In Afrikas bevölkerungsreichstem Land Nigeria – es hat rund 250 Millionen Einwohner – verschärft sich eine Hungerkrise, die schon länger schwelte. Sie trifft besonders die Menschen im Nordosten, die auch unter den bewaffneten Konflikten und Vertreibungen leiden.
Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation „Action contre la Faim“ sind heute mehr als 36 Millionen Nigerianer von Ernährungsunsicherheit betroffen, das sind drei Millionen mehr als im vergangenen Jahr. Besonders hart trifft die Krise Kinder: Sechs Millionen Kinder unter fünf Jahren leiden an Mangelernährung. Hinzu kommen mehr als 800.000 schwangere und stillende Frauen, die ebenfalls von Ernährungsunsicherheit und Mangelernährung betroffen sind.
Konflikt und Vertreibung
Das Zentrum der Krise liegt weiter im Nordosten des Landes, vor allem in den Bundesstaaten Borno, Adamawa und Yobe. Auch Teile des Nordwestens und des Nordzentrums gehören zu den stark betroffenen Gebieten. Thierno Samba Diallo, Länderdirektor von „Action contre la Faim“ in Nigeria, nennt mehrere Ursachen: den seit rund anderthalb Jahrzehnten anhaltenden Konflikt im Nordosten, bewaffnete nichtstaatliche Gruppen, Vertreibung, geringe landwirtschaftliche Produktion und fehlenden Zugang zu fruchtbaren Flächen. Zwischen zwei und drei Millionen Menschen leben nach seiner Schätzung weiterhin als Binnenvertriebene. Gewalt und Vertreibung treffen dabei unmittelbar die wichtigsten Lebensgrundlagen vieler Familien. „Wenn es einen Konflikt gibt, fehlt der Zugang. Die Menschen ziehen fort. Sie leben nicht an ihrem Herkunftsort“, erklärt Diallo.
Bodennutzung als Lebensgrundlage
Landwirtschaft und Viehzucht sichern im Norden allerdings für viele Haushalte Nahrung und Einkommen. Wer fliehen muss oder sich aus Angst vor Gewalt nicht frei bewegen kann, erreicht die Felder oft nicht rechtzeitig. „Wenn das der Fall ist, haben sie keinen Zugang zu den Feldern“, erklärt Diallo. „Landwirtschaft und Viehzucht: Bei Konflikten sind das die ersten Lebensgrundlagen, die betroffen sind.“ Damit fehlen Ernten und zugleich Einnahmen für medizinische Versorgung, Schulbildung und andere grundlegende Ausgaben. In Gebieten unter Kontrolle nichtstaatlicher Gruppen müssen Landwirte laut Diallo teils Abgaben oder andere Zahlungen leisten, um dort bleiben und arbeiten zu können. Verdächtigen bewaffnete Gruppen sie der Zusammenarbeit mit der Gegenseite, geraten sie zudem selbst ins Visier. Die Folgen reichen bis zur Mangelernährung bei Kindern.
Zur wachsenden Not kommen sinkende Mittel für humanitäre Hilfe. Diallo verweist auf globale Kürzungen seit dem vergangenen Jahr und auf den Wegfall von USAID-Finanzierungen. Diese Gelder hätten nach seinen Angaben fast die Hälfte der humanitären Finanzierung weltweit ausgemacht. Weitere bilaterale und multilaterale Geber kürzten ebenfalls. „Das bedeutet, dass sich die Lage leider verschärft. Die Bedürfnisse steigen, aber die Mittel für die Antwort und für die Finanzierung gehen gleichzeitig ebenfalls zurück“, so Diallo. Für Hilfsorganisationen wächst damit die Lücke zwischen Bedarf und verfügbaren Mitteln.
Weniger Hilfsmittel und der Klimawandel
„Mit den Klimaveränderungen schaffen es die Menschen nicht, genug zu produzieren“
Auch Klimaveränderungen erschweren den Anbau. Diallo zufolge brauchen Landwirte verbessertes Saatgut, das an veränderte Klimabedingungen angepasst ist. Viele Familien haben keinen Zugang zu solchen Mitteln. Traditionelle Zeitpunkte für Aussaat und Anbau passen nach seinen Angaben immer weniger zu den tatsächlichen Wetterbedingungen. „Mit den Klimaveränderungen schaffen es die Menschen nicht, genug zu produzieren, selbst dort, wo sie produzieren konnten. Wenn Sie keinen Zugang zu verbessertem Saatgut haben, bedeutet das, dass Sie sich nicht an die Klimaveränderungen anpassen. Der Stress nimmt zu, die Klimastörungen wirken sich weiter aus, die Temperaturen steigen“, erklärt Diallo.
Als Beispiel nennt er das Tschadseebecken. In den vergangenen 60 Jahren habe es mehr als 80 Prozent seiner Wasserkapazität verloren. Konflikt und Instabilität verschärfen die Folgen zusätzlich, weil Wartung und Anpassungsmaßnahmen erschwert werden. Die Bevölkerung rund um das Becken trägt nach Diallos Darstellung zugleich die Last von Gewalt und klimatischen Veränderungen. „Frieden und Stabilität sind deshalb eine Voraussetzung dafür, dass sich die Menschen an veränderte Umweltbedingungen anpassen und geeignete Mittel einsetzen können“, so der Fachmann.
Der Staat in der Pflicht
„Die Hauptverantwortung für das Wohlergehen der Bevölkerung liegt bei der Regierung“
Für eine dauerhafte Antwort sieht Diallo zuerst den nigerianischen Staat in der Pflicht. Zugleich fordert er internationale Zusammenarbeit, die humanitäre Hilfe, wirtschaftliche Entwicklung und nachhaltige Entwicklung miteinander verbindet – ein neuer Ansatz also. „Es geht um den Übergang von humanitärer Hilfe und Entwicklung hin zu etwas, das stärker von lokalen Akteuren und den Regierenden getragen wird“, erklärt Diallo.
Zu einem solchen Ansatz zählen nach seinen Angaben Ernährungssicherung, die Stärkung der Lebensgrundlagen, Wasserversorgung und Sanitärversorgung, soziale Sicherung sowie psychosoziale Hilfe. Einige Vertriebene leben seit zehn oder 15 Jahren fern ihrer Heimat. Diallo fordert deshalb Finanzierungen, die mehrere Bereiche zugleich erfassen und langfristig angelegt sind. Humanitäre Hilfe, Resilienz und nachhaltige Entwicklung sollen dabei zusammenwirken.
Das Interview mit Thierno Samba Diallo führte Augustine Asta.
(vatican news – gs)