Somalische Piraten haben in den vergangenen Monaten wieder mehrere Handelsschiffe gekapert. Diese Entwicklung fällt in eine Phase, in der viele internationale Kriegsschiffe abgezogen und Richtung Persischer Golf und Rotes Meer verlegt wurden.

Der Sicherheitsberater Brett Erickson sieht den Iran-Krieg deshalb als Vorteil für die Angreifer. „Sie sind Profiteure, und das hier ist eine Gelegenheit, Profit zu machen“, sagt der Leiter der Beratungsfirma Obsidian Risk Advisors gegenüber dem Nachrichtenportal Politico. Auch eine Analyse Sicherheitsfirma Windward legt den Zusammenhang nahe.

Das Weiße Haus sieht das anders. Ein Vertreter nannte es „falsch“, lokale Piraterie-Angriffe mit den jüngsten regionalen Konflikten mit dem Iran zu erklären. Sicher ist: Die Zahl der Vorfälle vor Somalia liegt laut Daten des Seehandelsbüros IMB auf einem Zehn-Jahres-Hoch.

Was der Iran-Krieg mit den Somalia-Piraten zu tun hat

Im Zentrum steht die Verschiebung der Marinekräfte. Nach der Windward-Analyse wurden bedeutende Marine-Einheiten, der EU-Mission Operation Atalanta und der Vereinigten Arabischen Emirate aus dem westlichen Indischen Ozean abgezogen – hin zur Straße von Hormus und zum Roten Meer.

Windward zufolge patrouilliert im Somali-Becken derzeit so wenig Marine wie seit dem Start von Operation Atalanta Ende 2008 nicht mehr.

Genau darin sieht Erickson den entscheidenden Vorteil für die Angreifer. „Das ist offensichtlich ein sehr, sehr lukratives Geschäft für sie, und im Moment ist das Risiko einer amerikanischen Reaktion viel geringer, weil so viele Ressourcen im Nahen Osten gebunden sind“, sagt er gegenüber Politico.

Indische Einsatzkräfte bei der Festnahme von mutmaßlichen Piraten. Überfälle haben in den vergangenen Monaten offenbar zugenommen.

Indische Einsatzkräfte bei der Festnahme von mutmaßlichen Piraten. Überfälle haben in den vergangenen Monaten offenbar zugenommen.

© Indian Navy/AP

Warum hohe Ölpreise die Tanker zum Ziel machen

Hinzu kommt der Ölmarkt. Weil der Preis pro Barrel gestiegen und der Markt angespannt sei, seien beladene Tanker für die Piraten ein besonders attraktives Ziel, so Erickson laut dem Nachrichtenportal.

Zugleich meiden viele Reedereien die umkämpfte Straße von Hormus und das Rote Meer, wo die Huthi Schiffe angreifen. Ein Teil des Verkehrs weicht laut Windward um das Kap der Guten Hoffnung und durch Gewässer nahe Somalia aus – mehr Ziele bei zugleich dünnerer Bewachung.

Wie viele Schiffe die Somalia-Piraten gekapert haben

Zuletzt meldeten die Überwachungsstellen UKMTO und das EU-Zentrum MSCIO die Kaperung eines nicht näher benannten Frachters vor der somalischen Küste. Acht bewaffnete Angreifer seien an Bord gegangen, die Besatzung sei zunächst in Sicherheit.

Zwischen dem 21. April und dem 2. Mai 2026 zählte Windward sechs Sicherheitsvorfälle, darunter vier Kaperungen. Drei Handelsschiffe befanden sich Mitte Mai gleichzeitig in der Hand der Piraten.

Eines der ersten Ziele war der unter Palau-Flagge fahrende Produktentanker „Honour 25“, rund 30 Seemeilen vor der Küste. An Bord waren 18.500 Barrel Öl für das von Treibstoffmangel geplagte Mogadischu und eine 17-köpfige Crew.

Beim gekaperten Schiff „Eureka“ stieg die geforderte Lösegeldsumme laut Windward von 3 auf 10 Millionen US-Dollar.

Der dänische Reederverband Danish Shipping hat Zahlen des IMB ausgewertet. Demnach gab es im Jahr 2024 acht und 2025 fünf Vorfälle vor Somalia – allein in den ersten sieben Monaten 2026 waren es bereits 13.

Piraterie sorgte für Schaden in Milliardenhöhe

Vom Ausmaß der Jahre 2009 bis 2011 ist die Lage weit entfernt, als jährlich mehr als 200 Angriffe registriert wurden, bevor die Nato und die 47 Nationen umfassende „Combined Maritime Forces“ die Bedrohung weitgehend eindämmten.

Auf dem Höhepunkt bezifferte Windward die jährlichen Kosten für die globale Schifffahrt auf rund sieben Milliarden US-Dollar – Erickson nennt für die Jahre 2005 bis 2011 sogar etwa 18 Milliarden US-Dollar Schaden pro Jahr.

Weißes Haus bestreitet Zusammenhang

Die US-Regierung weist die Deutung, der Anstieg der Piraterie hänge mit dem Iran-Krieg zusammen, zurück. Die USA seien der größte Geldgeber für Somalias Sicherheit, sagte ein Vertreter des Weißen Hauses gegenüber Politico.

Die Vereinigten Staaten unterhielten „robuste, hochleistungsfähige Seesicherheitskräfte“ in der Region, die kritische Schifffahrtswege einschließlich des Öltransports schützen könnten – und zugleich umfassendere regionale Bedrohungen angehen könnten.

Kommen Waffen von den Huthi? Was belegt ist – und was nicht

Ob die Piraten externe Unterstützung erhalten, ist offen. Laut Berichten aus dem Mai 2026 sollen Piratengruppen im Somali-Becken GPS-Technik und Kleinwaffen aus Huthi-Netzwerken erhalten haben – möglich würden damit Angriffe bis zu 600 Seemeilen vor der Küste.

Windward betont in seiner Analyse jedoch ausdrücklich, dass diese Berichte nicht bestätigt seien.

Was Reeder befürchten

Für die Schifffahrt bedeutet die Entwicklung vor allem steigende Kosten. Erickson warnt vor „mehreren Faktoren“, die die Preise in die Höhe trieben, Unternehmen zum Rückzug zwängen und die Weltwirtschaft bedrohten.

Danish-Shipping-Vize Jacob K. Clasen rät zu gründlichen Risikoanalysen und Schutzmaßnahmen – von Stacheldraht über Wasserwerfer bis hin zu bewaffneten Wachen. Schiffe, die den internationalen Best-Management-Practices folgten, seien deutlich weniger gefährdet.

Als Ursachen an Land nennt Clasen unter anderem Dürre, illegale Fischerei, wirtschaftliche Not und schwache staatliche Strukturen.

Ob aus der Häufung ein dauerhaftes Muster wird, hängt nach Einschätzung von Windward auch davon ab, ob die Marinekräfte in den westlichen Indischen Ozean zurückkehren – oder weiter am Golf und im Roten Meer gebunden bleiben.

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