonyme Quelle aus Ceuta berichtete dem US-Sender CBS, es wurde verbreitet, man erhalte automatisch Asyl, wenn man Ceuta erreiche. Zahlreiche Aufnahmen aus den sozialen Medien stützen den Eindruck: Viele reagierten ungläubig, als sie erfuhren, dass sie nach Marokko zurückgebracht werden.
Unterdessen stieg die Zahl der Toten laut dem Vertreter des spanischen Innenministeriums, Miguel Triano, auf 72. Angesichts andauernder Bergungsaktionen dürfte die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen.
Während in Ceuta unter Bewachung von bis zu 3.000 bewaffneten Sicherheitskräften eine Art grotesker Normalität einkehrte, gärt es in Brüssel: Am Dienstag wollen die EU-Innenminister über die verstärkte Sicherung der EU-Außengrenzen beraten. 22 der 27 Mitgliedstaaten unterzeichneten zudem einen Brandbrief, wonach Spanien „falsche Signale“ als migrationspolitischen Pull-Faktor gesendet habe – auch der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz unterschrieb.
Absurd mutet an, dass der angebliche Sturm auf Ceuta wie ein Lüftchen ausklang: Der Großteil der Migranten kehrte friedlich nach Marokko zurück – größtenteils unverzüglich und freiwillig. EU-Migrationskommissar Magnus Brunner versicherte, keine einzige Person habe die Grenze zur EU überschritten. Viel Wind um wenig?
Invasion und Ignoranz
In Deutschland wie im europäischen Diskurs konnte leicht der Eindruck entstehen, es handelt sich nicht um menschliche Schicksale. Das Leid der Ertrunkenen spielte in den politischen Erklärungen selten eine Rolle – sie gerieten zur geopolitischen Manövriermasse aller politischen Seiten.
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Die besorgten Reaktionen der EU-Staaten richteten in erster Linie an das eigene Wahlvolk: Medien dominierten Schlagworte wie Grenzschutz, die Wiederherstellung der Handlungsfähigkeit Schengens und ein angeblicher „hybrider Angriff“ mit Migrationsdruck – ein Duktus, der bisweilen einzig gegen Belarus und eine vermeintliche gezielte Migrationskette vorgebracht wurde.
Kritische Analysten argumentieren derweil, Migration werde in Europa zunehmend „versicherheitlicht“ – die politische Aufmerksamkeit verschiebe sich damit zu Fragen von Kontrolle und Abschottung. Angesichts der Zahlen und der schnellen Stabilisierung wirkt der Begriff „Invasion“ wie ein Buzzwort und weit weniger als adäquate Zustandsbeschreibung.
Protest-Vorgeschichte
Mittlerweile häufen sich Widersprüche zur Erzählung eines vermeintlich spontanen „Sturms“ auf die Festung Europa.
Der Journalist Tarek Baé widerspricht: Die Ereignisse seien maßgeblich durch in sozialen Netzwerken verbreitete Falschinformationen über angeblich offene Grenzen ausgelöst worden. Er stellte diese These schon wenige Stunden nach der Erstmeldung auf – sie verbreitete sich später in diversen Medien.
Statt einer organisierten „Invasion“ beschreibt Baé eine humanitäre Dynamik aus Perspektivlosigkeit, Desinformation und Verzweiflung. Bereits zu Jahresbeginn erfasste eine Welle sozialer Proteste der Generation Z Marokko. Seit Monaten sehen Analysten die repressive Ordnung des Landes stark unter Druck und den Herrschaftsapparat von internen Konflikten zerfressen. Trotz wirtschaftlicher Modernisierung leiden insbesondere junge Menschen unter hoher Arbeitslosigkeit und prekären Perspektiven.
Spanien, Marokko und die Westsahara
Hinzu kommt: Marokko könnte ein Interesse an einer Eskalation gehabt haben, da Sánchez erst wenige Tage vorher den Maghreb-Rivalen Algerien besucht hat, mit dem Spanien die Beziehungen verbessern will. Bilder zeigten Transporter voller Menschen, die unter Aufsicht marokkanischer Behörden in der Nähe der Grenze hielten.
Bereits in der Vergangenheit hat Marokko immer wieder Flüchtlinge als Druckmittel eingesetzt, zuletzt 2021. Damals missfiel dem König Mohammed VI. Spaniens indirekte Unterstützung für die Unabhängigkeitsbewegung der Westsahara (Frente Polisario), dessen Anführer in Madrid medizinisch behandelt wurde.
Zuletzt wurden den Sahrauis, wie die indigene Bevölkerung Westsaharas genannt wird, der Erwerb der spanischen Staatsbürgerschaft erleichtert, was in Marokko ebenfalls für Unmut sorgte, da damit die politische Verfolgung der Unabhängigkeitsbewegung erschwert wird.
Brüssel contra Madrid
Innereuropäisch spielen diese Zusammenhänge auffallend keine Rolle. Der häufigste Vorwurf: Spanien habe den Grenzübertritt nicht früh genug erkannt oder billigend unterschätzt.
Kritiker sprechen von einem „Versagen der Einsatzplanung“. Die konservative Opposition und die rechtsnationale Vox werfen Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez vor, seine liberale Migrationspolitik habe falsche Anreize geschaffen. Sánchez wies die Kritik als „egoistisch, polarisierend und rechtswidrig“ zurück und betonte, Ceuta gehöre gar nicht zum Schengen-Raum.
Auch internationale Medien weisen den zentralen Vorwurf falscher Anreize zurück: Die frühere Regularisierung hunderttausender Migranten habe zeitlich und rechtlich nichts mit den aktuellen Grenzübertritten zu tun.
Der ungewöhnlich harte Brüsseler Umgang mit Madrid dürfte dabei kaum allein am vermeintlichen „Pull-Faktor“ liegen: Die Sánchez-Regierung verweigerte ihre Zustimmung zu den US-israelischen Angriffen auf den Iran und Sanchez persönlich den Krieg als „kolossalen Fehler“.
Schon im Ukraine-Krieg, bei der Aufrüstung, in Fiskalfragen sowie mit seiner israelkritischer Haltung im Gaza-Genozid hatte sich Sánchez wiederholt gegen die außenpolitische Linie mehrerer EU-Partner positioniert – ein Muster, das sich in der Härte der aktuellen Kritik durchaus widerspiegeln könnte.
Tel-Aviver Märchenstunde
In den Chor gegen Spanien reihte auch Israels UN-Botschafter Danny Danon ein: Er forderte von Madrid eine Erklärung, warum es noch immer vermeintlich „koloniale Enklaven in Afrika“ unterhalte.
Der Vorwurf des Vertreters eines Landes, dem selbst veritable Kriegsverbrechen und Siedler-Kolonialismus vorgeworfen werden, lenkt – wohl unbeabsichtigt – den Blick auf eine zentrale Frage: Wem gehört Ceuta historisch und völkerrechtlich?
Portugal eroberte die Stadt bereits 1415; über die Iberische Union gehörte sie später zum heutigen Spanien. Die Stadt steht seit Jahrhunderten unter ununterbrochener spanischer Hoheit und zählt nicht zu den von den Vereinten Nationen als Kolonialgebiet eingestuften Territorien. Marokko erhebt zwar aus historischen und antikolonialen Gründen weiter Souveränitätsansprüche, doch besteht nach herrschender völkerrechtlicher Auffassung keine Verpflichtung Spaniens zur Abtretung.
Während Madrid Israels Besatzungspolitik regelmäßig als völkerrechtswidrig kritisiert und einen palästinensischen Staat anerkennt, verweisen israelische Kommentatoren zunehmend auf Spaniens eigene Präsenz in Ceuta wie Melilla.
Da Marokko seit den Abraham-Abkommen eng mit Tel Aviv kooperiert, drängt sich der Eindruck einer Staatenmelange auf, die sowohl palästinensische als auch sahrauische Freiheitsrechte der Westsahara mit Füßen tritt und gleichzeitig – in der Verdrehung historischer Fakten – Stimmung erzeugen will.
Europas Zeitgeist
Ceuta offenbart damit mehr als das mögliche Scheitern einer Grenzsicherung. Es wurde binnen Stunden zum politischen Zündstoff: Brüssel diskutiert über Abschottung, nationale Regierungen über Grenzkontrollen und rechte Parteien in nahezu allen europäischen Staaten über die vermeintliche Bestätigung ihrer migrationspolitischen Erzählungen.
Auch in Deutschland griff die AfD die Ereignisse umgehend auf, nahezu parallel demonstrierten in Schwerin hunderte AfD-Jugendliche für Remigration – ein lokales Spiegelbild des europaweiten, wahlpolitischen Rechtsrucks.
Zugleich zeigt die internationale Debatte, dass Ceuta längst nicht mehr nur ein migrationspolitischer Brennpunkt ist, sondern Teil größerer geopolitischer Auseinandersetzungen wird: vom Konflikt zwischen Brüssel und Madrid bis hin zu dem Versuch israelischer Vertreter, Spaniens Kritik an der eigenen Besatzungspolitik mit Verweisen auf Ceuta politisch zu kontern.
Letztlich werden Migranten zum Spielball größerer Interessen degradiert. An einer vermeintlichen postkolonialen Migrationskrise interessierte Kreise gibt es sowohl in Israel als auch innerhalb der EU zur Genüge.