Wie konnte es zum CSD-Anschlag in Berlin kommen? Ermittler haben herausgefunden: Abdul B. versuchte zuvor, sich dem IS in Afrika anzuschließen – nur ein Weg der Radikalisierung.

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Immer wieder werden Menschen in Deutschland Opfer eines islamistischen Anschlags. Nicht selten reklamiert der Islamische Staat (IS) die Taten für sich. Erst diese Woche wurde der 25-jährige Amokfahrer Farhad N., der in München zwei Menschen tötete, zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. Wie kann es dazu kommen, dass junge Menschen, die teils Jahre in Deutschland gelebt haben, sich so radikalisieren? Zwei Experten versuchen sich an einer Erklärung.

Anschlag auf den CSD in Berlin

Die Tat war grausam: Abdul B. fuhr Ende Juli unweit der „Christopher Street Day“-Parade im Berliner Tiergarten einen Transporter in eine Menschenmenge und stach danach auf Passanten ein. Eine Frau starb. Auch der Attentäter verlor sein Leben. Die Polizei stellte ihn am Tag danach und erschoss ihn. Der Fall sorgt nicht nur für Entsetzen und Debatten, sondern wirft auch die Frage nach der Vergangenheit des Attentäters auf.

2025 hatte der 21-Jährige versucht, in den Libanon zu reisen, um sich der Terror-Miliz IS anzuschließen. Dafür kam er dort und nach seiner Rückkehr in Berlin in Haft. Kurz davor hatte er, laut Recherchen von WDR, NDR und SZ, vergeblich versucht, in Mauretanien einzureisen. Das Recherche-Team wirft in seinem Stück die Frage auf: Droht das westafrikanische Land Tummelplatz für Europas Dschihadisten zu werden?

Für Terror-Experten ist Abdul B. ein Musterfall für IS-Strategien

Terror-Experte Hans-Jakob Schindler sagt, der Fall Abdul B. sei musterhaft dafür, wie der IS Menschen rekrutiert. „Man kann fast die gesamte Situation des IS an der Person beschreiben. Er war erst online unterwegs und versuchte sich dann vor Ort anzuschließen.“ Dass er zuerst nach Mauretanien wollte, wo er Kontaktleute kannte, überrascht den Experten nicht. Keimzellen der Terrornetzwerke, wie auch bei Al-Qaida, lägen jetzt eher in Westafrika als im Nahen Osten.

„Wenn man fragt, wo die meisten Kämpfer, die meisten Anschläge sind und wo das meiste Geld ist, wo IS und Al-Qaida Gebiete kontrollieren und sich noch ausbreiten, dann ist das Subsahara-Afrika.“ Vor allem in der Sahel-Region, im Dreiländereck Mali, Niger und Burkina Faso, gedeiht der Terror. Laut Studien sterben 51 Prozent der Terroropfer weltweit in diesem Epizentrum des Dschihadismus.

B. sagte zwar den Ermittlern laut Berichten, man gehe dorthin, um „Islam zu lernen“, das sei sein Ziel gewesen. Für Schindler aber war es wohl kaum religiöse Bildung, die ihn im Mai 2025 nach Westafrika trieb. „Mauretanien wirkt als logischer erster Punkt, weil man dort als Einreiseland weiter in benachbarte Gebiete kommt – ein Sprungbrett.“ Denn Reisen in den Sahel sind oft zu gefährlich oder unmöglich. Wer sich im Kampf in den Nachbarländern beweisen wolle, reise daher zunächst nach Mauretanien.

IS-Rekrutierung in Afrika und Anschläge in der Heimat

Koranschulen und Islamzentren in abgelegenen Orten gelten für den IS als mögliche Rekrutierungsorte. Ein nach Mauretanien geflohener Berliner Prediger habe laut Berichten B. ins Land locken wollen. Bei der Einreise wurde B. jedoch gestoppt und zurückgeschickt. „Das spricht dafür, dass die Behörden Terrorbezug erkannt haben“, sagt Schindler. Aber nicht jede Afrika- oder Religionsreise sei verdächtig.

Bei der Vorgeschichte von B. sieht jedoch anders aus. Der CSD-Attentäter soll sich intensiv mit IS-Propaganda beschäftigt, Kontakte über Chats gesucht und mehrfach auszureisen versucht haben, bevor er in Berlin zuschlug. Es hänge mit geänderten Strategien zusammen, sagt Schindler. „Seit 2017 ruft der IS weniger auf, nach Syrien oder Irak zu reisen.“ Stattdessen ruft er Freiwillige nach Afrika oder zu Terror-Akten daheim auf.

Experten fordern mehr Online-Überwachung und Programme

Nach dem CSD-Attentat fand die Polizei ein Bekennervideo mit IS-Treueeid auf dem Handy von B. Schindler fordert daher mehr Überwachung im Netz. „Online sind Extremisten unter sich, deshalb braucht es mehr Gegenmaßnahmen.“ Es braucht also mehr Online-Deradikalisierungs- und Aussteigerprogramme, mehr Monitoring und genauere Analysen. Wie das aussehen könnte, weiß Deradikalisierungsexpertin Margareta Wetchy.

Am Forschungszentrum modus|zad wertet sie islamistische Inhalte auf TikTok oder YouTube aus. Radikalisierung habe viele Faktoren und verlaufe individuell, nicht nur durch diese Inhalte, sagt sie, aber „das Feld wird heterogener, Inhalte sprechen ein breites Feld an Personen an“. So gebe es auch popkulturelle Elemente, Online-Shops, Spenden-Aufrufe, viel Emotionalisierung in Bild und Wort.

KI-Imame und geheime Kanäle

Neuster Clou seien etwa durch Künstliche Intelligenz (KI) erstellte Imame, die wie Chatbots Fragen zu Religion beantworten. „Durch KI ergeben sich neue Möglichkeiten. Inhalte können leichter erstellt, auf Deutsch übersetzt und verbreitet werden. Dann müssen Akteure ihre Stimme oder ihr Gesicht nicht mehr preisgeben.“ Aber auch reale Mentoren lassen sich über das Internet finden.

Es gebe auch Einladungen zu Offline-Events oder in andere Kanäle, aber „dann fehlt uns der Blick, was dort genau passiert“, sagt Wetchy. Damit es gar nicht erst so weit kommt, Bedarf es Prävention. Ihre Organisation bietet selbst keine an, aber es gebe viele weitere Anlaufstellen.

Lokale Prävention, aber wenig Hilfe im Netz

„In Deutschland bestehen professionalisierte, oft lokale Beratungsstrukturen. Wenn Angehörige unsicher über Inhalte sind, können sie sich dorthin wenden und Unterstützung holen“, sagt Wetchy. Ufuq.de etwa biete Angebote für den Unterricht, auch das Netzwerk Violence Prevention Network (VPN) berät. Abdul B. hatte Vorgespräche beim VPN-Deradikalisierungsprogramm in Berlin.

Als Außenstehende ist es nicht immer einfach, eine Radikalisierung zu erkennen, aber es gebe Warnsignale, sagt Wetchy: „Wenn sich junge Menschen zurückziehen, von Freundschaften lösen, in Schwarz-Weiß-Denken verfallen, in Hass auf Bevölkerungsgruppen.“

Häufig werden solche Verhaltensänderungen durch Social Media ausgelöst. Insgesamt sei die Wirkung von dort gezeigten Inhalten aber wenig erforscht, da bestehe Handlungsbedarf. Den sieht auch Terror-Experte Schindler. „Die Social-Media-Industrie ist in keiner Weise proaktiv“, kritisiert er. Der Experte fordert mehr Mitarbeit der Betreiber und Meldepflicht bei Verdachtsfällen, wie in der Finanzbranche.

Terror hierzulande muss auch in Afrika bekämpft werden

Abdul B. radikalisierte sich aber nicht nur online, sondern über Kontakte und Verwandte mit Terror-Bezügen. Daher werde für Europas Sicherheit kein Weg daran vorbeiführen, sich mit Afrika zu beschäftigen. „Wenn wir Terrorismus dort bekämpfen wollen, wo er sein Hauptgebiet hat, brauchen wir eine Eindämmungs-Strategie in Nachbarländern, wenn Sahel-Staaten nicht kooperieren“, sagt Schindler.

Denn die Militärregime in Burkina Faso, Mali und Niger fordern teils den Abzug westlicher Organisationen und militärischer Einheiten. So zog sich die Bundeswehr 2023 in Mali zurück, welches es eigentlich stabilisieren und schützen sollte.

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Schindler schlägt daher eine andere Herangehensweise vor. Mehr Entwicklungs- und Klimaschutz-Hilfe könnte viele Probleme in der Region entspannen. Dazu „sollte man verhindern, dass sich Konflikte der Sahel-Region nach Norden und Süden ausbreiten“. Ansonsten könnte nicht nur Mauretanien Sammelort für Terroristen sein, sondern viele weitere afrikanische Länder.

Über die GesprächspartnerDr. Hans-Jakob Schindler ist Senior Director des Counter Extremism Project (CEP), eine internationale Nichtregierungsorganisation zur Bekämpfung extremistischer Ideologien. Schindler war Koordinator für Terrorgruppenüberwachung bei den Vereinten Nationen und diente in der deutschen Diplomatie, berät Regierungen und Unternehmen zu Terrorismus, Terrorfinanzierung, Sanktionen und Missbrauch digitaler Plattformen. Er promovierte zu Internationalem Terrorismus.Dr. Margareta Wetchy ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei modus|zad, Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung gGmbH. Modus|zad betreibt angewandte Forschung für die Extremismusprävention. Das Ziel ist es, für ein verbessertes gesellschaftliches Reaktionsvermögen gegenüber neuen Entwicklungen extremistischer Szenen und Akteure zu sorgen. Dazu analysiert modus|zad extremistische Einflussnahme in verschiedenen ideologischen Kontexten, sowohl in analogen als auch in digitalen Räumen, und bereitet die Erkenntnisse für die Praxis auf.Verwendete Quellen

Teaserbild: © picture alliance / photothek.de/Juliane Sonntag