Ein junger Student aus Äquatorialguinea reiste mit dem Ziel nach Russland, eine Ausbildung zum Leibwächter zu absolvieren. Kurz darauf befand er sich jedoch unerwartet an der Front im Krieg gegen die Ukraine. Seine Erzählungen geben Einblick in die mutmaßlich systematische Anwerbung ahnungsloser Afrikaner für die russischen Streitkräfte.

Daniel Angel Masie Nchama bemerkte, dass er an der Front war, „als eine Rakete unser Fahrzeug traf“. Der 22-Jährige wurde Ende 2025 zwangsverpflichtet, um die russischen Truppen zu unterstützen, und kämpfte fast zwei Monate lang als einer von Hunderten Afrikanern in der Ukraine. Zurück im einfachen Elternhaus in Malabo berichtet der ehemalige Informatikstudent von der klirrenden Kälte, dem Hunger, der Angst und seiner Flucht aus Russland.

Auf der Suche nach einem besseren Leben im Ausland ließ er sich unwissentlich von einem Kameruner namens „Fabrice“ überzeugen, nach Russland zu reisen, erzählt Nchama. Im Dezember 2025 startete er in dem Glauben, dort eine militärische Schulung zu erhalten, um später als Leibwächter zu arbeiten.

Bei seiner Ankunft wurden ihm und anderen afrikanischen Bewerbern Dokumente auf Russisch vorgelegt, die sie unterschreiben sollten, beschreibt der junge Mann. Als er versuchte, die Inhalte mit seinem Handy zu übersetzen, legte ein russischer Soldat demonstrativ seine Waffe auf den Tisch. „Das war eine Drohgebärde. Wir mussten unterschreiben“, berichtet der 22-Jährige. Danach wurden ihnen die Pässe abgenommen und nicht zurückgegeben.

Nach lediglich zwei Wochen einer „rudimentären Ausbildung“ anstelle der versprochenen acht Monate wurde die Gruppe in die Ukraine verlegt. Neben ihm befanden sich Kolumbianer und zahlreiche Afrikaner dort, darunter ein weiterer Äquatorialguineer sowie Männer aus Kamerun, Nigeria und Libyen, erzählt Nchama.

Afrikaner als Zielgruppe

Die ukrainischen Behörden gehen davon aus, dass bisher rund 1800 Afrikaner von russischen Truppen zwangsverpflichtet wurden. Mitte Februar veröffentlichte das Investigativ-Kollektiv All Eyes on Wagner die Namen von 1417 Afrikanern, die zwischen Januar 2023 und September 2025 für den Krieg in der Ukraine rekrutiert wurden. Über 300 von ihnen sind demnach bereits gefallen. Die Mehrheit stammt aus Ägypten, Kamerun und Ghana.

Nchama berichtet mit belegter Stimme, dass ihm erst bewusst wurde, an der Front zu sein, als eine Rakete ihr Fahrzeug traf und zwei seiner Kameraden getötet wurden. Anfangs war er einer Einheit mit 424 Soldaten in Donezk im Osten der Ukraine zugeteilt. Innerhalb von zwei Wochen seien alle anderen gefallen – Nchama ist nach eigenen Angaben der einzige Überlebende dieser Einheit.

Später wurde er einem anderen Bataillon in Wolnowacha in der Region Donezk zugewiesen, das er einen Monat und neun Tage lang anführte. „Unser Auftrag war, sechs ukrainische Dörfer einzunehmen“, schildert Nchama. „Von 566 Rekruten überlebten am Ende nur drei von uns.“

Student berichtet von extremen Bedingungen

Die Bedingungen seien nach Nchamas Darstellung äußerst hart gewesen, geprägt von Kälte und Hunger. Neun Tage lang habe seine Einheit ohne Nahrung auskommen müssen. „Wir erlegten ein Reh und aßen es roh, so verzweifelt waren wir“, erinnert er sich. Zudem hätten sie ständig unter Druck gestanden: „Wenn man eine Anweisung nicht ausführte, konnte man damit rechnen, dass jemand geschickt wurde, um einen zu töten.“

Im März kontaktierte Nchama schließlich seine Eltern, die daraufhin die Medien in seiner Heimat einschalteten. Seine Geschichte sorgte in Äquatorialguinea für großes Aufsehen, und die Regierung kündigte sofort „diplomatische Maßnahmen“ zur Freilassung an.

Nach weiteren elf Tagen an der Front, in denen es ununterbrochen Angriffe ukrainischer Drohnen gab, durfte Nchama von der Ukraine nach Russland zurückkehren. Dort boten ihm seine Vorgesetzten die russische Staatsbürgerschaft und eine Anstellung als regulärer Soldat an: „Sie versprachen mir ein Haus und ein Auto“, berichtet der 22-Jährige und zeigt drei erhaltene Orden. Um zu entkommen, erfand er eine Notlüge: „Ich sagte, ich würde das Wochenende bei einem Freund verbringen und gab mir sogar einen anderen Namen.“

Stattdessen holte ihn der Botschafter Äquatorialguineas ab und nahm ihn mit zu sich nach Hause. Nach wenigen Tagen erhielt Nchama einen Passierschein, mit dem er Russland verlassen und in seine Heimat zurückkehren konnte. Sein Vater richtet angesichts des erlebten Leids eine Warnung an andere junge Afrikaner und ihre Familien: „Diese Versprechen führen direkt in den sicheren Tod“, mahnt er eindringlich.

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