Berlin – Zwölf Tage Ägypten-Urlaub mit der Familie. Sie hatten zusammengelegt für diesen Traum. Ein Speedbootausflug zu den Delfinen soll das Highlight der Reise werden. Er wird zum Albtraum und am Ende treibt Jeannine J. (48) im Wasser, fast tot.

„Stücke von meinem Bein schwimmen da immer noch im Roten Meer. Natürlich bin ich froh, das überlebt zu haben. Doch mir geht es schlecht. Die Bilder in meinem Kopf gehen nicht weg. Sie sind rot. Wie mein Blut.“

Jeannine J. liegt im Unfallkrankenhaus Berlin in Marzahn (UKB). Ihr Bruder Michel (39) und ihre Tochter Luisa (23) sitzen an ihrem Bett. Zu dritt rekonstruieren sie wieder und wieder den 24. Juli. Und es wird klar, dass es jetzt eine neue Zeitrechnung in ihrem Leben gibt. Luisa: „Vor und nach Mamas schrecklichem Unfall.“

Sekunden nach dem Unfall im Roten Meer. Retter ziehen die lebensgefährlich verletzte Jeannine J. aus dem Wasser

Sekunden nach dem Unfall im Roten Meer. Retter ziehen die lebensgefährlich verletzte Jeannine J. aus dem Wasser

Foto: Privat

Jeannine, Mutter von fünf Kindern, Köchin in einer Kita, lebt in Pankow. Ihre Erinnerungen an die vergangenen Tage sind bruchstückhaft. „Nach dem Frühstück ging es vom Hotel los. Mit Speedbooten fuhren wir und andere Touristen weit raus aufs Meer und tatsächlich sahen wir Delfine im Wasser springen.“

In guter Stimmung startet danach der zweite Teil der Tour – Schnorcheln. Über eine Leiter am Bootsheck steigen die Touristen ins Wasser. Die Kapitäne binden die Boote längsseits aneinander fest. „Meine Tauchermaske beschlug. Ich schwamm zum Boot zurück, wollte mich an der Leiter festhalten.“

Die Ärzte fotografierten die Beinwunden. B.Z. zeigt die Aufnahmen mit Einwilligung der Patientin und Familie. Da der Anblick des zerfetzten Beins verstörend sein könnte, hat B.Z. es unkenntlich gemacht. Rechts die tiefe Schnittwunde im rechten Bein

Die Ärzte fotografierten die Beinwunden. B.Z. zeigt die Aufnahmen mit Einwilligung der Patientin und Familie. Da der Anblick des zerfetzten Beins verstörend sein könnte, hat B.Z. es unkenntlich gemacht. Rechts die tiefe Schnittwunde im rechten Bein

Foto: Privat

Plötzlich startet einer der Guides den Motor. Binnen Sekunden zieht der Sog Jeannines Bein an, zerschreddert Haut, Muskeln, Knochen. Die Kraft der Schiffsschraube zieht die Frau immer weiter zu sich, verletzt auch das zweite Bein.

Das abgerissene Bein trieb an der Oberfläche

„Ich rief: ,Stopp! Stopp! Stopp!’“, sagt Michel, der alles mitansehen muss. „Das Bein meiner Schwester trieb an der Wasseroberfläche. Ich brüllte weiter: ,Hilf ihr! Zieh sie aus dem Wasser’, doch der Guide flüchtete ans andere Ende des Bootes und weinte. Zum Glück halfen andere Männer. Noch nie habe ich einen Menschen so laut schreien hören, wie in dem Moment meine Schwester.“

Jeannines linker Oberschenkel ist oberhalb des Knies abgerissen, hängt nur noch an einem Hautfetzen. Michel schnappt sich ein Seil und bindet den offenen Schenkel ab. Dann wickelt er sämtliche Handtücher, die er finden kann, um die Wunde. Damit rettet er seiner Schwester das Leben.

Die ersten Röntgenaufnahmen von Jeannines linken Bein, nachdem es von der Schiffsschraube zerfetzt wurde

Die ersten Röntgenaufnahmen von Jeannines linkem Bein, nachdem es von der Schiffsschraube zerfetzt wurde

Foto: Privat

Im Boot rasen sie zurück zum Strand. In der Klinik in Hurghada wartet schon ein OP-Team. Acht Stunden operieren sie die Berlinerin. Trotz vieler Konserven verliert sie in der Zeit zehn Liter Blut. Ärzte, Schwestern, die Bootscrew – jeder der kann, spendet Blut für Jeannine. Nur knapp überlebt sie die Operation, wacht mit beiden Beinen auf.

Nach der zweiten OP wird sie nach Berlin geflogen

Erst am nächsten Tag wird klar: Das angenähte Bein ist nicht durchblutet, es muss amputiert werden. Jeannine: „Zu viele Knochenteile waren im Meer verschwunden. Es war nicht mehr zu retten.“ Nach einer zweiten OP wird sie nach Berlin ausgeflogen. Die Chirurgen im UKB haben noch nicht endgültig entschieden, ob eine dritte Operation notwendig ist.

Tochter Luisa hat eine Spendenkampagne für ihre Mama ins Leben gerufen. Das Foto wurde in der Klinik in Ägypten aufgenommen

Tochter Luisa hat eine Spendenkampagne für ihre Mama ins Leben gerufen. Das Foto wurde in der Klinik in Ägypten aufgenommen

Foto: Privat

Die Familie steht immer noch unter Schock. Besonders Jeannines jüngste Tochter (12) leidet, denn auch sie hat alles mitansehen müssen. „Ich bin noch mit Medikamenten und Schmerzmitteln vollgepumpt. Doch wir alle brauchen psychologische Unterstützung, um mit allem klarzukommen.“

Rehabilitation, Hilfsmittel, Medikamente, später Fahrten zu Ärzten und Therapien. Außerdem Anwalt, Dolmetscher – die Kosten, die jetzt auf die Familie zukommen, sind immens. Darum hat Luisa eine Spendenkampagne bei gofundme initiiert. „Bitte helft meiner Mama! Wer sie kennt, weiß, dass sie immer für andere da war und nie gezögert hat zu helfen. Jetzt braucht sie Unterstützung“, sagt Luisa.

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