Menschen wehen sahrauische Fahnen

Demonstration für die Unabhängigkeit der Westsahara 2023 in Madrid.

(Bild: OSCAR GONZALEZ FUENTES (cropped), shutterstock)

Marokko baut in der Westsahara einen Tiefwasserhafen. Das Projekt ist völkerrechtlich umstritten. Kritiker werfen Rabat die Ausbeutung der Region vor.

Etwa 40 Kilometer nördlich der Stadt Dakhla entsteht derzeit einer der größten Häfen Afrikas. Das Projekt umfasst einen Tiefwasserhafen mit drei großen Becken und einer Industriezone von 1.650 Hektar.

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Laut marokko.com ist die Vision Rabats, den abgelegenen Ort als maritime Drehscheibe zwischen Afrika, Europa und Amerika zu etablieren. Nach Angaben des marokkanischen Ministeriums für Ausrüstung und Wasserwirtschaft soll der Hafen nach seiner Fertigstellung über 35 Millionen Tonnen Fracht pro Jahr umschlagen können.

Das Projekt wird von zwei marokkanischen Bauunternehmen realisiert, und die Investitionssumme auf mehrere Milliarden Euro beziffert. Bis 2028 soll der Bau abgeschlossen sein, die ersten Anlagen 2029 in Betrieb gehen.

Dakhla Atlantique: Die drei Becken des Mega-Projekts

Der Hafen besteht aus drei funktional getrennten Bereichen. Ein Becken für den kommerziellen Verkehr, das zweite für die Fischerei und das dritte Becken soll Schiffsreparaturen vorbehalten bleiben. Derzeit liegt der Baufortschritt nach offiziellen Angaben zwischen 30 und 40 Prozent.

Rundherum soll ein Logistik- und Industriegebiet entstehen. Rabat verspricht sich davon die Schaffung tausender Arbeitsplätze sowie die Ansiedlung von Unternehmen aus den Bereichen Fischerei, Landwirtschaft, Bergbau und Energie mitten in der Wüste. 2014 lebten rund 100.000 Menschen in Dakhla.

Wasserstoff für Europa? Der grüne Energie-Plan in der Wüste

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Zudem soll ein 40-Megawatt-Windpark einen erheblichen Teil des Energiebedarfs der neuen Anlagen decken. Zusätzlich sind Solaranlagen vorgesehen. Denn die Region um Dakhla verfügt über hohes Wind- und Solarpotenzial.

Marokko will dort denn auch großflächige Anlagen zur Produktion von grünem Wasserstoff errichten. Der neue Hafen soll schließlich auch als Exportplattform für diesen Energieträger nach Europa und zu anderen Märkten dienen.

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„Hoheitsgebiet ohne Selbstregierung“

Der Hafen wird jedoch in der Westsahara gebaut, einem Gebiet, dessen völkerrechtlicher Status seit Jahrzehnten ungeklärt ist. Die Vereinten Nationen stufen die Region als „Hoheitsgebiet ohne Selbstregierung“ ein.

Die Westsahara ist reich an natürlichen Ressourcen. Die Region verfügt über eines der größten Phosphatvorkommen der Welt. Vor der Küste werden große Erdölvorkommen vermutet. Der Fischreichtum an der Atlantikküste ist enorm.

Kritiker werfen Marokko vor, die Sahrauis von den wirtschaftlichen Erträgen auszuschließen. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International kritisieren zudem, dass marokkanische Behörden rigoros auch gegen Gruppen und Personen vorgehen, die Selbstbestimmung mit friedlichen Mitteln fordern.

Extraktionswirtschaft

Der neue Hafen ist sicher geeignet, die Ressourcen in der Region weit effektiver auszubeuten, als bisher. Und das ist ja wohl auch der Plan. Denn eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung der Region muss eine Chimäre bleiben.

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Das Hinterland ist praktisch menschenleer und mehr als eine wirtschaftliche Exklave kann aus diesem Projekt nicht hervorgehen. Ob diese sich dauerhaft selbst finanzieren kann, wird sich erst noch erweisen müssen.

Bestenfalls könnte Dakhla zu so etwas wie dem 400 km südlich gelegenen Nouadhibou mutieren. Nouadhibou hat 170.000 Einwohner, ist der größte Hafen des benachbarten Mauretaniens und Zielpunkt des berühmt gewordenen Eisenerzzuges.

Die Sahrauis verlieren an Boden

Rabat betrachtet die Westsahara als Teil seines Territoriums. Einen großen Fortschritt auf dem Weg zur Einverleibung der Westsahara erzielte Marokko 2020: Während Präsident Donald Trump erster Amtszeit erkannten die USA Marokkos Souveränitätsanspruch über die Westsahara an.

Im Gegenzug trat Marokko den Abraham-Abkommen bei. Heute arbeiten Marokko und Israel auch militärisch zusammen.

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Seit 2020 ist die Zahl der Länder, die die „Demokratische Arabische Republik Sahara“ anerkennen, deutlich gesunken: von 84 im Jahr 2021 auf 47 im Jahr 2024.

UN-Resolution 2797: Der internationale Kurswechsel zugunsten Rabats

2022 sprach sich Spanien für den von Marokko vorgeschlagenen Autonomieplan aus, der die Westsahara als autonome Region unter marokkanischer Souveränität vorsieht; 2023 erkannte Israel die Westsahara als Teil Marokkos an. 2024 folgte Frankreich, 2025 Großbritannien. Berlin und Brüssel haben diesen Schritt bisher nicht vollzogen.

Ende Oktober 2025 unterstützte der UN-Sicherheitsrat in der Resolution 2797 Marokkos Autonomieplan als Verhandlungsbasis. Algerien blieb der Abstimmung fern und kritisierte, die Resolution beachte das völkerrechtlich verbriefte Recht auf Selbstbestimmung der Sahrauis nicht ausreichend. China, Russland und Pakistan enthielten sich.

Jahrzehntelanger Konflikt

Die Befreiungsfront Polisario, 1973 gegründet, kämpft seitdem für die Unabhängigkeit der Westsahara. Sie rief 1976 die „Demokratische Arabische Republik Sahara“ aus und führte jahrelang Krieg gegen Marokko.

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1991 wurde ein Waffenstillstand geschlossen, der bis heute von der UN-Mission MINURSO überwacht wird, an der auch deutsche Soldaten beteiligt sind.

Das von den Vereinten Nationen gefordertes Referendum über die Zukunft des Gebiets kam nie zustande. Das marokkanische Königshaus und die Polisario konnten sich nicht über die Modalitäten einigen.

Verstreute Bevölkerung

Heute leben nach Schätzungen der Vereinten Nationen etwa 597.000 Menschen in der Westsahara. Nur noch etwa 105.000 Sahrauis leben in dem von Marokko kontrollierten Gebiet. Die ursprüngliche Bevölkerung wurde zur Minderheit im eigenen Land.

Zwischen 165.000 und 200.000 Sahrauis leben in fünf Flüchtlingslagern in Algerien, nahe der Grenze zur Westsahara. Die Lager befinden sich in der Wüste, Landwirtschaft ist dort praktisch unmöglich. Die Menschen sind in großem Maß auf internationale Hilfe angewiesen.

Weitere etwa 50.000 Sahrauis sind in andere Länder geflohen, insbesondere nach Europa. Die Polisario kontrolliert eine „Freie Zone“ im Osten und Süden der Westsahara, in der etwa 50.000 Menschen leben. Marokko hat entlang der Waffenstillstandslinie eine befestigte und verminte Grenzanlage errichtet, die das Gebiet teilt.