Jonathan Walcher ist 19. Sein Plan für die Zukunft ist irgendwo zwischen Neusäß und seiner Schule, dem Gymnasium bei St. Stephan in Augsburg, entstanden. Bis zum nächsten Sommer will er in einem Kloster in Tansania mit Mönchen leben und bei Farmarbeit und Aidshilfe unterstützen. Freiwilligenarbeit im Ausland steht auch bei der 20-jährigen Lisa Falk an. Bisher wohnte sie gemeinsam mit ihren Eltern in Thierhaupten. In Chile wird sie das erste Mal in einer WG wohnen und Menschen mit Behinderung beim Lernen unterstützen. Was die beiden Freiwilligen vermeiden und was sie lernen wollen.

Statt in Thierhaupten lebt Lisa Falk bald für ein Jahr in Chile

Vor ihrer Reise nach Chile hat Lisa Falk bereits Fotos ausgedruckt. An der Wand eines Zimmers, das sie noch nie gesehen hat, sollen vertraute Gesichter hängen. Die Tasche ist gepackt, Besuch von den Eltern und ihrer guten Freundin Denise bereits geplant. „Denise und ich haben gemeinsam begonnen Spanisch zu lernen, ich in einem Anfängerkurs, sie mit einer Sprachlern-App.“ Alleine im Ausland ist Falk noch nie gewesen, eine 40-Stunden-Woche kennt sie hingegen schon.

Nach ihrem Schulabschluss mit 16 hat sie eine Ausbildung beim Bistum Augsburg gemacht. Dass sie als junger Mensch eine Zeit im Ausland verbringen möchte, war ihr schon zu Schulzeiten klar. Statt mit den Eltern Urlaub auf dem Kreuzfahrtschiff machen, geht sie nun auf eine völlig andere Art der Reise. „Ich möchte dort unabhängiger leben und auch reifer werden“, sagt sie. Mit zwei anderen Freiwilligen wird sie ausgebildete Fachkräfte im Unterricht für Menschen mit Behinderung unterstützen.

Ihr Auslandsjahr wird über das „weltwärts“-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie den „Internationalen Jugendfreiwilligendienst“ gefördert. Die Diözese Augsburg fungiert als „Entsendeorganisation“. Jedes Jahr reisen Menschen aus dem Raum Augsburg zwischen 18 und 28 Jahren zu Einsatzstellen in Europa, Afrika, Südamerika. Die Vorbereitung ihres neun bis zwölfmonatigen Aufenthalts geht dabei über organisatorische Abläufe hinaus. An Vorbereitungswochenenden und in Seminaren lernen sie sich untereinander kennen.

Walcher und Falk werden auch mit Kolonialismus konfrontiert

Für einige Wochen werden Falk und Walcher auch die Möglichkeit haben, eigenständig zu reisen. Um sich verständigen zu können, muss Jonathan Walcher eine neue Sprache lernen. „In der ländlichen Region in Tansania, in der ich bin, braucht man zusätzlich zu Englisch Suaheli zur Verständigung.“ Außerdem hofft der 19-Jährige, einen anderen Umgang mit Zeit zu finden.

„In Seminaren haben wir gelernt, dass der europäische Lebensstil in Tansania als hektisch wahrgenommen wird.“ Und: Als weißer Deutscher nach Tansania zu gehen, erfordert Wissen über die Folgen des Kolonialismus. „In Seminaren haben wir darüber gesprochen, wie wichtig es ist, den Menschen vor Ort unsere Kultur nicht aufzuzwingen, sondern unvoreingenommen dort hinzugehen“, ergänzt Lisa Falk.

Wie können junge Erwachsene ehemaliger Kolonialmächte in früher (deutsch) besetzten Gebieten heute wirklich helfen? Walcher weiß, dass er in Tansania mit diesem Erbe konfrontiert wird und hat sich bewusst mit dem „white savior komplex“ auseinandergesetzt. Der Wunsch privilegierter weißer Menschen im Globalen Süden als Retter aufzutreten, kann Rassismus vor Ort reproduzieren, anstatt zu helfen. Auch Falk will ihre Rolle als Helfende in Chile über die Seminare hinaus reflektieren.