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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

die Weltbühne hat ihre Hauptdarsteller und Arenen, deren Namen durch die Medien hallen: Trump, Putin und Netanjahu, der Iran, der Donbass und der Libanon halten die Öffentlichkeit in Atem. Der bedeutsamste Schauplatz dagegen liegt im toten Winkel der Wahrnehmung. Der Konflikt mit den meisten zivilen Opfern, die größte Vertreibungskatastrophe unserer Tage, findet nicht im Nahen Osten statt und auch nicht in der Ukraine. Dieser Ort ist der Sudan.

In Nordostafrika zerfällt ein Staat in seine ethnischen Bestandteile, zerrieben im Machtkampf zwischen der Armee und der RSF-Miliz. Heute jährt sich der Beginn des Bürgerkriegs zum dritten Mal, und schon die schieren Zahlen klingen grauenhaft: Mindestens 150.000 Menschen sind ums Leben gekommen, die meisten von ihnen Zivilisten. Fast 10 Millionen sind auf der Flucht im eigenen Land, so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt. 17 Millionen Kinder brauchen humanitäre Hilfe; die Hungersnot in der Region Darfur droht auf das ganze Land überzugreifen. Die Gesundheitsversorgung ist zusammengebrochen, Krankenhäuser sind zerstört, und mit ihnen auch die Hoffnung. Berichte über Massaker, „ethnische Säuberungen“ und sexualisierte Gewalt sind so zahlreich, dass sie sich kaum noch erfassen lassen.

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Die Berichte der wenigen vor Ort operierenden Helfer lesen sich wie Szenen aus der Hölle. Die Organisation Care berichtet von Müttern, die ihre Kinder barfuß durch den Bombenhagel trugen. Jungen und Mädchen erzählen, wie sie ihre Eltern im Kampfgetümmel verloren, aber weiterlaufen mussten, weil alles andere den Tod bedeutet hätte. Fotos zeigen Leichen und ausgemergelte Babys. Das Kinderhilfswerk Unicef berichtet, wie die Hungersnot um sich greift – angefacht von marodierenden Milizionären und mangelnder Versorgung. Weil ganze Dorfbevölkerungen Hals über Kopf fliehen, brechen soziale Gemeinschaften zusammen, kollabieren Märkte, bleiben Felder unbestellt. Die Mangelernährung von Kindern hat ein brutales Ausmaß erreicht: 4,2 Millionen Kinder sind akut bedroht, viele lebensbedrohlich.

Aus dem Inferno dringen nur wenige Stimmen bis nach Europa. Eine von ihnen gehört der neunjährigen Tuqaa, die im Flüchtlingslager Golo Jadeeda Zuflucht sucht. Ihre von einem Unicef-Helfer protokollierten Worte sind von einer entwaffnenden Klarheit, die jede politische Analyse in den Schatten stellt. „Alle meine Freunde sind irgendwo verstreut“, sagt sie, und weiter: „Ich will, dass die Erwachsenen diesen Krieg beenden.“ Ein einfacher Satz, der das ganze Versagen der Weltgemeinschaft ausdrückt, die kaum Notiz von den Verbrechen im Sudan nimmt.

Die neunjährige Tuqaa wünscht sich Frieden.Vergrößern des BildesDie neunjährige Tuqaa wünscht sich Frieden. (Quelle: Mohammed Jamal/Unicef)

Wenigstens einen Tag lang richten sich die Scheinwerfer der Diplomatie heute auf die Katastrophe: Die Berliner Sudan-Konferenz soll Geld für humanitäre Hilfe sammeln und Friedensbemühungen vorantreiben. Ein nobler Vorsatz, der allerdings durch die Gästeliste infrage gestellt wird. Während die sudanesischen Kriegsparteien selbst nicht am Tisch sitzen, sind die Vereinigten Arabischen Emirate eingeladen – der Golfstaat unterstützt glaubwürdigen Berichten zufolge die RSF-Mörderbanden mit Waffen und Geld. Im Sudan locken nicht nur reiche Goldvorkommen, sondern auch große Anbauflächen. Die Emirate müssen 90 Prozent ihrer Lebensmittel importieren und betrachten den afrikanischen Staat als Kornkammer. Auf der Gegenseite erhält die sudanesische Armee Unterstützung von Ägypten und der Türkei. Russland, der Iran und Saudi-Arabien sollen ebenfalls ihre Finger im Spiel haben.

Der Bundesregierung sind die Akteure in diesem zynischen Stellvertreterkonflikt bekannt, doch muss sie sich in diplomatischer Verschleierungskunst üben. Schließlich ist Kanzler Friedrich Merz erst vor wenigen Wochen in die Emirate geeilt, um sie als Öllieferant und Investor zu umwerben. Auf die Zwickmühle angesprochen, verweisen Regierungsvertreter auf ihren Einsatz für eine „regelbasierte internationale Ordnung“ und loben einen von den Emiraten mitgetragenen Friedensplan als „vielversprechendsten Ansatz“. Einerseits Wirtschaftsinteressen, andererseits Friedensdiplomatie: In der globalisierten Welt lässt sich die doppelte Buchführung der Moral schwer vereinen.

Wo die große Politik mit ihren Widersprüchen ringt, können zivilgesellschaftliche Akteure klar Partei für die betroffenen Menschen ergreifen. Die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen leisten mit immensem Einsatz und teils unter Lebensgefahr, was der Weltgemeinschaft nicht gelingt: Sie versorgen mangelernährte Kinder, impfen gegen Cholera, liefern sauberes Wasser und schaffen in behelfsmäßigen Schulen kleine Inseln der Normalität. Manche leisten auch psychosoziale Hilfe für Kinder, die Dinge gesehen haben, die keine Kinderseele ertragen sollte.

Diese Arbeit ist mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie beweist, dass Menschlichkeit der Ohnmacht trotzen kann. Jedes Paket therapeutischer Nahrung, jedes aufgebaute Zelt, jede Schulstunde wirkt wie ein Akt des Widerstands gegen die Barbarei. Sie sind der leise, aber unschätzbare Versuch, Kindern wie der neunjährigen Tuqaa eine Lebensperspektive zurückzugeben. Und die Erwachsenen zu mahnen, diesen grausamen Krieg endlich zu beenden.

Hilfe beginnt im Kleinen. Falls Ihnen das einleuchtet, können Sie die Arbeit von Unicef, Care oder Ärzte ohne Grenzen im Sudan unterstützen.

Bündnis in Berlin

Mykhailo Fedorov schätzt Boris Pistorius als bedeutendsten Unterstützer der Ukraine.Vergrößern des BildesMykhailo Fedorov schätzt Boris Pistorius als bedeutendsten Unterstützer der Ukraine. (Quelle: Christian Mang/REUTERS)

Gestern weilte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit mehreren Ministern zu den ersten deutsch-ukrainischen Regierungskonsultationen seit 2004 in Berlin. Kanzler Friedrich Merz verkündete die Anhebung der bilateralen Beziehungen auf die Ebene einer strategischen Partnerschaft. Neben mehreren Hundert Patriot-Raketen will Deutschland dem kriegsgeschundenen Land weitere Startgeräte des Flugabwehrsystems Iris-T liefern. Zudem wurden die gemeinsame Produktion von Drohnen mittlerer und langer Reichweite sowie der Austausch von Gefechtsfelddaten vereinbart. Die Bundesrepublik ist zur wichtigsten Unterstützerin der Ukraine aufgestiegen.

Heute kommt in der Hauptstadt die Ukraine-Kontaktgruppe zusammen, deren Leitung seit dem Rückzug der USA Deutschland und Großbritannien innehaben. Verteidigungsminister Boris Pistorius und sein britischer Amtskollege John Healey werden ebenso erwartet wie der ukrainische Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov und Nato-Generalsekretär Mark Rutte; die Vertreter der weiteren Unterstützerstaaten schalten sich digital zu. Bei den Gesprächen soll ebenfalls die Stärkung der ukrainischen Luftverteidigung im Fokus stehen. Nach der Waffenruhe zum orthodoxen Osterfest haben russische Terrorangriffe wieder mehrere Todesopfer gefordert.

Papst kontert Trump

Donald Trumps irre Selbstinszenierung in Jesus-Optik auf der Propagandaplattform Truth Social ist mittlerweile gelöscht. Weiter in der Welt sind dagegen die persönlichen Vorwürfe, die der US-Präsident an Papst Leo XIV. gerichtet hat: Das Oberhaupt der katholischen Kirche sei „schwach“ gegenüber Kriminalität und eine „Katastrophe“ in der Außenpolitik. Damit hat der Hitzkopf im Weißen Haus nicht nur seine bisherige Vertraute, die italienische Regierungschefin Giorgia Meloni, gegen sich aufgebracht, sondern auch seine MAGA-Basis, analysiert unser USA-Korrespondent David Schafbuch.