
Auch bei der Beerdigung von Ebola-Opfern braucht es Schutzmaßnahmen.
Foto: AFP/JOSPIN MWISHA
Angetrieben durch das Bundibugyo-Virus breitet sich die Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo mit beispielloser Geschwindigkeit aus. Insgesamt sind laut offiziellen Zahlen aktuell fast 5000 Infektionen bestätigt und über 2300 Todesfälle verzeichnet. Die Variante, für die es noch keine spezifischen Impfstoffe und Medikamente gibt, wird durch direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten übertragen.
»Wir müssen ehrlich sein: Die Epidemie ist noch lange nicht unter Kontrolle. Sie hatte einen Vorsprung, und wir laufen immer noch hinterher«, warnte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, diese Woche bei einem Treffen des Ebola-Notfallausschusses. »Dies ist mittlerweile der zweitgrößte jemals verzeichnete Ebola-Ausbruch, und er breitet sich schneller aus als jeder bisherige.«
Die Dunkelziffer bei den Fallzahlen ist noch deutlich höher. Aktuelle epidemiologische Schätzungen des Afrikanischen Zentrums für Seuchenkontrolle (Africa CDC) zeigen, dass wohl nur etwa 30 bis 40 Prozent aller Infektionen erfasst würden. »Betrachtet man die tatsächliche Krankheitslast, sollten wir eigentlich von über 10 000 bis 15 000 Fällen ausgehen«, erklärte Kyeng Mercy, Leiterin der Abteilung für epidemiologische Überwachung und Frühwarnung bei Africa CDC, auf einer Pressekonferenz am Donnerstag.
Erste Impfstoffe freigegeben
Um unentdeckte Übertragungsketten zu durchbrechen, genehmigte die Internationale Koordinierungsgruppe, ein globaler Notfallmechanismus zur Verwaltung von Impfstoffvorräten, diese Woche die Freigabe von 70 000 Dosen des Ebola-Impfstoffs Ervebo des US-Unternehmens Merck/MSD. Während 50000 Dosen dem Schutz von besonders gefährdeten Beschäftigten im Gesundheitswesen dienen, werden 20 000 Dosen für eine klinische Phase-3-Studie reserviert, um weitere wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen.
Zwar ist die Wirksamkeit des Vakzins, das für die Zaire-Variante entwickelt wurde, gegen den Bundibugyo-Stamm beim Menschen unbewiesen. Tierdaten lassen jedoch auf einen wirksamen Schutz vor schweren Krankheitsverläufen hoffen. Die Beschaffung der Ervebo-Notfallreserve wird von der globalen Impfstoffallianz Gavi finanziert.
Ferner befinden sich laut WHO derzeit zwei Impfstoffkandidaten in klinischen Phase-1-Studien am Menschen. Das erste Vakzin wurde von der Universität Oxford in Zusammenarbeit mit dem Serum Institute of India entwickelt. Ein zweiter Impfstoffkandidat des US-Unternehmens Moderna, der auf mRNA-Technologie basiert, wird derzeit in Kanada getestet. Beide Programme werden von der Forschungsallianz CEPI mit Unterstützung des US-Außenministeriums getragen.
Auch die EU finanziert die Koordinierungsarbeit der WHO im Forschungsbereich mit. Neben einem Gesamtpaket von knapp 500 Millionen Euro stellte die Europäische Kommission zuletzt einen Zuschuss in Höhe von 2,5 Millionen Euro für Schnelltests bereit. Damit soll die Fallerkennung vor Ort deutlich beschleunigt werden.
Trotz internationaler Zusagen bleiben die Finanzierungslücken enorm: Von den für die Bewältigung der Krise veranschlagten 1,4 Milliarden US-Dollar wurde laut Africa CDC bislang nicht einmal die Hälfte tatsächlich ausgezahlt.
Ebola in Dörfern unter dem Radar
Insbesondere in Dörfern ist die Zahl unentdeckter Infektionen hoch. Dort verzeichnet die afrikanische Behörde einen Anstieg der Todesfälle außerhalb von Behandlungszentren. »Auch wenn uns Infektionen möglicherweise entgehen, können wir Todesfälle in den Dörfern nicht übersehen«, erklärte Yap Boum II, Leiter der Abteilung für Notfallvorsorge bei Africa CDC.
Den regionalen Kliniken fehlen oft grundlegende Mittel zur Infektionsprävention und -kontrolle, was die unbemerkte Ausbreitung des Virus begünstigt. Auch ist die Bundibugyo-Variante laut Epidemiologen in vielen Fällen mit einem milderen Krankheitsverlauf verbunden, was bedeutet, dass Betroffene weniger schnell Hilfe suchen. Zudem ist die Gesundheitsinfrastruktur aufgrund anhaltender Kämpfe zwischen rivalisierenden Milizen bis zum Zerreißen gespannt. Allein im Epizentrum Ituri hat der jahrzehntelange Konflikt laut UN-Angaben vom Freitag eine Million Menschen in die Flucht getrieben. Tief sitzendes Misstrauen der lokalen Gemeinschaften gegenüber der internationalen Hilfe und dem Staat erschwert die Arbeit der Behörden zusätzlich.
Um das Vertrauen in die Unterstützung im Gesundheitswesen zu stärken, forderten die WHO und das Africa CDC in den letzten Wochen einen Wandel im Ansatz zur Krankheitsbekämpfung. Lokale Amtsträger sollen demnach enger in die Koordination und Entscheidungsfindung eingebunden werden. Denn selbst die fortschrittlichsten Medikamente bleiben ohne das Vertrauen der lokalen Bevölkerung wirkungslos, betonte der Afrika-CDC-Experte Boum II mit Blick auf den geplanten Einsatz der Impfstoffe. »Jedes Mittel, das Leben retten kann – und sei es auch nur ein einziges –, ist von entscheidender Bedeutung. Dies muss aber in Partnerschaft mit den lokalen Gemeinschaften geschehen.«