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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt Orte, die zu klein sind für einen Punkt auf der Weltkarte, aber trotzdem riesige Bedeutung erlangen. So ein Ort sind die Marshall-Inseln. Heute vor 500 Jahren, am 21. August 1526, sichtete der spanische Konquistador Alonso de Salazar als erster Europäer die Kette flacher Korallenatolle im Pazifik nordöstlich von Australien. Er fand sie nicht wertvoll genug und segelte weiter, den Gewürzinseln entgegen. Fünf Jahrhunderte später erscheint seine Entdeckung in neuem Licht.

Denn die Geschichte der Inseln liest sich wie eine Kurzfassung der Moderne: Ihre Ureinwohner nannten sie Jolet-jen Anij, „Geschenke Gottes“, doch über ihr Schicksal entschieden stets andere. Zuerst kamen die Konquistadoren, dann Kolonialmächte, schließlich die Atombomben der USA, die „zum Wohl der Menschheit“ dort getestet wurden. Heute umwerben Washington und Peking die 35.000 Bewohner der Atolle wie Schachfiguren im pazifischen Machtspiel. Und nun naht der letzte Kolonisator, gegen den kein Vertrag hilft: das steigende Wasser.

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Ausgerechnet die „Geschenke Gottes“ versinken im Meer, weil Gesellschaften weit entfernt die Rechnung für ihren Wohlstand seit Generationen nicht bezahlen wollen. Die Marshall-Inseln ragen im Schnitt nur zwei Meter aus dem Ozean heraus, sie sind der am stärksten vom steigenden Meeresspiegel bedrohte Staat der Welt. Das Kohlendioxid, das die Atmosphäre erhitzt und die Gletscher schmelzen lässt, deren Wasser nun die Inseln ertränkt, stammt zum größten Teil aus den Fabriken, Straßennetzen und Wohnungen des globalen Nordens.

Lange schien diese Kette von Ursache und Wirkung in europäischen Ohren eine ferne, abstrakte Erzählung zu sein. Das ist vorbei. Wer die Gefahren der Klimakrise für eine Anekdote aus der Südsee hielt, wurde in den vergangenen Wochen eines Besseren belehrt: Die Bundesrepublik hat den tödlichsten Hitzesommer ihrer Geschichte erlebt. Flüsse gerieten zu Rinnsalen, Felder verdorrten, Wälder brannten. Was den Bewohnern der Marshall-Inseln die Springflut ist, war hierzulande die Hitzeglocke: dieselbe bedrohliche Physik, nur in anderer Form. Die Erderwärmung verändert die Lebensbedingungen auf dem Globus rasant, und Europa ist der Kontinent, der sich am schnellsten aufheizt.

Wissenschaftler sagen klipp und klar, was dagegen zu tun ist. Der nachhaltige Umbau von Verkehr, Ernährungswirtschaft, Energieversorgung und Konsum ist zigfach beschrieben, geplant und beschworen worden. Woran es hapert, ist der Wille, den Preis dafür jetzt zu zahlen. Denn Klimaschutz kostet zunächst viel Geld: Er verlangt Investitionen in Netze, Wärmeversorgung, Deiche, Tierhaltung und den Umbau ganzer Industrien. Investitionen also, deren Nutzen unsichtbar bleibt: Schäden, die eben nicht eintreten. Eine psychologisch undankbare und daher heikle politische Aufgabe, weil ihr Erfolg darin besteht, dass nichts geschieht.

Doch jede Kalkulation, die am Klimaschutz spart, entpuppt sich als Trugschluss. Denn die Alternative ist nicht billiger, sie wird nur später fällig. Jedes verlorene Jahr lässt die erforderlichen Summen exponentiell steigen; schon fünf Jahre Zögern verteuern allein die Verkehrswende um 500 Milliarden Euro. Jeder heute gesparte Euro muss übermorgen um ein Vielfaches entrichtet werden, ausgezahlt in steigenden Gesundheitskosten, Lebensmittelpreisen, Überflutungsschutz, Bewässerungsprojekten, Nothilfe. Wer hingegen heute handelt, kann mit klugen Programmen viel bewirken.

Diese Rechnung geht alle etwas an. Die unionsgeführte Bundesregierung sollte aufhören, den nachhaltigen Umbau zu vertagen und im Klein-Klein der Zuständigkeiten zu ersticken. Unternehmen sollten begreifen, dass Emissionen kein Imageproblem, sondern ein Bilanzrisiko sind und Klimaschutz ein lukratives Geschäft sein kann. Und mehr Bürger als bisher sollten Verantwortung übernehmen – beim Heizen, Fahren, Fliegen, Essen, an der Wahlurne. Der bequemste Irrtum unserer Zeit ist der Glaube, das eigene Handeln sei zu klein, um zu zählen. Es ist derselbe Irrtum, mit dem der Konquistador Alonso de Salazar 1526 an den Atollen vorbeisegelte, weil sie ihm zu unbedeutend erschienen.

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Tagesanbruch – Der Newsletter für den Wissensvorsprung

500 Jahre nach seiner Expedition stellen die Marshall-Inseln eine wertvolle Warnung dar. Ihr Schicksal sollte die Menschheit endlich begreifen lassen, was auf dem Spiel steht. Die „Geschenke Gottes“ versinken vor unseren Augen. Es wäre ein historischer Fehler, wenn wir einfach weitersegelten wie bisher.

Vergrößern des BildesVergrößern des Bildes (Quelle: t-online)

100 Tage Ebola

Morgen werden 100 Tage vergangen sein, seit der jüngste Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo bekanntgegeben wurde – und ein Ende ist nicht in Sicht. Die bisherige Schreckensbilanz der hochansteckenden Infektionskrankheit: mehr als 5.000 Fälle und bald 2.500 Tote, eine Sterberate von fast 50 Prozent. Wobei die Dunkelziffern noch weitaus höher liegen dürften. Eine schwache medizinische Infrastruktur, schlechte Verkehrswege und die anhaltende Gewalt im Ostkongo erschweren die Eindämmung des Fiebers, für die es nötig wäre, Fälle rechtzeitig aufzuspüren und Kranke entsprechend zu isolieren und zu behandeln. War zunächst nur die Provinz Ituri im Nordosten an der Grenze zu Uganda betroffen, ist das Fieber inzwischen in weiteren Provinzen des zentralafrikanischen Landes aufgetreten.

Zudem gibt es für den Ebola-Erreger des Typs Bundibugyo bislang weder einen speziellen Impfstoff noch eine spezielle Therapie. Immerhin: Von der Weltgesundheitsorganisation erhält der Kongo nun 70.000 Dosen des Impfstoffs Ervebo, der eigentlich nur für den Einsatz gegen den Zaire-Stamm zugelassen ist, womöglich aber auch gegen die Bundibugyo-Variante Schutz bieten kann. Und auch Deutschland, die EU und die Vereinten Nationen stocken ihre Finanzhilfen auf, schicken Schnelltests und Geräte. Doch die Herausforderung für die Helfer bleibt riesig: Solange nicht jede Infektionskette gefunden und unterbrochen ist, wird die Epidemie weiter wüten.

Rebellenkämpfer und Mediziner vor einer Ebola-Station in Goma.Vergrößern des BildesRebellenkämpfer und Mediziner vor einer Ebola-Station in Goma. (Quelle: Arlette Bashizi/REUTERS)

Einigung oder Eskalation?

Am Dienstag war in Washington mal wieder „Taco Tuesday“: Der Begriff steht in der US-Hauptstadt längst nicht mehr nur für vergünstigte mexikanische Teigfladen, sondern auch für das permanente Einknicken des Präsidenten Donald Trump nach zuvor ausgesprochenen Drohungen oder Ultimaten („Taco“ als Akronym aus „Trump Always Chickens Out“). Diesmal ging es um Strafzölle in Höhe von 50 Prozent, mit denen er ab Mittwoch Kanada überziehen wollte – und die er dann doch wieder aussetzte, zunächst für drei Tage.