Die akute Ernährungsunsicherheit in Äthiopien ist eine Nachwirkung des zweijährigen Krieges in der Region Tigray. Mehr als zehn Millionen Menschen sind betroffen.
Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (Neos) besucht heute Addis Abeba im Zuge des „EU-Ethiopia Business Forum“. Trotz Reform-Versprechen der Regierung prägte eine jahrelange Hungersnot den Norden des Landes. Eine Folge des Tigray-Krieges, für die es bis heute keine Gerechtigkeit gibt.
Mehr als zehn Millionen Menschen sind nach Angaben des UNO World Food Programme (Stand 2025) im Norden Äthiopiens aktuell von „schwerer Ernährungsunsicherheit“ betroffen. Die Lage ist seit Jahren ernst. Unternommen werde allerdings wenig, von Seiten der Regierung würden die Zustände nicht als Krise anerkannt, so berichtet es Al Jazeera. Im Jahr 2024 soll Premier Abiy Ahmed noch im Rahmen einer Parlamentssitzung beteuert haben, niemand im Land würde an Hunger sterben.
Im selben Jahr erhielt Ahmed einen Preis von der UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) für sein Engagement im Bereich Ernährungssicherheit. „Das hat mich schockiert“, erklärt Rebecca Bakos Blumenthal, Leiterin für Hungersnöte und humanitäre Krisen bei Global Rights Compliance im Gespräch mit der APA. Laut der Menschenrechtlerin sei die akute Ernährungsunsicherheit eine Nachwirkung des zweijährigen Krieges in der Region Tigray. Dieser hatte sich zwischen der Zentralregierung und der Tigray People’s Liberation Front abgespielt und endete erst 2022 durch ein Friedensabkommen. Der Tigray-Konflikt löste eine Hungersnot im Land aus, von der sich die Region bis heute nicht erholt hat.
Einer Untersuchung der Menschenrechtsorganisation zufolge, soll diese Nahrungsknappheit bewusst herbeigeführt worden sein. Der Einsatz von Hunger als Kriegsmittel sei laut der Juristin das bewusste Vorenthalten von Unentbehrlichem fürs Überleben, wie Wasser und Lebensmitteln. Dazu zähle jedes Verhalten, das den Zugang der Zivilbevölkerung zu diesen einschränkt und könne auch die Behinderung humanitärer Hilfe beinhalten.
Im 2022 veröffentlichten Bericht von Global Rights Compliance wird der Einsatz von solchen Aushungerungstaktiken als „ein Kennzeichen des Konflikts“ in Tigray bezeichnet. Langfristige Folgen davon sind: verbrannte Erde und brutale Angriffe auf Einrichtungen, die für das Überleben der Zivilbevölkerung unverzichtbar sind, wie Bauernhöfe, landwirtschaftliche Ressourcen, Wasserversorgung, Bewässerungsanlagen, Getreidelager und Einrichtungen zur Nahrungsmittelproduktion. Zerstört und geplündert sollen dabei auch humanitäre Hilfseinrichtungen geworden sein. Aushungertaktiken seien dem Bericht nach auf beiden Seiten des Konflikts angewendet worden, in einer Vielzahl der darin adressierten Fälle wird jedoch die Zentralregierung als verantwortlich gesehen.
Konsequenzen für diese Kriegshandlungen habe es laut Bakos Blumenthal seither keine gegeben: „Mit dem Friedensabkommen, das damals vorlag, gab es weder Gerechtigkeit noch Rechenschaft für die Taten.“ Hunger als Kriegswaffe in internationalen und nationalen Konflikten wird als Teil des Römischen Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs als Kriegsverbrechen anerkannt. Da Äthiopien keine Vertragspartei des Internationalen Strafgerichtshofs ist, hat dieser jedoch keine Gerichtsbarkeit über auf äthiopischem Territorium begangene Verbrechen. Im Land selbst gebe es Bakos Blumenthal zufolge weder die Kapazitäten noch den politischen Willen die Täter von Verbrechen, die während des Konflikts in Tigray und den benachbarten Regionen begangen wurden, zur Rechenschaft zu ziehen.
Eine strafrechtliche Verfolgung solcher Fälle in Drittstaaten könne dazu beitragen, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen und Opfern zu helfen. „Damit ein Land wieder aufgebaut werden kann, muss es Wiedergutmachung für die Opfer geben“, erklärt die Menschenrechtlerin. Führt aber aus: „Das muss nicht unbedingt in Form von Strafverfolgung geschehen. Auch Entschädigungen können viel bewirken.“ Diplomatische Besuche von Politikerinnen und Politikern aus dem Ausland – wie der österreichischen Außenministerin Beate Meinl-Reisinger – können jedenfalls Aufmerksamkeit auf die aktuelle Situation lenken. Laut Bakos Blumenthal muss die Berichterstattung dabei auch vergessene Zusammenhänge in den Blick rücken. (APA)
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