Beni ist eine Stadt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Wer hier im Ebola-Ausbreitungsgebiet ankommt, erwartet vielleicht Endzeitstimmung, leere Straßen und panische Menschen. Die Realität sieht anders aus.
„Das tägliche Leben geht in Beni im Grunde normal weiter“, sagt Christoph Friedl von Ärzte ohne Grenzen (MSF) im Gespräch mit ORF Wissen. Der Steirer ist Projektkoordinator in einem Behandlungszentrum – seit fast zwei Wochen ist er in der Region Nord-Kivu stationiert und wird dort bis Ende Oktober bleiben. „Die Geschäfte sind offen, die Schulen sind offen, die Kinder spielen auf der Straße.“
Überlastetes Gesundheitssystem
Doch während die Bevölkerung versucht, ihren normalen Alltag aufrechtzuerhalten, herrscht im Gesundheitssystem Ausnahmezustand. „Das Stresslevel ist sehr hoch, sowohl bei den Kollegen im Spital als auch bei uns in der Koordination“, so Friedl. Das Gesundheitssystem sei überlastet, die Zustände an vielen Stellen chaotisch.
Friedl koordiniert in Beni ein Ebola-Behandlungszentrum mit 32 Betten – 16 für Verdachtsfälle, 16 für bestätigte Fälle. Als Projektkoordinator trägt er die Verantwortung für alles: die Sicherheit seines Teams, die Koordination mit dem Gesundheitsministerium, mit Militär, Polizei – und mit bewaffneten Gruppen, denn in der Region Nord-Kivu gibt es nach wie vor anhaltende bewaffnete Konflikte.

Ärzte ohne Grenzen
Das Ebola-Behandlungszentrum von Ärzte ohne Grenzen in Beni, Nord-Kivu
Zusätzlich zum Behandlungszentrum betreut Friedl mit seinem Team auch vier Gesundheitszentren in der Region. Der Grund: Auch während eines Ebola-Ausbruchs gibt es Krankheiten wie Malaria und Masern. „Man muss die Balance halten“, erklärt er. „Wenn alle Ressourcen in die Ebola-Behandlung fließen, sterben mehr Menschen an herkömmlichen Erkrankungen.“
Misstrauen und Gewalt
Eine große Hürde ist vor Ort aber auch das in vielen Bevölkerungsgruppen tief verwurzelte Misstrauen gegenüber den Behandlungen und den Hilfskräften. „Es gibt in manchen Gruppen Mythen: Organhandel, die Kinder sterben in den Behandlungszentren, man kommt nicht mehr lebend heraus“, zählt Friedl auf. Das Problem: Wenn das Misstrauen zu groß wird, kann das in gewalttätigen Auseinandersetzungen enden.
Ärzte ohne Grenzen hat aus früheren Angriffen auf Zentren gelernt. „Wir geben der Bevölkerung Zugang“, erklärt Friedl. Der Besucherraum wurde erweitert, Fenster wurden in die Zentren eingebaut, damit Familienmitglieder die Erkrankten sehen können, ohne die Schutzzone zu betreten.
Trotz der Konflikte gibt es in den Behandlungszentren aber keine bewaffneten Wachposten – das ist auch eines der Grundprinzipien von MSF. „Wir sind dort, wo wir akzeptiert werden. Um diese Akzeptanz zu erreichen, bedarf es aber sehr viel Arbeit.“
Verheimlichungen und schwere Abschiede
Das Contact Tracing ist ebenfalls ein zentrales Instrument der Ebola-Eindämmung. Doch auch dieses Instrument funktioniert in den verschiedenen Gruppen vor Ort unterschiedlich gut. „Wo Ebola politisiert wird oder Mythen vorherrschen, werden Fälle oft auch verheimlicht“, so Friedl. Die Konsequenz: Es entstehen Übertragungsherde, die zu spät oder gar nicht erkannt werden.
Außerdem heikel: der Umgang mit Todesfällen. Ebola-Leichen sind hochansteckend – sie müssen in spezielle Leichensäcke verpackt werden, ein persönlicher Abschied von den Verstorbenen ist nicht möglich. Und das „in einer Kultur, wo das Berühren des Körpers beim Abschiednehmen sehr wichtig ist“, so Friedl. MSF setzt vor Ort auch sogenannte Gesundheitspromoter und psychologische Teams ein, um zwischen medizinischer Notwendigkeit und kulturellen Bedürfnissen zu vermitteln.
Fortschritte bei Impfstoffen
Das größte medizinische Problem: Es gibt nach wie vor keinen speziell auf das Bundibugyo-Virus zugeschnittenen Impfstoff. „Die bereits zugelassenen Impfstoffe wurden zielgerichtet auf die Viren früherer Ausbrüche – etwa das Zaire-Virus – entwickelt“, erklärt die österreichische Infektionsmedizinerin Christina Nicolodi gegenüber ORF Wissen. Bisher ist nicht klar, ob und wie gut diese Impfstoffe auch gegen das Bundibugyo-Virus wirken.
Einen ersten Schritt gibt es nun aber: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat diese Woche 70.000 Dosen eines zugelassenen Zaire-Impfstoffs für den Einsatz im Kongo freigegeben – 50.000 davon sind für Gesundheitspersonal gedacht, 20.000 für eine klinische Studie, die klären soll, wie gut der Impfstoff tatsächlich wirkt.
Kein Geld, keine Elektrizität
Neben den zielgerichteten Impfungen fehlt laut Friedl vor Ort aber noch weit mehr: „Das kann man sich vielleicht bei uns in Österreich gar nicht so vorstellen. Da gibt es oft keinen Computer, keine Elektrizität in den Büros am Abend. Kein Geld für ein Motortaxi, um medizinische Daten von A nach B zu bringen. Keine Rettungswägen.“
Dazu kommt die körperliche und psychische Belastung: stundenlange Arbeit im Schutzanzug bei Tropenhitze, täglich konfrontiert mit schwerem Leid – und die ständige Sorge, sich selbst anzustecken. „Die Ansteckungsgefahr ist immer da“, so Friedl.
Dennoch relativiert er: Es gibt klare Protokolle, wenn sich ein Mitglied von Ärzte ohne Grenzen möglicherweise infiziert hat. Für internationale Mitarbeitende gibt es Isolations- und Ausreisemaßnahmen – für die nationalen Helferinnen und Helfer gibt es ebenso klare Abläufe und Unterstützung für die Familie.
Momente der Hoffnung
Inmitten all des Leids gibt es aber auch schöne Augenblicke. „Wir hatten eine Mama mit Zwillingen bei uns, um die zwei, drei Jahre alt, die unglaublich aktiv und zuckersüß waren“, erzählt Friedl. „Und wenn dann die Nachricht kommt, dass alle negativ sind und gehen dürfen – das sind so die schönen Momente, neben ganz vielen schwierigen.“

Ärzte ohne Grenzen
Neben der medizinischen Versorgung erschweren auch Misstrauen und Mythen die Behandlung der Betroffenen
Die eigentlichen Helden sind laut Friedl jedenfalls nicht die internationalen Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, sondern ihre kongolesischen Kolleginnen und Kollegen. Denn bei all der internationalen Aufmerksamkeit werde ein Punkt oft übersehen: Der Großteil der Arbeit vor Ort wird von Menschen aus dem Kongo geleistet.
“Ganz viel Wissen vorhanden“
„Wir sind bei uns in der Region eine Gruppe von vielleicht 30 externen Kollegen, die mit über 100 Kongolesen und Kongolesinnen zusammenarbeiten. Die haben über die Jahre bereits viel Expertise gesammelt. Da ist ganz viel Wissen vorhanden. Es fehlt an Ressourcen, nicht am Können.“
Über 1.400 MSF-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sind zurzeit im Ausbruchsgebiet im Einsatz. In Behandlungszentren in Ituri, Nord-Kivu, Süd-Kivu und Tshopo arbeiten sie mit dem, was da ist. Und in der Hoffnung, dass wirksame Impfstoffe und Medikamente möglichst bald in ausreichenden Mengen vorhanden sein werden.