2 Pinguine am Strand der Boulder Pinguinkolonie in der Nähe von Kapstadt.

Stand: 06.01.2026 • 04:39 Uhr

In den 1950er-Jahren gab es vor der Küste Südafrikas noch 140.000 Brutpaare, inzwischen sind es nicht mal mehr 10.000. Brillenpinguine drohen in der Wildnis in den kommenden Jahren auszusterben.

Von Kristin Becker, SWR, zzt. ARD Johannesburg

Es ist ein eindrückliches Spektakel auf dem Indischen Ozean vor der Küste Südafrikas: Das Meer glitzert in der Morgensonne, und Hunderte von Vögeln kreisen aufgeregt über der Beute. Mit bis zu 120 km/h stoßen Kaptölpel mit ihren spitzen Schnäbeln senkrecht ins Wasser. Sturmtaucher und Möwen segeln gierig über der Oberfläche. Auch Delfine und Wale sind da und treiben die Fische von unten zusammen.

Ein großes Festmahl stehe an, bei dem die verschiedenen Tiere gemeinsam Fische jagen, erklärt Rob Francis. Der Skipper und Meeresschützer ist fast jeden Tag auf dem Ozean, um Touristen die Schönheit seiner Heimat zu zeigen. Aber er macht sich große Sorgen, denn immer öfter fehlt einer bei den Fischgelagen auf dem Meer: der Brillenpinguin.

Er ist die einzige Pinguinart, die an afrikanischen Küsten lebt, in Namibia und vor allem Südafrika, und er ist akut gefährdet. 2024 hat die Weltnaturschutzorganisation die Brillenpinguine als vom Aussterben bedroht eingestuft.

„So hungrig, dass sie alleine losziehen“

Wo früher Zehntausende von Tieren lebten, herrscht inzwischen Leere: Noch vor wenigen Jahren gab es auf der kleinen Insel St. Croix vor der Küste der südafrikanischen Hafenstadt Gqeberha eine der größten Brutkolonien der Brillenpinguine. Francis zeigt ein Foto von 2002: Dicht an dicht stehen Pinguine auf den Inselklippen. Inzwischen sieht man dort kaum noch Tiere, nur ab und an eine kleinere Gruppe.

Auch im Wasser schwimmen an diesem Tag nur vereinzelt drei, vier Tiere. Eigentlich sollten sie in größeren Gruppen unterwegs sein, um sich gegenseitig Schutz zu bieten. „Es sind einfach inzwischen so wenige, und manche sind offenbar so hungrig, dass sie alleine losziehen, auch wenn das gefährlich ist“, sagt Francis.

Gerade ist Mauserzeit, die Pinguine verlieren ihre Federn und müssen eigentlich rund drei Wochen an Land warten, bis ihr Federkleid nachgewachsen und wieder wasserfest ist. In der Zeit ist Fasten angesagt. Heißt: möglichst viel Reserve anfressen und danach wieder richtig reinhauen. Doch haben die Tiere immer größere Schwierigkeiten, genug Futter zu finden.

Studien belegen Ausmaß

„Die Brillenpinguine sind sehr wählerische Esser“, erklärt Zoologe Carl Havemann von der Südafrikanischen Stiftung für den Erhalt der Küstenvögel (SANCOBB). „Sie ernähren sich vorwiegend von Sardinen und Sardellen.“ Wenn es davon nicht genug gibt, haben sie ein Problem. Zwei neue Studien zeigen, dass die Brillenpinguine seit drei Jahrzehnten vom Rückgang ihrer Beutefische und der Konkurrenz mit kommerzieller Fischerei schwer betroffen sind.

Forscherteams aus Großbritannien und Südafrika werteten Daten von Pinguinkolonien in der Nähe von Kapstadt aus und fanden ein wiederkehrendes Muster: In Jahren, in denen das Meer wenig hergab, rückten sich Tiere und Fangflotten bedenklich nahe. 2016, ein Jahr mit sehr geringem Fischvorkommen, suchte etwa jeder fünfte Pinguin dort nach Nahrung, wo gleichzeitig Fischereischiffe unterwegs waren. In Zeiten reichhaltigerer Bestände entspannte sich die Lage: Dann lag die Überschneidung bei gerade einmal vier Prozent.

Besonders dramatisch war die Situation zwischen 2004 und 2011: In dieser Zeit sank der Vorrat an Sardinen im Meer vor der Westküste Südafrikas beständig auf weniger als ein Viertel dessen, was er einst war – ein extremer Rückgang, der die dort lebenden Brillenpinguine an den Rand des Abgrunds brachte. Die Forscher und Forscherinnen schätzen, dass in diesen acht Jahren 62.000 Tiere verhungerten, rund 95 Prozent der Pinguine, die 2004 noch auf dortigen Inseln brüteten.

Brillenpinguine könnten schon bald aussterben

Die Hauptgründe für die Not der Brillenpinguine: Klimabedingte Verschiebungen von Wassertemperatur und Salzgehalt machen es für Sardinen schwerer, in den klassischen Laichgebieten zu überleben, während zugleich industrielle Fischereiflotten die Bestände weiter dezimieren.

Bei einem solchen Nahrungsmangel reicht schon eine kurze Phase ohne Futter – etwa während der Mauser – aus, um ganze Pinguinpopulationen auszulöschen. Dazu kommen Umweltverschmutzungen durch ausgelaufenes Schiffsöl, das den Vögeln die Federn verklebt, und der Lärm, den die Betankung großer Frachter auf dem Meer erzeugt, und der die Pinguine enorm stört.

Die Folgen seien überall zu spüren, auch in den Kolonien bei Gqeberha, sagt Havemann. „Wir verlieren jedes Jahr acht Prozent der Population. Wenn es so weitergeht, könnten die Brillenpinguine in den nächsten neun Jahren in der Wildnis aussterben.“

Regelmäßig finden Helfer wie Francis tote Tiere im Wasser. Auch an diesem Tag. Auf den ersten Blick lässt sich nicht sagen, woran der Pinguin gestorben ist, aber er ist abgemagert, hat eine verletzte Flosse und ist offenbar während der Mauser ins Wasser gegangen. Möglicherweise konnte er vor dem Federwechsel nicht genug Fett zulegen und musste deshalb jagen gehen, auch wenn er in der Mauser besonders leichte Beute für Haie und Robben ist. Francis nimmt den toten Pinguin mit an Land und übergibt ihn an Experten von SANCOBB. Sie wollen untersuchen, woran das Tier gestorben ist.

Zwei Pinguine in der Auffangstation: Die meisten, die hier aufgepäppelt werden, kommen mit Verletzungen und Untergewicht.

Aktuell ist die Sorge, dass sich die Vogelgrippe in den Pinguinkolonien ausbreiten und die Art weiter dezimieren könnte. Die gemeinnützige Organisation kümmert sich seit 1968 um Seevögel mit zwei Auffangstationen in Kapstadt und Gqeberha, besonders im Fokus sind die Brillenpinguine.

Im Reha-Gehege in Gqeberha checkt Meeresbiologin Quaraesha Shaik Patient „AP165“, einen munteren erwachsenen Pinguin. Die Tiere sollen sich nicht an Menschen gewöhnen – und umgekehrt. Deshalb herrscht während der Behandlungen Sprechverbot, zumindest für die menschlichen Betreuerinnen. Die Pinguine geben dagegen lautstark Auskunft, wenn ihnen etwas nicht passt.

Die meisten, die hier aufgepäppelt werden, kommen mit Verletzungen und Untergewicht. Immer wieder müssen den Tieren Füße amputiert werden, weil Angriffe etwa durch Haie zu schwere Wunden hinterlassen haben. „Sie sind sehr widerstandsfähige und starke Vögel“, erklärt Shaik, „und können sogar mit nur einem Fuß in der Wildnis überleben, weil sie sich im Wasser ausschließlich auf ihre Flossen verlassen.“

Aber trotz der Robustheit: Die Anzahl der Brillenpinguine ist drastisch zurückgegangen. Während es in den 1950er-Jahren noch 140.000 Brutpaare gab und Ende der 1970er-Jahre noch 70.000, sind es inzwischen nicht mal mehr 10.000 – insgesamt.

Schutzzonen erweitert, Fischer protestieren

Tierschutzorganisationen haben gerichtlich erzwungen, dass die südafrikanische Regierung die Schutzzonen um die Pinguinkolonien ausweitet, dort darf nicht gefischt werden. Diyaa-Uddeen De Maine wartet im Hafen von Gqeberha auf die Rückkehr seines Sardinen-Fangschiffs. Er findet die Vergrößerung der Fischereiverbotszonen unfair. Aus seiner Sicht ist nun ein zu weiter Teil der Bucht abgesperrt. Das gefährde die lokale Industrie, sein Schiff müsse nun immer weiter raus. „Wir verbrauchen inzwischen 1.200 Liter Diesel statt 500 pro Nacht“, erklärt er.

Die Fischerei ist unter Druck – durch die Konkurrenz mit ausländischen Fangflotten. Auch generell ist die wirtschaftliche Lage in Südafrika schwierig, die Fischereijobs sind wichtig. De Maine und seine Kollegen merken aber ebenfalls, dass sich die Fischbestände durch den Klimawandel verändern. Statt wie geplant Sardinen haben sie an diesem Tag nur Makrelen gefangen.

Das Problem der schwindenden Fischvorkommen teilen sie also mit den Brillenpinguinen. Ob die Schutzzonen eine Trendwende für die Tiere bringen werden, ist noch unklar. Carl Havemann und Quaraesha Shaik setzen darauf, auch wenn aus ihrer Sicht weitere Maßnahmen nötig sind. Jeder Pinguin, den sie in der Auffangstation pflegen und anschließend auswildern, ist für sie ein kleiner Schritt zum Erhalt der Art.

Einige Tage später hat „AP165“ es geschafft und darf zurück in die Wildnis. Rob Francis bringt ihn und einige andere mit seinem Katamaran zu einer der Kolonien in der Nähe von Gqeberha. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, findet der Skipper. Für ihn wäre es „eine große Schande, sie nur noch in Zoos zu sehen“.