«Wer ein bisschen Kritik übt, landet an der Front oder im Gefängnis»: Diese Zeile aus einem neuen Lied des ivorischen Reggaemusikers Tiken Jah Fakoly hat für viele Menschen in Westafrika einen Nerv getroffen. Er beschreibt das Klima innerhalb der Allianz der Sahelstaaten – der Koalition aus Mali, Burkina Faso und Niger – ungewöhnlich direkt. Gerade in Bamako hallt diese Songzeile nach. Der Alltag hier ist geprägt von einer prekären Sicherheitslage, wirtschaftlicher Misere und erzwungenem Schweigen.
Seit dem Jihadistenangriff auf die malische Hauptstadt im April, bei dem der Verteidigungsminister getötet wurde und der in der ganzen Welt für Schlagzeilen sorgte, ist die Lage extrem angespannt.
Im Format «Ortszeit» laden wir Journalistinnen und Autoren aus anderen Ländern ein, aus ihrer Perspektive eine lokale Entwicklung einzuordnen, die in einem globalen Zusammenhang steht.
Einerseits ist da die Repression durch das Militärregime. Parteien sind aufgelöst, politische Aktivitäten und Versammlungen untersagt, führende Oppositionspolitiker sitzen im Gefängnis oder leben im Exil. Kritik an der Regierung gilt als Verrat. Medien und Journalistinnen üben Selbstzensur, aus Angst vor Haft oder der Schliessung ihrer Redaktion. Auch für mich ist die Arbeit gefährlich geworden – deshalb schreibe ich hier unter einem Pseudonym. Drei meiner Kollegen sitzen derzeit in Haft und warten auf ihr Urteil. Internationale Sender, insbesondere aus Frankreich, dürfen nicht mehr ausstrahlen – offiziell wegen «Verherrlichung des Terrorismus». Das malische Militärregime spricht gerne von «Informationssouveränität».
Andererseits verhängen Jihadisten des lokalen Qaida-Ablegers JNIM Blockaden gegen strategisch wichtige Städte und schwächen damit die Wirtschaft. Treibstoff zu beschaffen, ist ein täglicher Kampf. Strom und Wasser sind für viele Haushalte zu Luxusgütern geworden, der Warenkorb schrumpft. Die Lebenshaltungskosten steigen, die Preise für Grundnahrungsmittel klettern nahezu täglich. Die Verarmung ist sichtbar.
Mit Russland gegen die alte Kolonialmacht
Ab und zu trifft man in der Hauptstadt ein paar russische Söldner – sie sind fast immer vermummt und oft nachts bei Patrouillen mit den malischen Sicherheitskräften zu sehen, wenn höchste Alarmstufe herrscht. Sie halten sich eher im Hintergrund, um die Aufmerksamkeit der Bevölkerung nicht auf sich zu ziehen. Russische Söldner haben die Nachfolge der französischen Truppen angetreten, die seit 2013 im Land gegen die Jihadisten kämpften. Die Kehrtwende kam mit dem Staatsstreich 2020; der seither regierende Chef der malischen Junta, General Assimi Goïta, überwarf sich mit Paris – und die letzten französischen Truppen zogen 2022 ab.
Einst begrüssten viele Malierinnen die französische Intervention. Das Land hatte 2012 zwei Drittel seines riesigen Staatsgebiets verloren aufgrund einer Tuareg-Rebellion, die mit Jihadisten gemeinsame Sache gemacht hatte. Der damalige französische Präsident François Hollande wurde in Timbuktu wie ein Befreier empfangen, eine Menge skandierte seinen Namen, französische Flaggen verkauften sich wie warme Semmeln.
Doch Jahre später waren die Jihadisten und Rebellinnen nicht besiegt. Wütende Malier begannen, Frankreich zu beschuldigen. Dass französische Truppen etwa ohne die malische Armee in die Stadt Kidal einmarschiert waren, empfanden viele als arrogant und erinnerte sie an die Kolonialzeit. Frankreich galt überhaupt als paternalistisch und wenig transparent in seinen Beziehungen zu Mali und Afrika. Deshalb haben viele den Abzug der französischen Truppen begrüsst. Und in diesem Klima begann die militärische Zusammenarbeit mit Russland, zunächst mit den Wagner-Söldnern, die später durch das Africa Corps ersetzt wurden.
General Goïta – inzwischen Präsident Malis – fand somit breite Zustimmung für seine Linie. Parolen wie «Frankreich raus!» mobilisierten die Menschen, sie wollten die Souveränität gegenüber der ehemaligen französischen Kolonialmacht bewahren.
Mit wachsender diplomatischer Isolation näherte sich Mali Niger und Burkina Faso an. Gemeinsam gründeten sie die Allianz der Sahelstaaten: drei Länder, ein politischer Kurs. Alle werden von Militärregimes geführt, die durch Staatsstreiche an die Macht kamen, alle orientieren sich an Russland, regieren ohne Wahlen und sprechen von Revolution. Ihre Devise lautet, in den Worten von Burkina Fasos Präsident, Hauptmann Ibrahim Traoré: «Demokratie ist nichts für Afrika.»
In diesem angespannten Kontext hat ein Ereignis die Gesellschaft tief erschüttert – und wirkt bis heute nach.
Ein fürchterlicher Tag für Bamako
Den Morgen des 25. April wird kein Malier vergessen. Die Menschen in Bamako erwachten wegen des Lärms von Schüssen schwerer Waffen, von Explosionen von bislang unbekannter Intensität. Es herrschte Angst und Verunsicherung, Bamako wirkte wie gelähmt.
In sozialen Netzwerken verbreiteten sich Gerüchte und erste Bilder. Dann verdichteten sich die Informationen: Die Garnisonsstadt Kati, rund fünfzehn Kilometer von Bamako entfernt und Sitz des militärischen Machtzentrums, war Ziel eines Anschlags geworden. Ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug, gesteuert von einem Attentäter, hatte die Residenz des Verteidigungsministers zerstört. Kurz darauf bestätigte das Staatsfernsehen: Verteidigungsminister Sadio Camara, seine Frau und zwei seiner Kinder waren tot. Die JNIM reklamierte den Anschlag für sich.
Im ganzen Land sprach man über nichts anderes. Im Privaten wurde spekuliert, wie das passieren konnte – wo die Geheimdienste waren, ob es Lücken im Sicherheitssystem gab oder etwa gar Komplizen. Öffentlich blieb jede Kritik aus. Das Regime duldet sie nicht, hier herrscht Einheitsdenken. Und mit dem Tod von Sadio Camara ist der Sicherheitsmythos des Landes wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Viele hatten geglaubt, Bamako sei nicht angreifbar. Im Fernsehen wurden moderne Waffensysteme präsentiert, beschafft mit der Unterstützung Russlands. Und viele hatten den angeblichen Vormarsch einer erstarkten Armee beklatscht.
Verteidigungsminister Camara war der Mann Moskaus. Er war es, der sich für die Achse Russland entschieden hatte. Er forcierte die Abkehr von der ehemaligen französischen Kolonialmacht, er setzte den Abzug europäischer Truppen durch. Bei der Militärführung und in Teilen der Bevölkerung genoss er grosses Ansehen. Er galt als Architekt militärischer Erfolge, insbesondere bei der Rückeroberung der nordmalischen Stadt Kidal, die über Jahre in den Händen separatistischer Gruppen gewesen war.
Am Tag seines Todes jedoch fiel Kidal erneut – an ein Bündnis aus Tuareg-Rebellen und Kämpfern der JNIM. Eine bittere Ironie.
Allein militärisch wird die Krise nicht gelöst
Mali und die Sahelzone sind damit endgültig zu einem geopolitischen Schauplatz geworden. Laut einem Bericht der «Washington Post» erwägt die US-Regierung unter Donald Trump gezielte Militärschläge gegen die JNIM in Mali. Malis Aussenminister Abdoulaye Diop reagierte darauf zurückhaltend: Man habe keine offizielle Bestätigung aus Washington. Zugleich betonte er: «Mali wartet nicht darauf, dass andere seine Probleme lösen. Das Land verlässt sich auf seine eigenen Ressourcen, seine eigenen Kräfte.»
Es hat sich gezeigt, dass von einem militärischen Sieg mit russischer Hilfe keine Rede sein kann – das Land versinkt gefährlich im Sumpf der Gewalt. An der Sicht auf Frankreich haben die Ereignisse im April jedoch nichts geändert. Die Regierung bleibt – zu Recht oder zu Unrecht – bei der Haltung, dass Frankreich die Ursache aller Probleme Malis sei und keinesfalls Teil einer Lösung für das Land sein könne.
Woher immer Mali am Ende militärische Hilfe bekommt, viele Malier – und Expertinnen – sind der Ansicht, dass sich die Sicherheitskrise des Landes nicht ohne einen politischen Dialog lösen lässt. Ein solcher scheint unumgänglich, um die Spannungen zu entschärfen und den Krieg zu beenden, der so viele Familien – Angehörige von Soldaten wie Zivilistinnen – in Trauer gestürzt hat. Auch eine Rückkehr zur verfassungsmässigen Ordnung könnte dazu beitragen, den Frieden im Land wiederherzustellen und Mali der Welt zu öffnen, um echte Entwicklungsprojekte in Angriff zu nehmen. Ob die Machthaber diese Einsicht teilen, ist eine andere Frage.
Inzwischen versuchen die Menschen in Mali, ihren Alltag unter zunehmend schwierigen Bedingungen zu bewältigen. Viele hoffen, dass sich die Lage irgendwann stabilisiert und Frieden zurückkehrt. Bis dahin bleibt ein Gefühl von Unsicherheit – und von begrenztem Einfluss auf die eigene Zukunft.
Karim Dembélé ist ein malischer Journalist und lebt in Bamako. Er hat diesen Text unter einem Pseudonym verfasst, um sich zu schützen. Wie viele seiner Kollegen übt er Selbstzensur aus und lebt in ständiger Angst aufgrund der Einschränkungen der Freiheiten in seinem Land. Er sagt, das Schicksal eines Journalisten in Mali sei entweder das Gefängnis oder das Exil. Nur jene, die der Linie des Regimes treu seien, könnten ihre Meinung sagen und würden von der Junta geschützt.