Tiflet, Marokko. Dieses Mal gab es keine Sensationsbilder: Etliche Accounts hatten in den sozialen Medien angekündigt, dass am zurückliegenden Samstag Migranten versuchen würden, in die von Marokko umgebene spanische Exklave Ceuta zu gelangen. Es sollte eine Wiederholung der Geschehnisse am 30. Juli sein, an dem über 70.000 Menschen die Grenze nach Ceuta passiert hatten. Spanien und Marokko hatten die Sicherheitsvorkehrungen fürs vergangene Wochenende verschärft. Die marokkanischen Behörden verkündeten schließlich, sie hätten 294 Menschen an der Durch­reise gehindert.

In Marokko lässt sich der Drang nach einem besseren Leben in Europa an der Verfügbarkeit von Taxis ablesen. Viele Menschen im Land bewegen sich täglich in Sammeltaxis fort, weil sie kein eigenes Auto besitzen. In Tiflet, einer Stadt circa fünfzig Kilometer östlich der Hauptstadt Rabat, war es in den letzten Juli- und ersten Augusttagen schwierig, überhaupt einen Sammeltaxiplatz zu ergattern. »Viele Taxen sind nicht da, die sind an der Nordgrenze. Zuvor ging das Gerücht um, dort lasse sich schnelles Geld verdienen, viele fuhren daraufhin mit Leuten aus der Region los«, berichtete Khadidja*, die die Hälfte des Jahres in Frankreich lebt, der Jungle World. Offenkundig war dem Ereignis vom 30. Juli einiges vorausgegangen: Gerüchte hatten sich verbreitet, Zehntausende Menschen hatten die Möglichkeit eines Grenzübertritts diskutiert und sich auf den großen Tag vorbereitet – und das häufig in den sozialen Medien oder in riesigen Whatsapp-Gruppen. Nichts Vergleichbares war vergangene Woche zu beobachten gewesen.

Rechtsextreme unterschiedlicher Couleur besuchten in den Tagen nach dem 30. Juli Ceuta, um sich als Retter Spaniens in Szene zu setzen.

Dass in einem Staat wie Marokko mit seiner intensiven polizeilichen Überwachung der Bevölkerung solche Vorgänge unbeobachtet oder ohne stillschweigende Duldung geschehen, ist unwahrscheinlich. Die marokkanische Staatsmacht stellte ihre Macht in doppeltem Sinne unter Beweis – indem sie die Grenzen kurzfristig durchlässig hielt, und indem sie davor und danach den Durchlass in Richtung EU-Territorium auf ihrer Seite wirkungsvoll blockierte.

Begünstigt wurde der Andrang Ende Juli aber auch von der in Windeseile über soziale Medien verbreiteten Nachricht von einem Urteil des spanischen Obersten Gerichtshof. Dieser urteilte, nur wer bei der Einreise in Spanien Grenzbarrieren überwinde, könne ohne Prüfung eines Aufenthalts- oder Asylgrunds zurückgewiesen werden, nicht jedoch jeder, der über das Wasser ankomme. Er dachte dabei wohl vor allem an die zum Staatsgebiet gehörenden Kanarischen Inseln. Verzerrt und überformt kam dies in den sozialen Medien so herüber, als stehe damit der Weg ins EU-Gebiet offen. Zwar zählt Ceuta zur EU und auch zum Raum des Schengen-Abkommens und unterliegt damit der Freizügigkeit innerhalb der Union. Doch die Exklave besitzt einen Sonderstatus, aufgrund dessen das Vorhandensein eines Visums oder Aufenthaltstitels bei der Ausreise auf die Iberische Halbinsel überprüft wird.

Fast alle Eingereisten sind schon wieder zurück in Marokko

Überraschend an den Vorgängen um den 30. Juli war auch die Rekordgeschwindigkeit, mit der zahlreiche in die Exklave Eingereisten nach Marokko zurückkehrten. Am 4. August vermeldete die französische Nachrichtenagentur AFP, von 72.000 kürzlich über die Grenze Gekommenen seien 70.000 bereits zurück in Marokko. Nachdem in der Sommerhitze nicht einmal Notrationen an Trinkwasser ausgegeben wurden, die Stimmung der Einwohner Ceutas feindselig war und die spanische Polizei mit marokkanischer Unterstützung mit Abschiebungen begann, gingen viele freiwillig.

Geblieben sind in der Exklave vor allem unbegleitete Minderjährige, die in Marokko Straßenkinder oder vor häuslicher Gewalt geflohen waren, und subsaharische Migranten, die sich zuvor ohne Aufenthaltstitel oder Staatsbürgerschaft in Marokko aufgehalten hatten. Aus dieser Personengruppe hatte die marokkanische Grenzpolizei allerdings am 30. Juli nur sehr wenige durchgelassen, überwiegend waren es eigene Staatsangehörige. Über die genauen Zahlen ist zwischen den spanischen politischen Lagern ein Streit entbrannt. So stellte der konservative Präsident Ceutas, Juan Jesús Vivas (PP), die offizielle Angabe von etwa 3.000 Gebliebenen in Frage; es seien bis zu 11.000. Auch die genaue Zahl der Menschen, die beim Schwimmen nach Ceuta umgekommen waren, ist nicht geklärt – derzeit muss von mindestens 140 Toten ausgegangen werden.

Dass die meisten Migrant:innen schon bald wieder zurückgekehrt waren, hinderte extreme Rechte in Spanien und ganz Europa nicht daran, schrill vor einem »Ansturm« und einer »Invasion« zu warnen.

Dass die meisten Migrant:innen schon bald wieder zurückgekehrt waren, hinderte extreme Rechte in Spanien und ganz Europa nicht daran, schrill vor einem »Ansturm« und einer »Invasion« zu warnen. Rechtsextreme unterschiedlicher Couleur besuchten in den Tagen nach dem 30. Juli Ceuta, um sich als Retter Spaniens in Szene zu setzen.

Beispiele dafür waren der Parteivorsitzende der rechtspopulistischen Partei Vox, Santiago Abascal, der für den Besuch eine geplante Reise nach Kolumbien absagte. Ebenso warf er der spanischen Regierung unter dem Sozialdemokraten Pedro Sánchez wegen der Vorkommnisse in Ceuta »Hochverrat« vor, weswegen Sánchez der Prozess gemacht werden müsse. Zudem forderte Abascal, die Grenze zu militarisieren und jegliche Mittel für in der Flüchtlingshilfe tätige NGOs zu streichen, weil diese die Grenzübertritte befördert hätten.

Auch der rechtsextreme Influencer Vito Quiles ließ sich wenige Tage nach den Grenzübertritten zusammen mit seinen Anhängern in Ceuta blicken, wogegen sich jedoch auch Protest formierte. Rechtsextreme Unterstützer der gescheiterten europäischen Bürgerinitiative »Save Europe Act« waren ebenfalls in Ceuta und forderten eine massenhafte »Remigration« (Jungle World 30/2026). Gegen einen Besuch des Europaabgeordneten der rechtsextremen Kleinpartei Se Acabó la Fiesta (Die Feier ist vorbei), Alvise Pérez, am 8. August richtete sich eine Kundgebung von Bürgern Ceutas. Viele der rechten Parolen kamen offenbar nicht so gut an wie gewünscht.

* Name von der Redaktion geändert