Lage. Mit einem Appell gegen das Vergessen hat die Lippische Landeskirche im Gottesdienst in der Heilig-Geist-Kirche in Lage auf die dramatische humanitäre Situation im Sudan aufmerksam gemacht. Unter dem Titel „Denkt dran!“ stand eine der laut Pressemitteilung der Landeskirche größten, aber in der öffentlichen Wahrnehmung kaum beachteten Krisen der Welt im Mittelpunkt. Es wurde über die Arbeit der Diakonie Katastrophenhilfe und konkrete Hilfsprojekte in dem vom Krieg erschütterten Land informiert.
Pfarrerin Renate Kersten leitete durch diesen Gottesdienst, der die Sommeraktion von Diakonie Katastrophenhilfe und Caritas international aufgriff: „Die größte Katastrophe ist das Vergessen“. Der Posaunenchor der evangelisch-lutherischen Gemeinde begleitete den Gottesdienst musikalisch.
Prädikantin Sigrun Neuwerth und Landespfarrer Dieter Bökemeier erläuterten nach Angaben der Landeskirche, warum der Sudan als „vergessene Katastrophe“ gilt: Gerade lang andauernde Kriege, wiederkehrende Naturkatastrophen oder die Folgen des Klimawandels würden häufig kaum noch wahrgenommen. Für die betroffenen Menschen habe dieses Vergessen gravierende Folgen, weil internationale Unterstützung und politische Anstrengungen oft ausblieben.
Heikle Zustände vor Ort
„Seit drei Jahren leidet das Land, das fünfmal so groß ist wie Deutschland, unter einem erbitterten Bürgerkrieg“, heißt es weiter. Die Hauptstadt Khartum sei 2019 weitgehend zerstört worden. Millionen Menschen seien auf der Flucht, viele Regionen kämpften mit Hunger, zerstörter Infrastruktur und mangelnder Versorgung mit Trinkwasser und medizinischer Hilfe. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen benötigten aktuell mehr als acht Millionen Menschen dringend Nahrungsmittel. Das Leben von 800.000 Kindern sei akut durch Hunger bedroht.
Europa trägt laut Bökemeier eine Mitverantwortung für diesen Konflikt: Zum einen seien da die willkürlichen Grenzziehungen der Briten zu nennen, die bis 1953 Kolonialmacht waren. Zum anderen rüstete die EU 2014 im Interesse der Flüchtlingsabwehr die sudanesischen Grenztruppen mit Waffen aus. Diese Waffen würden unter anderem im jetzigen Konflikt benutzt.
Sabine Hartmann, Referentin für ökumenisches Lernen, erläuterte zusammen mit Renate Kersten die Arbeitsweise der Diakonie Katastrophenhilfe, die 1954 als Hilfswerk der Evangelischen Kirche gegründet wurde.
Diakonie unterstützt vor Ort
Die Hilfe im eigenen Land entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zur weltweiten humanitären Nothilfe. Die Arbeit fußt auf drei Säulen: akute Nothilfe, Wiederaufbau und Vorsorge gegen künftige Katastrophen. Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen sollen Hilfen möglichst schnell und bedarfsgerecht bei den Betroffenen ankommen.
Auch im Sudan setzt die Diakonie Katastrophenhilfe auf die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern: Seit 2024 unterstützt sie das sudanesische Netzwerk „Emergency Response Rooms“. Mehr als 200 Nachbarschaftskomitees organisieren Suppenküchen, versorgen Menschen mit Trinkwasser, richten Notunterkünfte ein und helfen Familien, die von Hunger oder Gewalt bedroht sind. Sie kümmern sich darum, dass Kinder Unterricht erhalten und Schwangere medizinisch versorgt werden. Für dieses außergewöhnliche zivilgesellschaftliche Engagement wurde das Netzwerk 2025 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.
Pfarrerin Renate Kersten betonte laut Mitteilung in ihrer Predigt, dass es ein urbiblisches Prinzip sei, an eigene Katastrophen zu erinnern. „Denk dran, dass du Sklave in Ägypten gewesen bist“. Jede Familienhistorie enthalte Fluchtgeschichten und ein individuelles „Ägypten“. Der Unterschied sei, dass einige es vergessen, während andere sich daran erinnern und solidarisch handeln.
Mit der Sommeraktion „Die größte Katastrophe ist das Vergessen“ wollen die Diakonie Katastrophenhilfe und Caritas international auf kaum beachtete Krisen aufmerksam machen.