Der nigerianische Milliardär und Wirtschaftsmagnat Aliko Dangote bestätigte den endgültigen Standort seiner neuen Ölraffinerie: die Insel Lamu vor der kenianischen Küste.

Die Anlage soll mit einer geplanten Produktionskapazität von 700.000 Barrel pro Tag nicht nur Kenia, sondern die gesamte Region verändern. Nach der Inbetriebnahme soll die Anlage zur zweitgrößten Raffinerie Afrikas werden.

„Die Menschen vor Ort finden es wunderbar, dass diese Investition nach Kenia fließt; allein schon wegen des Potenzials für die Schaffung von Arbeitsplätzen, nicht nur für die lokale kenianische Wirtschaft, sondern auch für die gesamte Region“, sagte Oge Onubogu, Direktorin des Center for Strategic and International Studies in Washington. „Es ist ein riesiges Projekt, aber eines, das auf dem Kontinent und in der Region Ostafrika in vielerlei Hinsicht dringend benötigt wird.“

Bis zu 700 Jahre alt sind die einzigartigen Swahili-Häuser aus Korallenstein und Mangrovenholz in der Altstadt von Lamu - eine Raffinerie in der Nachbarschaft könnte auch den UNESCO-Welterbestatus berühren<span class="copyright">Sergi Reboredo/picture alliance</span>

Bis zu 700 Jahre alt sind die einzigartigen Swahili-Häuser aus Korallenstein und Mangrovenholz in der Altstadt von Lamu – eine Raffinerie in der Nachbarschaft könnte auch den UNESCO-Welterbestatus berührenSergi Reboredo/picture alliance

Dangote Industries Limited hat die voraussichtlichen Kosten dieses ambitionierten Vorhabens noch nicht bekanntgegeben. Laut Berichten der Nachrichtenagentur Bloomberg könnte der Bau der geplanten Raffinerie jedoch Kosten von bis zu 17 Milliarden US-Dollar (14,7 Milliarden Euro) verursachen, was sie zu einem der bislang größten privat finanzierten Industrieprojekte in der Region machen würde. Doch was springt für Dangote dabei heraus?

Verhandlungen noch im Gange

„Es gab bisher keine Erklärungen der kenianischen Regierung dazu, welche konkreten Garantien gewährt werden sollen. Aber da wir die zahlreichen Treffen zwischen dem kenianischen Präsidenten William Ruto und Dangote mitverfolgt haben, wissen wir, dass sicherlich noch Verhandlungen im Gange sind“, sagte Leo Kemboi, Wirtschaftswissenschaftler am Institute of Economic Affairs Kenya gegenüber DW.

Dangote Industries beabsichtigt laut der Nachrichtenagentur Reuters, das Projekt durch eine Mischung aus Rücklagen sowie Erlösen aus dem geplanten Börsengang (IPO) von Dangote Petroleum Refinery zu finanzieren.

Die nigerianische Wertpapier- und Börsenaufsichtsbehörde erklärte jedoch, sie habe weder einen Antrag auf einen Börsengang erhalten noch genehmigt. Medienberichten zufolge erklärte Dangote, jedes Raffinerieprojekt in Ostafrika erfordere Antidumping-Maßnahmen, damit billigere importierte Kraftstoffe die lokalen Raffineriebetriebe nicht unterbieten würden.

Kemboi befürchtet: „Wenn Dangote zu viele steuerliche Anreize gewährt werden, wird das für keinen Kenianer akzeptabel sein – so wie es bereits bei vielen anderen Investitionen der Fall war.“

„Das ist typisch für Kenia. Wir lehnten uns auf oder rebellieren, wenn die Menschen das Gefühl haben, dass man entweder betrügt oder den Markt monopolisiert – alles, was in Kenia verdächtig erscheint, ist etwas, das am Ende immer scheitern wird“, betonte er.

Tansania und Kenia konkurrierten monatelang um das Raffinerieprojekt, bevor sich Investor Aliko Dangote für die Insel Lamu entschied<span class="copyright">Christophe Petit Tesson/picture alliance/dpa</span>

Tansania und Kenia konkurrierten monatelang um das Raffinerieprojekt, bevor sich Investor Aliko Dangote für die Insel Lamu entschiedChristophe Petit Tesson/picture alliance/dpa

Fossile Brennstoffe versus grüne Energie

Unterdessen sind die geotechnischen Untersuchungen auf der Insel Lamu trotz solcher Vorbehalte bereits in vollem Gange. Medienberichten zufolge haben laut Reuters auch die Ingenieurs- und Planungsarbeiten begonnen. Die Bauzeit ist auf drei bis fünf Jahre angesetzt.

Allerdings gibt es Bedenken hinsichtlich der Auswirkungen, die das Großprojekt auf die als UNESCO-Weltkulturerbestätte anerkannte Altstadt von Lamu haben wird. Die Abwägung der potenziellen ökologischen Auswirkungen der Raffinerie mit den Umweltbelangen scheint ein Drahtseilakt zu sein, den die Behörden in den kommenden Jahren meistern müssen.

Kemboi ist jedoch der Ansicht, dass Kenia auf dem besten Weg ist, umweltfreundlichere und nachhaltigere Technologien einzuführen. Er betont, dass erneuerbare Energien tatsächlich an Bedeutung gewinnen, und hebt hervor: „Wenn man sich den Energiemix Kenias ansieht, entfallen 35 Prozent auf Strom, und über 90 Prozent dieses Stroms sind grüne Energie – der Großteil davon wird aus geothermischen oder Wasserkraft-Ressourcen erzeugt.“

Onubogu zeigt sich unterdessen zurückhaltender: „Während sie die verschiedenen Machbarkeitsstudien durchführen und daran arbeiten, diese Raffinerie in Betrieb zu nehmen, hoffe ich, dass diese Überlegungen in ihre Gespräche einfließen werden. Basierend auf den Erfahrungen, die anderswo auf dem Kontinent gesammelt wurden.“

„In Nigeria, im Nigerdelta, haben jahrelange Explorationsarbeiten zu Umweltschäden geführt. Ich denke, es wird noch einige Zeit dauern, bis wir einen vollständigen Wandel von fossilen Brennstoffen hin zu anderen Energieformen erleben werden“, sagte sie.

Lieferketten für den afrikanischen Bedarf

„Natürlich gibt es Menschen, die Bedenken hinsichtlich der Umwelt haben, aber aus wirtschaftlicher Sicht – angesichts der Größe des ostafrikanischen Ölmarktes – ist es eine gute Sache für die Wirtschaft der EAC (Ostafrikanische Gemeinschaft)“, sagt Kemboi. Er ist der Ansicht, Kenia habe zumindest vorerst vor allem die praktischen Aspekte der eingehenden Investitionen im Blick.

Es steht jedoch mehr auf dem Spiel als nur die Vorteile für Kenia und seine Nachbarn: Nach ihrer Fertigstellung soll die Raffinerie raffinierte Erdölprodukte nicht nur nach Kenia, sondern weit über die Region hinaus liefern und so dazu beitragen, die Abhängigkeit Ostafrikas von importierten Brennstoffen inmitten sich verschärfender geopolitischer Spannungen zu verringern.

Laut Onubogu ist es höchste Zeit, dass „afrikanische Regierungen konstruktiv und proaktiv darüber nachdenken, wie sie sich vor solchen Schocks schützen können, die auch in Zukunft durchaus noch auftreten könnten.“

„Viele afrikanische Länder – eigentlich der gesamte Kontinent – haben erkannt, dass Ereignisse auf globaler Ebene auch Auswirkungen auf den Kontinent haben, wie zum Beispiel der Krieg mit dem Iran und die Sperrung der Straße von Hormus sowie die damit verbundenen Folgen für die Ölpreise“, erklärte Onubogu gegenüber der DW.

Ist die Ankündigung der Raffinerie auf Lamu im Grunde genommen der sanfte Startschuss für Präsident Rutos Wahlkampf zur Wiederwahl im Jahr 2027?<span class="copyright">Thomas Mukoya/REUTERS</span>

Ist die Ankündigung der Raffinerie auf Lamu im Grunde genommen der sanfte Startschuss für Präsident Rutos Wahlkampf zur Wiederwahl im Jahr 2027?Thomas Mukoya/REUTERS

Die Rolle von Rutos Wiederwahlkampagne

Das Projekt ist möglicherweise auch für Präsident William Ruto von persönlicher Bedeutung, dessen Wiederwahlkampagne im nächsten Jahr voraussichtlich darauf ausgerichtet sein wird, was er zur Verbesserung der Wirtschaft des ostafrikanischen Landes beitragen kann – nach mehreren Jahren der Unzufriedenheit, insbesondere unter Kenias Jugend, aufgrund fehlender Beschäftigungsmöglichkeiten.

Laut Kemboi könnte hinter dem Projekt sogar eine gewisse politische Absicht stecken; denn dies sei eine „erhebliche Investition, die die Küstenbezirke [in der Region] verändern würde, die im Wahlkampf im nächsten Jahr als Swing-Bezirke gelten würden“.

Onubogu ist jedoch der Meinung, dass man noch nicht beurteilen könne, ob die Raffinerie die Haltung der Menschen beeinflussen wird. „Rutos Beliebtheit ist nicht unbedingt noch so groß wie vor einigen Jahren, als er zum ersten Mal kandidierte. Seine Anhänger lieben ihn. Aber diejenigen, die einige der von ihm umgesetzten politischen Maßnahmen nicht unterstützen, lehnen ihn vehement ab“, sagte sie.

Für Onubogu wird das Vorhaben jedoch in erster Linie „als Erfolg angesehen“ – nicht nur für Kenia, sondern für die gesamte Region, und zwar nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht: „Es ist wunderbar zu sehen, dass auf dem Kontinent von Afrikanern geleitete Investitionen getätigt werden, die zudem zukunftsweisend sind. Da sie nicht nur Arbeitsplätze schaffen, sondern auch die regionale Integration fördern könnten.“