
Bau eines Damms zum Schutz vor Überflutung
Foto: Lelia Nikro
»Da hinten, ganz weit weg, unter dem Wasser lag einmal unser Dorf«, Anna Gueye deutet mit der Hand die Entfernung an. Auch die Toten können sie nicht mehr besuchen. Der Friedhof des katholischen Dorfes liegt ebenfalls unter Wasser. Das Meer rückt hier jedes Jahr etwa einen Meter vor. Sanddünen, Reisfelder, Palmen- und Borassuswälder, Baobabs und andere Bäume sind bereits verschlungen worden.
Gnikine liegt am äußersten Zipfel der fruchtbaren Casamance, der Kornkammer Senegals; ein winziges Stück weiter südlich ist die Grenze zu Guinea-Bissau. Direkt an der Mündung des Casamance-Flusses gelegen, öffnet sich vor dem Dorf die Weite des Atlantiks. Der Fluss gibt dem Landstrich seinen Namen. Einst prägten hier dichte Mangrovenwälder die Ufer und Wasserarme seine Mündung. Der Klimawandel, der die Region mit erbarmungsloser Wucht trifft, setzt auch den Mangrovenwäldern zu. Ganze Ökosysteme gehen dadurch kaputt: Futter für die Fische geht verloren, Krustentiere wie Austern, die sich an den Wurzeln oder Stämmen der Mangroven festklammern, verschwinden. Sterben die Mangroven, fehlt ihr Wurzelsystem auch als natürlicher Schutzwall gegen das Salzwasser. »Die Küstenerosion zerstört heute alles, was wir haben. Sie zerstört unsere wirtschaftlichen Aktivitäten, unser soziales Leben und unsere Kultur. Wir sind dabei, den Ort zu verlieren, an dem wir leben«, beklagt Aissatou Ketou von der Organisation CEAS – Senegal (Centre Ecologique Albert Schweitzer).
In der küstennahen Unteren Casamance unterstützt CEAS Frauen in Dörfern wie Diogue, Couba und Mantate dabei, alternative und nachhaltige Einkommensquellen zu erschließen. Durch die Erosion der Küste und die Versalzung verlieren insbesondere die Frauen ihre Einkommensquellen. »Sie sind diejenigen, die die Austern ernten und den Fisch trocknen und einlegen, die das Holz sammeln und Wasser holen. Doch heute sind gerade diese grundlegenden Ressourcen vom Klimawandel betroffen«, berichtet Aissatou. Senegal gehört zu den Ländern, die nur wenig zur Klimakrise beigetragen haben, von deren Folgen jedoch besonders betroffen sind. Zudem bedroht die Überfischung die Lebensgrundlagen der Menschen. Insbesondere europäische und asiatische Fangflotten haben zum Rückgang der Fischbestände vor der westafrikanischen Küste beigetragen.
Dämme gegen das Meerwasser
Auf dem Wasser fahren die buntbemalten Pirogen, wie die Boote in der Region genannt werden. Die Frauen von Gnikine wünschen sich ein solches Boot, es würde ihnen erlauben, ihre Waren auf dem nahegelegenen Markt in Djembering zu verkaufen. Da der Fischfang und die Fischverarbeitung immer weniger abwerfen, suchen sich die Frauen alternative Einkommensquellen. Auch der in der Region traditionelle Reisanbau ist durch die Versalzung des Bodens kaum noch möglich. Durch den gestiegenen Meeresspiegel drückt das Meereswasser in den Fluss und über die Felder. Gleichzeitig nehmen die Regenmengen ab. Die Gegend ist gezeichnet durch Salzpfannen, verdorrende weiß gezeichnete Felder.

Bei einer Demonstration des Club Changement Climatique Du Senegal
Foto: Lelia Nikro
Als wir im Dorf zum Essen eingeladen sind, packen sie einen 50 Kilogramm-Reissack aus: importiert aus Pakistan. Auf dem Markt kostet der 15 000 CFA-Francs (etwa 23 Euro) und ist etwas günstiger als lokaler Reis. Der reicht gerade noch so für den eigenen Bedarf. Der Anbau und die Pflege der Reisfelder sind Orte der Begegnung, des gegenseitigen Unterstützens und der Weitergabe von Wissen von Generation zu Generation. »Der Reisanbau ist mehr als eine Form der Subsistenzwirtschaft – er ist eine kulturelle Praxis. Und genau das verschärft die Situation zusätzlich. Denn dieser Reisanbau in den tiefer gelegenen Gebieten hinter den Meeresarmen, hinter den Mangroven, macht hier das Leben aus«, erklärt mir Aissatou von CEAS.
Einen »Piroquier« – einen Bootsführer – nach Dejembering und zurück zu mieten, kostet Anna umgerechnet etwa 60 Euro. Das kann sie sich nur leisten, wenn sie den Preis mit anderen Frauen teilt. Dazu müssen sie ihre Waren zusammenlegen und können keine leicht verderblichen Waren auf den Markt bringen, die eine Wartezeit nicht überdauern würden. Und oft kommen die Pflanzen aufgrund von Versalzung und Trockenheit schon rotbraun aus der Erde. Daher sind es hauptsächlich Zwiebeln, die sie zusammenlegen. Und selbst die verderben manchmal. Für ein Kilo Zwiebeln bekommt sie auf dem Markt in Djembering 500 CFA-Francs, etwas weniger als einen Euro. Sehr erträglich ist das Geschäft mit dem Gemüse also nicht, um ihre Familie mit sechs Kindern ernähren zu können. »Früher war es einfacher, als das Wasser uns noch nicht so bedrohlich nah kam«, seufzt Anna und wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn, während sie weiter Zwiebeln schält und in den metergroßen Wasserkübel wirft.
Heute gibt es ein großes Festessen. Schließlich ist eine Gruppe Studierender und Aktivist*innen in ihr Dorf gekommen, um sich nützlich zu machen: Gemeinsam wollen wir einen Damm gegen das Meerwasser bauen. Zunächst werden Pfeiler in den Boden gestemmt, die dann mit Palmwedeln und Netzen abgedichtet werden. Durch diese Konstruktion werden Sandbänke aufgebaut, hinter denen das Meerwasser zurückbleibt.
Agrarökologie als Einkommensalternative
Im agrarökologischen Zentrum in Niaguis unterstützt die Landwirtin Marie Augustine Djiba Frauen dabei, sich wieder auf die Praktiken ihrer Vorfahren zu besinnen. Früher gab es nur das bäuerliche Saatgut, das sie untereinander tauschten und das sowohl mit Dürrezeiten als auch Überflutung gut zurechtkam. Die Regierung und der Privatsektor unterstützen das hybride käufliche Saatgut, das Abhängigkeit von transnationalen Firmen schafft und auch nicht so anpassungsfähig an lokale klimatische Bedingungen ist. Marie bildet Frauen auch darin weiter, biologische Insektizide aus Neemöl herzustellen. Eine Saatgutbibliothek ist im Aufbau. »Das ist unser gemeinsamer Schatz«, sagt sie, »Das bäuerliche Saatgut gehört der Gemeinschaft und darf nicht mit Profit veräußert werden.«
Marie wünscht sich, dass die heute gelb verblühte Casamance wieder wie einst ein grünes Paradies wird. In der Agrarökologie und der Stärkung von lokalem Wissen sieht sie einen Weg, der dem Leben der Menschen im Einklang mit der Natur entspricht. Dieses Erbe ist in der Region auch heute noch präsent: Die Diola-Kultur verbindet gemeinschaftliche Lebensweisen und den Reisanbau mit einer tiefen spirituellen Beziehung zu Land und Natur, deren Schutz traditionell auch durch Könige und andere spirituelle Autoritäten gewährleistet wird. Die Könige sind auch dafür zuständig, einen Teil des Reises, der über Familienfelder zugeteilt wird, an Bedürftige weiterzugeben. Dieses Umverteilungssystem fand sich früher in vielen ländlichen Regionen Afrikas, wurde aber durch Kolonialisierungsprozesse und Landraub zerstört.
Mit ihrem Engagement steht Marie ganz in der Tradition ihrer weiblichen Vorfahren. Eine starke Frauenfigur, Aline Sitoé Diatta, leistete schon Anfang der 1940er Jahre Widerstand gegen die französische Kolonialherrschaft. Sie rief zu Bauernaufständen und Streiks auf, nachdem die Franzosen wegen des Krieges die Hälfte ihrer Reisernte beschlagnahmen wollten. Außerdem wollten die Franzosen damals den Anbau von Erdnüssen statt Reis durchsetzen. Auch die heutige Regierung will große Flächen urbar machen, um mehr Cash Crops wie Erdnüsse anzupflanzen, Senegals wichtigstes Exportgut. Sie sind so präsent am Straßenrand wie die wunderbar saftig-süßsauren Mangos, die als die besten des Landes gelten. Auch die in deutschen Supermärkten weit verbreitete Mangosorte »Kent« wächst zum großen Teil auf den fruchtbaren Böden der Casamance.
»Der Reisanbau in den tiefer gelegenen Gebieten hinter den Meeresarmen, hinter den Mangroven, macht hier das Leben aus.«
Aissatou Ketou Centre Ecologique Albert Schweitzer
Fast zwölf Stunden dauert die Busfahrt von Dakar bis nach Ziguinchor, der Hauptstadt der Casamance. Nach einigen Stunden sind wir an der Grenze zu Gambia, ein dickes Seil deutet auf dem Boden die Grenze an. Von der gambischen Grenzbeamtin werden wir auf Englisch angesprochen. Nach einem kurzen Stück Fahrt durch Gambia geht es auf Französisch weiter. Hier ist wieder Senegal und es beginnt die Casamance. Die Landschaft verändert sich merklich. Als wir das erste Mal nach dem prasselnden Regen aus dem Bus steigen, empfängt uns die feuchtwarme würzige, nach Minze schmeckende Luft. Sturzartige Regenfälle wechseln sich ab mit heißen Sonnenphasen. Obwohl es sehr viel weniger Niederschlag geben soll als noch vor ein paar Jahren, kommen uns die Wassermengen gewaltig vor. Alles kommt zum Stillstand, die Menschen hängen in ihren Häusern fest und die Autos können sich nicht weiterbewegen. Marie, die eigentlich für eine Diskussion im Zentrum in Sono erwartet wurde, konnte ihren Weg ins Zentrum nicht fortsetzen. Erst am nächsten Tag trifft sie schließlich ein.
Stattdessen berichten einige der Studierenden über ihre Forschungsergebnisse zu den Folgen der Klimaveränderungen. Nicht nur die Casamance ist betroffen. Die Inseln vor der Küste, wie zum Beispiel die idyllische Marlodj, sind ganz vom Verschwinden bedroht. Einst durch den Auftrieb von kaltem nähstoffreichem Tiefenwasser an die Oberfläche des Atlantischen Ozeans mit Fischreichtum verwöhnt, leiden sie am Rückgang des Auftriebs und der damit verbundenen abnehmenden Nährstoffe. Die Fische reagieren empfindlich, auch auf die steigenden Temperaturen, und machen sich auf nach Norden. Die Frauen können keine Fische mehr verarbeiten und auch die Austern werden weniger wegen der absterbenden Mangrovenwälder.
Sie versuchen, durch künstliche Konstruktionen an den Mangroven diese Aufzucht zu erhalten. Aissatou von CEAS unterstützt sie dabei, alternative Wege zur klassischen Austernwirtschaft zu entwickeln. Sie legen künstliche Becken für die Austernzucht an, damit die Mangroven sich erholen können und lernen agrarökologische Methoden der Gemüsewirtschaft. Die Krise der Fischerei hat auch Auswirkungen auf das Migrationsverhalten. Sinkende Erträge und unsichere Einkommen tragen dazu bei, dass insbesondere junge Menschen in den Küstengemeinschaften nach anderen Einkommens- und Lebensperspektiven suchen – auch durch die gefährliche Überfahrt zu den Kanarischen Inseln.
Aufforstung gegen die Erosion
Aby Sagna ist leidenschaftliche Umweltaktivistin. Ihr Temperament und ihre Leidenschaft sind ansteckend. Auf der Demonstration in Ziguinchor am letzten Tag der Studienreise ist sie Wortführerin und heizt der Menschenmenge mächtig ein: »Für die Stärkung lokalen Wissens und für Klimagerechtigkeit!«, dröhnt es aus ihrem Lautsprecher. Mit ihrer Organisation Club Changement Climatique Du Senegal (Organisation zu den Klimaveränderungen im Senegal) leistet sie Aufklärungsarbeit und setzt sich vor allem in der Aufforstung ein, um der Erosion des Landes Bäume entgegenzusetzen.
Frauenkollektive sind die treibende Kraft bei der Rettung der Mangrovenwälder. In mühevoller Kleinstarbeit waten sie durch den Schlamm der Sümpfe, um reife Samen zu sammeln. Sie organisieren auch große Aktionstage, um Tausende Setzlinge koordiniert in die versalzten Schlammböden zu setzen und damit die Lücken im Ökosystem zu schließen. Sie kontrollieren auch das Wachstum der jungen Pflanzen und schützen vor illegalem Holzabschlag. »Wenn ich jemanden dabei erwische, illegal Holz zu schlagen, zeige ich das sofort an«, empört sich Aby. Der illegale Holzeinschlag in der Casamance war über Jahrzehnte eng mit einem bewaffneten Konflikt verbunden und diente unter anderem der Finanzierung von Rebellengruppen des Mouvement des forces démocratiques de la Casamance (MFDC). Trotzdem bleibt der lukrative Raubbau eine erhebliche Bedrohung für die Zukunft des regionalen Ökosystems.
Der Abend in Gnikine ist friedlich. Wir sitzen alle um große Schüsseln, in denen sich Reis und Huhn türmen. Immer eine Person nimmt sich das Huhn und pflückt kleine Teile ab, die sie den anderen an ihre Essstellen legt. Anna freut sich, wie gut es allen schmeckt. Wir haben viel über die Folgen des Klimawandels gelernt und wie die Menschen dank ihrer Erfahrungen und kulturellen Praktiken kreative Wege finden, diesen Folgen zu begegnen. Die Klimaveränderungen, die wir im globalen Norden mit unserer Lebensweise auslösen, werden ausgerechnet dort spürbar, wo die Menschen keinen Raubbau an der Natur betreiben, sondern dem natürlichen Kreislauf und Ökosystem mit Respekt begegnen. Wir können eine Menge von ihnen lernen.